Notenbank:Noch eine Leitzinserhöhung, dann macht die EZB dicht

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Die Stromversorgung in der Notenbankzentrale braucht eine Rundumerneuerung. Den ganzen August müssen die 3500 Mitarbeiter woanders arbeiten. (Foto: Jan Eifert/IMAGO)

Die Notenbank sperrt für einen Monat ihren Frankfurter Tower zu. Die Elektrik ist kaputt, und zwar so richtig. Da hilft nur ein Komplett-Shutdown.

Von Markus Zydra, Frankfurt

Das kommt doch ein wenig überraschend: Gerade einmal acht Jahre nach dem Einzug in den Doppelturm der Europäischen Zentralbank bleibt das Gebäude für die gut 3500 Mitarbeiter den gesamten Monat August geschlossen. Der Grund: Die Elektrik muss überholt werden. Der Bau der bis zu 185 Meter hohen Doppeltürme im alten Arbeiterviertel der Stadt, das inzwischen von den Besserverdienenden in Beschlag genommen wurde, kostete rund 1,2 Milliarden Euro - über ein Drittel mehr als geplant. Die Planung dauerte zwölf Jahre. In den Neubau integriert ist die unter Denkmalschutz stehende Frankfurter Großmarkthalle aus dem Jahr 1928, wo früher Äpfel und Tomaten gehandelt wurden.

Bei der Eröffnung im März 2015 flogen Steine und Brandbeschleuniger. Hunderte militante Blockupy-Aktivisten zündeten Autos und Mülltonen an. Der Himmel über Frankfurt war schwarz an diesem Tag. Etwa hundert Polizisten und die gleiche Anzahl Demonstranten wurden verletzt. Die EZB stand damals in der Kritik, weil sie Pate für die harte Sparpolitik in klammen Euro-Staaten wie Griechenland und Portugal stand. Der damalige EZB-Präsident Mario Draghi sagte, die EZB sei "in den Fokus der Frustrierten geraten" und beschwor Zusammenhalt. Die Kritik an der EZB sollte in den Jahren danach nicht abschwellen, inzwischen muss die Notenbank die höchste Inflation seit Beginn der Währungsunion bekämpfen - nicht wenige sagen, die Währungshüter hätten zu spät reagiert.

"Dieses Gebäude hat die Bedeutung, ein dreidimensionales Zeichen für die Europäische Union zu sein", sagte der österreichische Architekt Wolf Dieter Prix, der den Glas-Koloss konzipierte. Mancher lästerte damals zwar, die Konstruktion wirke windschief und beherberge vor allem viel Luft, aber insgesamt zeigen sich viele Menschen und Besuchergruppen beim Anblick des EZB-Raumschiffs bis zum heutigen Tag fasziniert.

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Warum soll es der EZB als Bauherrin anders gehen als anderen Häuslebauern?

Umso erstaunlicher, dass der Zahn der Zeit so schnell an der Substanz nagte. Informationen, nach denen das Unternehmen, das damals für die Elektrik verantwortlich war, inzwischen pleite und daher seitens der Währungshüter keine Regressforderung mehr möglich sei, kommentiert die Bank nicht. Aber warum soll es der EZB als Bauherrin anders gehen als anderen Häuslebauern? Manches geht eben schneller kaputt als gedacht. Bei der Notenbank ist es mit der Elektrik ein Teil der kritischen Infrastruktur, der Handel mit Wertpapieren läuft elektronisch, ebenso das Daten-Backup. In den letzten Monaten waren bereits einzelne Abteilungen wegen der Reparaturarbeiten geschlossen, auch manches Wochenende wurde dazu genutzt. Doch es reichte nicht. Ein kompletter Shutdown ist notwendig. "Die Resilienz und die Sicherheit des Stromsystems werden durch die Arbeiten verbessert", teilt die Notenbank mit. Und außerdem: "Die EZB arbeitet in der Zeit normal weiter."

Aber eben ohne Präsenz: EZB-Präsidentin Christine Lagarde und alle anderen Kolleginnen und Kollegen abwärts der Hierarchieleiter müssen gut vier Wochen lang von zu Hause aus arbeiten. Oder einen der Plätze im alten EZB-Tower in der Innenstadt buchen. Oder Urlaub machen. Der August wurde nicht von ungefähr gewählt - an diesem Donnerstag trifft sich der EZB-Rat noch einmal in der Zentrale, eine weitere Leitzinserhöhung steht an. Danach wird dichtgemacht.

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