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Direktbank ING:Der Anfang vom Ende des kostenlosen Girokontos

ING Bank

Das Logo der ING-Bank steht vor der Firmenzentrale.

(Foto: dpa)

Mit Gratis-Girokonten lockte die ING in den vergangenen Jahren Millionen Kunden an. Nun aber verlangt die größte Direktbank in Deutschland dafür erstmals Geld. Andere Anbieter könnten bald nachziehen.

Es war nur eine Frage der Zeit: Die ING verabschiedet sich als erste große Direktbank vom bedingungslos kostenlosen Girokonto. Wie die Deutschlandtochter der niederländischen Bank am Donnerstag auf der Bilanzpressekonferenz in Frankfurt mitteilte, ist das Girokonto für Kunden von Mai an nur noch dann kostenlos, wenn sie jünger als 28 Jahre alt sind oder wenn monatlich mehr als 700 Euro auf dem Konto eingehen. Nicht von der Änderung betroffen ist das Basiskonto, das sich vor allem an arme Menschen richtet, das Kunden aber in aller Regel nicht überziehen können. Für alle anderen werden 4,90 Euro pro Monat fällig.

Das könnte der Anfang vom Ende des kostenlosen Girokontos sein - noch mehr allerdings der Anfang vom Ende des kostenlosen Zweitkontos. "Was die ING jetzt macht, lässt sich bei anderen Banken schon länger beobachten", sagt Stephanie Heise, Finanzexpertin der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Beim kostenlosen Kontomodell der Postbank müssen monatlich sogar 3000 Euro eingehen, damit es kostenlos ist. Die 700 Euro bei der ING sind da noch eine vergleichsweise geringe Hürde. Allerdings war es allen voran die ING (früher ING-Diba), die sich jahrelang für ihr bedingungslos kostenloses Girokonto gefeiert und damit auf Kosten der Filialbanken - Sparkassen, Volksbanken - Tausende neue Kunden angezogen hatte.

Nun geht es auch der ING nicht mehr um Wachstum um jeden Preis. "Im niedrigen Zinsumfeld muss eine Bank nach alternativen Einnahmen suchen", sagte Deutschland-Chef Nick Jue, ohne zu beziffern, wie viele zusätzliche Einnahmen er sich durch die Maßnahme erhofft. Nach Angaben der ING wird das neue Kontomodell wohl ein Viertel der 2,8 Millionen ING-Kunden mit Girokonto betreffen; die große Mehrheit nutzt das Konto bereits als Gehaltskonto oder ist jünger als 28 Jahre. Das verbliebene Viertel jedoch zahlt künftig einen Preis, der vergleichsweise hoch ist für eine Online-Bank, die kein Filialnetz betreibt. Bei vielen Filialbanken kostet ein Onlinekonto zwischen drei und vier Euro.

Die ausschließlich online agierenden Banken haben bislang recht offensiv ihre Gratiskonten beworben, die obendrein oft noch eine kostenlose Kreditkarte bieten. Das war zwar attraktiv für die Kunden, verursachte aber auch Kosten bei den Direktbanken. So mancher Verbraucher nutzt es nur sporadisch als Zweitkonto, überweist vor dem Urlaub ein paar Hundert Euro auf die Kreditkarte und hebt im Ausland dann kostenlos Geld ab. Viel verdienen können die Direktbanken mit solchen Kunden nicht: Das Privileg, das Einkommen und die finanzielle Situation der Kunden zu kennen und ihnen darauf basierend weitere Angebote zu machen, hat weiterhin die Hausbank.

