bedeckt München 14°

Konsum:Influencer schicken Werbebotschaften ins Kinderzimmer

Viele Kinder und Jugendliche ernähren sich schlecht, zu diesem Ergebnis kommt das Robert-Koch-Institut.

(Foto: Patrick Fore/unsplash)

Eigentlich wollen Hersteller von Süßwaren, Limonade und Snacks auf Werbung für Kinder verzichten. Ein Versprechen, das sie aber häufig brechen. Verbraucherschützer fordern schärfere Gesetze.

Von Silvia Liebrich, München

Roadtrips enden meist in der Katastrophe, zumindest im Kino. Im Neunzigerjahre-Kultfilm "Thelma & Louise" hinterlassen zwei lebenshungrige Frauen auf Reisen eine Spur der Verwüstung und steuern am Ende auf den Abgrund zu. Verglichen damit kommt der Roadtrip der Influencerinnen Viktoria und Sarina harmlos und gewaltfrei daher, zumindest hat es den Anschein. Schließlich soll das Youtube-Video vor allem Kinder und Jugendliche ansprechen.

Die Handlung ist überschaubar: Es geht um eine längere Autofahrt zum Zahnarzt über die Autobahn. Dafür müssen die beiden erst einmal Proviant einkaufen. Neben ein paar Pfirsichen vor allem Buntklebriges, Salziges und zuckersüße Limo. Mit an Bord nehmen sie Marken bekannter Lebensmittelhersteller wie Coca-Cola, Haribo, Leibniz und Kellogg's. Ein Zwischenstopp beim Burgerbrater McDonalds? Pflichtprogramm.

Was daherkommt wie lustige Unterhaltung, ist nach Ansicht von Verbraucherschützern versteckte Werbung, die Kinder zum Kauf solcher Produkte animieren soll - und alles andere als harmlos ist. Sowohl der staatlich finanzierte Bundesverband der Verbraucherzentralen VZBV als auch der gemeinnützige Verein Foodwatch haben die Bundesregierung diesen Mittwoch aufgefordert, Kinder besser vor Werbung zu schützen. Nach Ansicht der Experten hat sich in den vergangenen Jahren deutlich gezeigt, dass die freiwillige Selbstverpflichtung der Industrie, darauf zu verzichten, nicht funktioniert.

"Die Bundesregierung muss die Gesundheit von Kindern endlich besser schützen und das an Kinder gerichtete Lebensmittelmarketing streng regulieren", fordert VZBV-Vorstand Klaus Müller. Bislang habe Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) dabei auf die freiwillige Selbstbeschränkung der Wirtschaft gesetzt, um die Vermarktung unausgewogener Lebensmittel an Kinder zu begrenzen. "Doch gerade unausgewogene, hoch verarbeitete Produkte bringen oft höhere Gewinnmargen als gesunde Lebensmittel", ergänzt Müller. Dies sei auch der Grund, warum Selbstverpflichtungen nicht funktionieren könnten.

Über Tiktok, Instagram und Co. erreichen die Stars Millionen junge Fans

Lebensmittelkonzerne setzen nach Recherchen von Foodwatch verstärkt bekannte Social-Media-Stars ein, um ungesunde Lebensmittel gezielt an die minderjährige Kundschaft zu vermarkten. "Mithilfe von Influencern senden die Unternehmen ihre Werbebotschaften an den Eltern vorbei direkt ins Kinderzimmer und auf die Handys junger Menschen", sagt Luise Molling von Foodwatch. Für die Recherche hat der Verein nach eigenen Angaben über einen Zeitraum von mehreren Wochen Tausende Posts, Storys und Videos von Social-Media-Stars untersucht.

Über Kanäle wie Youtube, Tiktok oder Instagram erreichen die Stars damit laut Foodwatch Millionen junger Fans. Damit werde vorbei an den Eltern Fehlernährung und Fettleibigkeit gefördert. Das Problem dabei ist, dass Kinder und Jugendliche Werbung nicht richtig einschätzen können oder erst gar nicht als solche erkennen. Foodwatch verweist auf eine Studie der Marktforschungsagentur M-Science, wonach sich insbesondere 11- bis 15-Jährige ihren Online-Stars "bedingungslos hingeben" und deren Aussagen "vollstes Vertrauen" entgegenbringen.

