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Geldpolitik der EZB:Mehr Inflation wagen?

Tankstelle

Zapfpistolen an einer Tankstelle: Die Preise für Benzin und Diesel sind zuletzt stark gestiegen, das hat auch Einfluss auf die Inflationsrate.

(Foto: dpa)

Die steigenden Preise bereiten Millionen Menschen Sorge. Die EZB muss darauf reagieren - und vieles deutet auf eine Strategieänderung hin.

Von Markus Zydra, Frankfurt

Die Bürger haben ein feines Gespür für steigende Preise, besonders wenn es Produkte des täglichen Lebens betrifft. Tatsächlich sind in Deutschland Wohnen, Benzin und auch einzelne Lebensmittel deutlich teurer geworden. Das belastet vor allem Haushalte mit geringeren Einkommen, was die politische Brisanz der Entwicklung verstärkt. Im Mai lag die Inflationsrate bei 2,5 Prozent, so stark waren die Preise hierzulande seit 2011 nicht mehr gestiegen. Experten rechnen damit, dass die Teuerung in den nächsten Monaten über vier Prozent klettern könnte. Auch die Preise in der gesamten Währungsunion steigen, zuletzt um 1,6 Prozent. Die anziehende Konjunktur, die Knappheit einiger Industrieprodukte und die steigenden Rohstoffpreise dürften den augenblicklichen Trend zu einem Fakt verstärken: Die Inflation ist zurück.

Man darf davon ausgehen, dass Christine Lagarde, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, dieses Thema mit ihren Kollegen im EZB-Rat bei der Sitzung am Donnerstag aufgreifen wird. Konkrete Entscheidungen des Gremiums sind nicht zu erwarten, aber der Inflationsschub unterstreicht die verzwickte Lage der Notenbank. Die EZB hat ihre lockere Geldpolitik in der letzten Dekade immer wieder damit begründet, die niedrigen Teuerungsraten auf den Zielwert von nahe zwei Prozent zu hieven. Nun könnte man dieses lang ersehnte Ziel bald erreichen. Normalerweise müsste die Notenbank in diesem Fall ihre lockere Geldpolitik Schritt für Schritt beenden. Das hieße: Zinsen hoch und Anleihekäufe auslaufen lassen. Doch dazu dürfte es nicht kommen. Die Eurozone ist abhängig von den rekordgünstigen Finanzierungsbedingungen bei der Schuldenaufnahme.

Die EZB arbeitet daher seit Monaten an einer neuen geldpolitischen Strategie. Der Blick in die USA und nach Neuseeland geben einen Eindruck, wohin die Reise gehen könnte. Die amerikanische Federal Reserve hat beschlossen, in Zukunft höhere Inflationsraten als zwei Prozent zu dulden. Ihr Argument ist so simpel wie folgenreich: Weil die Preise in den letzten Jahren deutlich unterhalb des Inflationsziels lagen, kann man nun guten Gewissens auch eine Zeit lang höhere Werte tolerieren. In Neuseeland geht die Notenbank ähnlich vor. Sie definierte als neues Ziel einen Inflationskorridor von ein bis drei Prozent, mit dem Fokus auf zwei Prozent. Darüber hinaus wird die neuseeländische Zentralbank bei ihrer Geldpolitik künftig die Immobilienpreise berücksichtigten, die dort enorm gestiegen sind. Die Währungshüter in Neuseeland sind die ersten weltweit, die das tun. Sie kennen die Rolle als Vorreiter. Die dortige Zentralbank führte 1989 als erste das Zwei-Prozent-Inflationsziel ein.

"Toleranzband von zwei bis drei Prozent"

Wird auch die EZB bald eine neue Strategie verfolgen, die höhere Inflationsraten als bisher erlaubt? Ja, davon gehen viele Beobachter aus, zumal sich einige Mitglieder des EZB-Rats dafür ausgesprochen haben. In Fachkreisen wird schon eifrig spekuliert. Erik Nielsen, Chefvolkswirt der Unicredit, meint, die EZB solle ihre lockere Geldpolitik so lange fortsetzen, bis die Inflationsrate in der Eurozone 24 Monate lang ununterbrochen über zwei Prozent lag. Später solle es ein "Toleranzband von zwei bis drei Prozent" geben.

Wie sich die Zeiten ändern: Früher taten Notenbanken alles, um Inflation zu stoppen. In den 1980er-Jahren litten die Industriestaaten allerdings unter zweistelligen Inflationsraten. In den USA griff der damalige Notenbankchef Paul Volcker rigoros durch und erhöhte die Leitzinsen, obwohl er damit eine schwere Rezession auslöste. Danach galt bei den allermeisten Notenbanken das Prinzip: Sobald sich die Wirtschaft dem Zwei-Prozent-Inflationsziel näherte, erhöhten die Währungshüter den Leitzins. So erreichten sie über 20 Jahre lang Preisstabilität. Doch in den Jahren nach dem Ausbruch der globalen Finanzkrise verkehrte sich die Welt: Die Inflationsraten fielen weit unter zwei Prozent, obwohl die Wirtschaft boomte. Die Notenbanken verfehlten die eigene Vorgabe, was an ihrer Glaubwürdigkeit zehrte, zumal die Preise zeitweise sogar sanken. Noch im Dezember 2020 betrug das Preisminus in der Eurozone 0,2 Prozent.

Als Gründe für die sinkenden Inflationsraten gelten die Lohnkonkurrenz der globalisierten Welt, die zunehmende Alterung der Industriegesellschaften und der technologische Fortschritt. Diese Effekte wirken auch weiterhin preisdämpfend, doch die Angebotsverknappung in vielen Produktionsketten aufgrund der Pandemie und vor allem die staatlichen Ausgabenprogramme treiben die Preise nach oben. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und frühere US-Finanzminister Larry Summers spricht vom größten Inflationsrisiko seit 40 Jahren. In den USA liegt die Inflationsrate schon jetzt über vier Prozent.

Sollte die EZB den Entscheidungen der Notenbanken in den USA und Neuseeland folgen, müssen sich die Bürger wohl längerfristig auf höhere Preise einstellen. Manche Preiseffekte werden künftig sichtbarer, weil EZB und die Statistikbehörde Eurostat künftig die Entwicklung der Wohnkosten stärker bei der Inflationsberechnung berücksichtigen möchten. Das ist ein überfälliger Schritt, da die Wohnkosten im Warenkorb bislang zu gering gewichtet werden. Die Diskrepanz zwischen den offiziell gemessenen Teuerungsraten und der von Bürgern als viel höher empfundenen individuellen Inflationsrate könnte schrumpfen. Die Leitzinsen dürften mittelfristig weiterhin niedrig bleiben - für die mit Negativzinsen gestraften Sparer eine schlechte Nachricht.

© SZ
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