Inflation:So hoch wie 1951

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Inflation: Eine Gießerei der Friedrich Wilhelms-Hütte der FWH Stahlguss. Sollte der Gasmangel Fabriken stilllegen, wird die Wirtschaft 2023 stärker schrumpfen.

Eine Gießerei der Friedrich Wilhelms-Hütte der FWH Stahlguss. Sollte der Gasmangel Fabriken stilllegen, wird die Wirtschaft 2023 stärker schrumpfen.

(Foto: Christoph Hardt/picture alliance/Panama Pictures)

Die Inflationsrate steigt in Deutschland auf 10,0 Prozent. Nicht einmal in der Ölkrise der 1970er-Jahre gingen die Preise so drastisch in die Höhe. Auch deswegen rutscht das Land in die Rezession, prognostizieren Wirtschaftsforscher.

Von Harald Freiberger und Alexander Hagelüken

Es war ein schwarzer Donnerstag für die deutsche Wirtschaft: Das Statistische Bundesamt meldete eine Inflationsrate von 10,0 Prozent, so hoch wie seit 71 Jahren nicht. Und die Wirtschaftsforscher sagen in ihrem Herbstgutachten voraus, dass die Preissteigerung 2023 im Jahresschnitt noch höher ausfallen wird - der Hauptgrund dafür, dass die deutsche Wirtschaft in die Rezession rutschen dürfte.

Im August hatte die Inflationsrate noch bei 7,9 Prozent gelegen. Der starke Anstieg liegt vor allem daran, dass Ende August das Neun-Euro-Ticket und der Tankrabatt nach drei Monaten ausliefen. Die Bundesbürger müssen nun wieder deutlich mehr für öffentliche Verkehrsmittel und Benzin zahlen.

Was Ökonomen aber noch mehr Sorgen bereitet, ist, dass sich unabhängig davon überall die Tendenz zu höheren Preisen verfestigt: Weil seit Ausbruch des Ukraine-Krieges die Preise für Öl, Gas, Strom und einige Lebensmittel extrem gestiegen sind, wälzen viele Unternehmen ihre höheren Kosten auch auf fast alle anderen Produkte um. "Die Preise steigen immer schneller auf breiter Basis", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Neun-Euro-Ticket und Tankrabatt hätten die Situation in den vergangenen Monaten verzerrt, nun zeige sich die ungeschminkte Wahrheit: ein gefährlich starker allgemeiner Preisauftrieb. Eine Inflationsrate von zehn Prozent in einem Monat hat es in Deutschland nicht einmal während der Ölkrise Anfang der 1970er-Jahre gegeben. Man muss bis ins Jahr 1951 zurückgehen, um eine höhere Inflationsrate zu finden. Damals ließ der Ausbruch des Korea-Krieges die Rohstoff- und Produzentenpreise emporschnellen.

"Immer mehr Menschen vertrauen nicht mehr dem Versprechen der Europäischen Zentralbank (EZB), die Inflationsrate auf zwei Prozent herunterzubekommen", sagt Ökonom Krämer. Sie habe das Problem zu lange kleingeredet. Deshalb sei es wichtig, dass sie die Zinsen nun weiter kräftig erhöhe, am besten um jeweils 0,75 Prozentpunkte bei jeder Sitzung. Krämer ist der Überzeugung, dass die EZB einen Einlagensatz von rund vier Prozent anpeilen sollte, um mittelfristig eine Inflation von wieder zwei Prozent sicherzustellen. Derzeit liegt dieser Einlagensatz bei 0,75 Prozent.

Eine Inflationsrate von zehn Prozent dürfte bei den Bundesbürgern für weitere Beunruhigung sorgen. Gerade ärmere Haushalte leiden unter der hohen Inflation, da sie häufig keine Ersparnisse haben, um die stark gestiegenen Preise aufzufangen. Die Diskussionen, wie die Bundesregierung gerade diese Menschen entlasten kann, könnten nun wieder an Fahrt aufnehmen.