Ernährungsministerin Klöckner sieht das Problem: "An Kinder gerichtete Lebensmittelwerbung müssen wir stärker in den Blick nehmen", ließ sie mitteilen. Auch sie hält weitergehende Beschränkungen für notwendig, insbesondere im digitalen Bereich. "Werbung darf Kinder nicht dazu verleiten, sich ungesund zu ernähren", so Klöckner. Sie sieht vor allem den Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft in der Pflicht, er müsse seine Verhaltensregeln verschärfen, wichtig sei auch, dass diese Regeln in der Praxis streng angewandt würden. Der Haken daran: Die Selbstverpflichtung der Lebensmittelindustrie ist eine freiwillige Initiative, zu der sich nicht alle Hersteller bekennen.

Der VZBV fordert, dass nur solche Lebensmittel an Kinder vermarktet werden dürfen, die den Nährwertkriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entsprechen. Dies sollte den Angaben zufolge jede Form von Werbung umfassen - TV, Online, Plakate, Influencer, aber auch die Gestaltung von Verpackungen und das Sponsoring von Sportveranstaltungen und anderen Events. Verbandsvorstand Müller betonte, dass sich im vergangenen Jahr bei einer Umfrage 83 Prozent der Konsumenten für gesetzliche Höchstmengen bei Zucker, Fett und Salz in Produkten für Kinder ausgesprochen hätten.

Die Appelle der Verbraucherschützer an die Politik haben einen handfesten Hintergrund: Viele Kinder und Jugendliche ernähren sich schlecht, zu diesem Ergebnis kommt auch das staatliche Robert-Koch-Institut. Demnach verzehren Kinder im Alter von sechs bis elf Jahren im Schnitt nicht einmal halb so viel Obst und Gemüse, aber mehr als doppelt so viele Süßwaren oder Snacks wie von Ernährungsexperten empfohlen. Etwa 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen gelten als übergewichtig, sechs Prozent sogar als fettleibig. Das wiederum erhöht das Risiko für Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck und Gelenkprobleme.

Auch auf europäischer Ebene regt sich Kritik. Der europäische Verbraucherverband Beuc reichte am Dienstag eine Beschwerde gegen die beliebte Kurzvideo-App Tiktok bei der EU-Kommission und dem Netzwerk nationaler Verbraucherschutzbehörden ein. "Tiktok lässt seine Benutzer im Stich, indem ihre Rechte massenhaft verletzt werden", sagte Generaldirektorin Monique Goyens. "Kinder lieben Tiktok, aber das Unternehmen versagt darin, sie zu schützen." Konkret bemängeln die Verbraucherschützer, dass Kinder und Jugendliche nicht ausreichend vor versteckter Werbung und potenziell schädlichen Inhalten geschützt würden.

Tatsache ist, dass auch das 2019 veröffentlichte Video der Influencerinnen Viktoria und Sarina offenbar gut ankommt. Das zeigen die Abrufzahlen: Die Fahrt zum Zahnarzt - inklusive Zähneputzen auf dem Rastplatz - wurde bis heute mehr als zwei Millionen mal geklickt. Dass sie in ihren Filmchen naiver rüberkommen, als sie in Wirklichkeit sind, auch das gehört vermutlich zum Kalkül der Social-Media-Unternehmerinnen. "24 Stunden nur Essen mit 'P' essen", so der Titel des Videos, das klingt einfach nur nach Spaß. Einen Hinweis, dass hier Werbung gemacht wird, sucht man vergeblich. Die beiden Influencerinnen waren für eine Stellungnahme zunächst nicht erreichbar.

© SZ
Zur SZ-Startseite
Sebastian Dettmers, Geschäftsführer Stepstone, Pressebild

Quelle: Stepstone

SZ PlusJobsuche
:"Wir können von Tinder sehr viel lernen"

Sebastian Dettmers, der Chef des Online-Jobportals Stepstone, über Jobsuche in Corona-Zeiten, die Abschaffung der Kündigungsfrist und das Verhältnis zum Eigentümer Axel Springer.

Interview von Caspar Busse

Lesen Sie mehr zum Thema