Das Leben ist kostspieliger geworden, man merkt es täglich beim Einkaufen im Supermarkt und an der Tankstelle. Energiekosten sind der stärkste Preistreiber und verteuern andere Produkte. Die Inflation in Deutschland lag im August bei 2,9 Prozent, in der Eurozone waren es sogar 3,3 Prozent. Die Europäische Zentralbank (EZB) steht unter Druck und wird bei ihrer nächsten Sitzung am 10. September den wichtigsten Leitzins wohl um 0,25 Prozentpunkte auf 2,5 Prozent anheben. Eine Zinserhöhung ist das wirksamste Instrument einer Notenbank im Kampf gegen hohe Inflation. Es wäre die richtige Entscheidung in einer schwierigen Situation. Die EZB muss einen erneuten Inflationsschock wie 2022 verhindern.
Damals kletterte die Inflation bis auf zehn Prozent. Geringverdiener litten damals am stärksten unter dem Schock. Die damaligen Preiserhöhungen für Brot und Käse haben bis heute Bestand. Nicht in jedem Haushalt stiegen die Löhne so, dass die hohen Lebenshaltungskosten ausgleichen wurden. Damals zögerten Europas Währungshüter zu lange, den Leitzins anzuheben. Diesen Fehler möchten sie nicht wiederholen, denn ein erneuter Inflationsschock wäre für die EZB ein Desaster. Europas Notenbank schlägt wie vielen anderen demokratischen Institutionen wachsendes Misstrauen entgegen. Die Notenbankchefs betonen bei jeder Gelegenheit, dass ihr zentrales Mandat darin besteht, Preisstabilität zu gewährleisten. Sollte dieses Ziel innerhalb weniger Jahre ein zweites Mal verfehlt werden, wäre die Reputation der Notenbank stark beschädigt.
Der Inflationsschock von 2022 ist nicht vergessen
Der erneute Anstieg der Inflation trifft die Notenbank also in einem Moment der Schwäche. In Zukunft dürfte es ohnehin deutlich schwieriger werden, die Inflation niedrig zu halten. Der Globalisierungsschub und die regelbasierte Weltordnung nach dem Fall der Mauer und dem Ende des Ost-West-Konflikts konnte die Inflation in Europa von den 1990er-Jahren an fast 30 Jahre lang dämpfen. Doch inzwischen sind militärische Konflikte, zunehmender Protektionismus und der Klimawandel zu gefährlichen und kaum steuerbaren Preistreibern geworden: Wenn die Versorgung mit seltenen Erden oder Mikrochips stockt, weil die Herstellerländer China und USA politischen Druck aufbauen wollen, steigen die Preise für diese Produkte. Wenn es zu Dürren und – wie zuletzt auf dem Rhein – zu Niedrigwasser kommt, sind Transportwege dicht und Waren werden teurer.
Die EZB kann solche Inflationsschübe weder verhindern noch zielgerichtet bekämpfen. Mit einer Leitzinserhöhung trifft man immer die gesamte Wirtschaft. Und die leidet darunter, weil sich der geldpolitische Rahmen verändert hat.
Politiker-Frust: Leitzinsen verteuern die Staatskredite
Die Inflationsbekämpfung per Leitzinserhöhung ist auch politisch immer unbeliebter. In den entwickelten Industriestaaten sind die Staatsfinanzen angespannt, die Regierungen brauchen Geld für Verteidigung, Infrastruktur und Soziales. Sogar der neue Fed-Chef Kevin Warsh spielt angesichts der hohen Inflation mit dem Gedanken einer Leitzinsanhebung, was US-Präsident Donald Trump kaum gefallen dürfte. Doch die Anleihemärkte haben dieser Tage ihr Urteil gesprochen: Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen kletterte auf 3,36 Prozent – ein 15-Jahres-Hoch, britische Zehnjährige notierten mit 5,24 Prozent so hoch wie seit 2008 nicht mehr und auch in den USA rentieren diese Anleihen mit 4,8 Prozent gefährlich hoch.
Inflation und Zinsen werden in Zukunft wohl dauerhaft höher liegen als früher. Der Grund: Supermächte setzen waren bestimmte Waren als Druckmittel ein und die Regierungen verschulden sich immer mehr. Beide Entwicklungen erhöhen den Inflationsdruck. Zentralbanken wie die EZB geraten dadurch in eine unbequeme Sandwichposition: Einerseits müssen sie die Leitzinsen im Kampf gegen Inflation hochsetzen, um glaubwürdig zu sein. Andererseits verteuern hohe Zinsen die Aufnahme von Staatskrediten. Der Showdown zwischen Politikern und Währungshütern beginnt.