Ökonomen fordern weitere Zinserhöhungen

Ulrich Kater, Chefökonom der Deka Bank, versucht zumindest in einem Punkt zu beruhigen: "Die Inflationsrate dürfte bald ihren Höhepunkt erreichen", sagt er. Er rechne damit, dass die Preissteigerung ab Dezember langsam zurückgeht, vor allem wegen sinkender Preise für Öl und Gas. "Eine Panik der Bürger wegen einer immer weiter steigenden Inflation ist deshalb nicht gerechtfertigt." Dennoch habe Deutschland ein längerfristiges Inflationsproblem, wenn auch nicht in der gegenwärtigen Dimension. Die Preissteigerung dürfte nach dem Rückgang auf einem Sockel von drei bis vier Prozent verharren. Deshalb könne es für die EZB keine Entwarnung geben. Sie müsse weiter entschieden mit höheren Zinsen gegen die hohe Inflation vorgehen. "Sie hat anders als die US-Notenbank Fed zu spät damit angefangen, wenn man am Anfang etwas geschlafen hat, muss man schneller laufen, um das Feld wieder zu erreichen", sagt der Ökonom.

Es liegt vor allem an den hohen Preisen, dass Deutschland mitten in der Erholung von der Corona-Krise bald erneut in eine Rezession rutschen dürfte. Die von den Energiepreisen hochgetriebene Inflation reduziert die Einkommen, so dass die Menschen weniger konsumieren. "Der russische Angriff auf die Ukraine und die daraus resultierende Krise auf den Energiemärkten führen zu einem spürbaren Einbruch", sagt Torsten Schmidt vom RWI-Institut.

Wer den Wirtschaftseinbruch verursacht, benennen die Institute RWI, Ifo, IWH und IfW in ihrer gemeinsamen Herbstprognose klar. Die Konjunktur verschlechterte sich bereits nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar. Nachdem Russland nun seine Gaslieferungen stark reduziert hat, sei ein erheblicher Teil des Gasangebots weggefallen - und die Preise in die Höhe geschossen. Die hohen Energie- und Lebensmittelpreise nehmen den Menschen viel Kaufkraft.

Wahrscheinlich kein Gasmangel

Immerhin ist im Winter dank aufgefüllter Speicher bei normaler Witterung nicht mit einem Gasmangel zu rechnen, so die Herbstprognose. Die Versorgungslage bleibe aber angespannt. Die Gaspreise dürften mittelfristig deutlich über dem Niveau vor der Krise liegen. Das bedeute für Deutschland einen permanenten Wohlstandsverlust. Die Wirtschaftsleistung fällt demnach dieses und kommendes Jahr um zusammen 160 Milliarden Euro geringer aus.

Die Forscher haben deshalb ihre Prognose für dieses Jahr halbiert und erwarten nur noch 1,4 Prozent wirtschaftliches Wachstum. 2023 schrumpfe die Wirtschaft. Erst im Jahr darauf soll sie wieder um knapp zwei Prozent expandieren. Die Energiedelle in der Wirtschaftsleistung würde damit weit geringer ausfallen als durch den Corona-Einbruch 2020. Sollte allerdings der Ukraine-Krieg eskalieren, die Preise noch stärker steigen oder Gasmangel Fabriken stilllegen, wird die Wirtschaft kommendes Jahr stärker schrumpfen.

Inflation im kommenden Jahr noch höher

Die Bürger werden die Preissteigerungen noch stärker zu spüren bekommen. "Der massive Anstieg der Energiepreise durch den russischen Angriffskrieg und die eingestellten Gaslieferungen stellt einen in der Nachkriegszeit einmaligen Preisschock für die deutsche Wirtschaft dar", urteilt Sebastian Dullien, Direktor des IMK-Instituts. Der Börsenpreis für Energie sei seit 2019 um 1000 Prozent gestiegen. "Bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern ist das größtenteils noch nicht angekommen, da viele Haushalte längerfristige Verträge mit ihren Versorgern haben. Der überwiegende Teil der Preissteigerungen wird im kommenden Winterhalbjahr zu Buche schlagen."

Laut Herbstprognose fällt die Inflation nächstes Jahr mit 8,8 Prozent sogar noch höher als aus dieses Jahr. Erst 2024 beruhigten sich die Preissteigerungen wieder. Die hohe Teuerung führt dazu, dass viele Beschäftigte inflationsbereinigt Lohneinbußen erleiden, so Guido Baldi vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): "Gerade Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen drohen so in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten."

Unternehmen spüren die Krise

Die Energiekrise entwickele sich auch für die deutsche Industrie zum Hauptproblem, so Baldi. Immerhin brauchen sich die meisten Menschen momentan wohl keine Sorgen um einen Arbeitsplatzverlust zu machen, so RWI-Konjunkturchef Schmidt. "Die Unternehmen werden aufgrund des Fachkräftemangels in vielen Bereichen aber bestrebt sein, den vorhandenen Personalbestand zu halten."

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