Schon seit einigen Jahren setzen einige Direktbanken daher Anreize, zum ersten Ansprechpartner der Kunden bei Finanzfragen zu werden. "Viele Direktbanken bieten inzwischen eine breitere Produktpalette an. Da ist es aus ihrer Sicht sinnvoll, zur Hausbank werden zu wollen", sagt Peter Barkow vom gleichnamigen Beratungs- und Analysehaus. Die ING will nun auch Wertpapierberatung anbieten - ein Novum in der Geschichte der Deutschland-Tochter, welche die ersten Jahrzehnte vor allem dank hoher Tages- und Festgeldzinsen gewachsen war. Comdirect und Consorsbank riefen schon vor geraumer Zeit Wechselprämien aus, wenn Kunden bei ihnen ein Konto eröffneten und es zugleich zu ihrem Gehaltskonto machten.

Bei der DKB können Bankkunden seit gut drei Jahren nur noch weltweit kostenlos Geld am Automaten abheben, wenn monatlich mindestens 700 Euro auf dem Konto eingehen. Auch diese drei Anbieter werben inzwischen weniger offensiv mit ihrem Gratiskonto, sondern eher mit kostenlosen Wertpapierdepots oder im Fall der DKB mit Krediten. Doch ist das Girokonto bei diesen Direktbanken weiterhin kostenlos. Jedenfalls bislang. Allerdings erhebt die Comdirect heute schon Gebühren für einzelne Posten wie Überweisungen am Telefon. Die Consorsbank will es ihrem Konkurrenten ING zumindest "kurzfristig" nicht gleichtun. Girokontos sollen vorerst komplett kostenlos bleiben. Doch "natürlich" denke man "angesichts der derzeitigen Zinssituation" über die Preismodelle nach, heißt es dort.

Früher konnten die Banken mit dem Girokonto schon alleine deshalb gut Geld verdienen, weil sie das Kundenguthaben zu hohen Zinsen am Kapitalmarkt anlegten. Das ist spätestens seit Beginn der Nullzins-Ära vorbei. Auch am Tagesgeld lässt sich kaum noch Geld verdienen. Am Ende bleibt also häufig nur der Ertrag aus Dispozinsen und die Hoffnung, dass der Kunde auch Wertpapiere kauft oder eine Immobilie finanzieren will. Die ING Deutschland konnte den Gewinn vor Steuern im vergangenen Jahr zwar um zwei Prozent auf 1,35 Milliarden Euro steigern. Das Zinsergebnis, der mit Abstand wichtigste Ertragsbringer, fiel aber um drei Prozent auf 2,1 Milliarden Euro.

Bereits in den vergangenen drei Jahren hatten viele Geldhäuser angefangen, für das Girokonto eine Gebühr zu verlangen oder diese anzuheben. Als im vergangenen Herbst klar wurde, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihre lockere Geldpolitik auf lange Zeit aufrechterhalten wird, gab es eine zweite große Welle an Gebührenerhöhungen. Banken mit vielen Millionen Kunden verfügen mit den Gebühren über einen großen Hebel, zumindest solange nicht zu viele lukrative Kunden gehen. Höhere Gebühren verursachen schließlich kaum zusätzliche Kosten. "Der Trend weg vom kostenlosen Girokonto wird vermutlich noch eine Weile anhalten", sagt Barkow. Erst im Januar hatte das Verbraucherportal Biallo.de für die SZ erhoben, dass nur noch knapp 40 Institute in Deutschland ein kostenloses Girokonto anbieten, das nicht an Bedingungen geknüpft ist.

Wer als Verbraucher künftig kein Geld fürs Konto zahlen möchte, dem bleibt kaum anderes übrig, als sich mit einem eher unliebsamen Thema zu befassen - und im Fall der Fälle zu wechseln. "Verbraucher sollten sich fragen, was sie von ihrem Konto erwarten und ob sie für die Dinge zahlen, die sie gar nicht brauchen", rät Verbraucherschützerin Heise. Um mit ihrem Konto umzuziehen, können sie das eher kompliziert anmutende Formular der gesetzlichen Kontenwechselhilfe nutzen. Alternativ helfen auch viele Institute beim Wechsel. Noch scheinen sich manche über neue Kunden zu freuen, trotz Nullzinsen.

© SZ.de/vit/mxh

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