Süddeutsche Zeitung

Preise:Die Inflation macht Pause

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Die Preise in Deutschland stiegen im Juni weniger stark als erwartet. Ein Grund zur Beruhigung ist das jedoch nicht.

Von Harald Freiberger

Die Preissteigerung hat im Juni in Deutschland überraschend nachgelassen: Die Inflationsrate ist im Vergleich zum Vormonat nach 17 Monaten ununterbrochenem Anstieg erstmals gefallen. Sie lag bei 7,6 Prozent, im Mai waren es noch 7,9 Prozent gewesen. Ökonomen, die Reuters befragte, hatten vorher mit einer Rate von 8,0 Prozent gerechnet. Im Dezember 2020 hatte die Inflationsrate in Deutschland minus 0,3 Prozent betragen. Seither war sie jeden Monat gestiegen, zuletzt in extremer Geschwindigkeit. Der Anstieg auf 7,9 Prozent im Mai war der drastischste seit der Ölkrise in den Jahren 1973 und 1974.

Ein Grund zur Beruhigung ist der Rückgang vom Juni jedoch nicht: Er dürfte nicht von Dauer sein. Es gab vor allem zwei Ursachen dafür. Die Bundesregierung führte Anfang Juni das Neun-Euro-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr ein, außerdem senkte sie die Kraftstoffsteuer. Dies drückte die Inflation im Vergleich zum Vorjahresmonat um 0,75 Prozentpunkte. Auch im Juli könnte die Inflationsrate in Deutschland noch einmal leicht sinken. Dann wird nämlich die Abgabe für erneuerbare Energien auf die Strompreise abgeschafft.

Danach erwarten Experten aber wieder Monate mit steigenden Preisen. "Der Preisdruck in der Pipeline ist hoch, da die Unternehmen die massive Verteuerung der Vorprodukte noch lange nicht vollständig an die Verbraucher weitergegeben haben", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Er geht davon aus, dass die Inflationsrate im gesamten Euro-Raum im Juni weiter gestiegen ist. Auch für die nächsten Monate sagen Experten einen weiteren Anstieg voraus. Nicht wenige Fachleute gehen davon aus, dass die Inflationsrate in Deutschland gegen Ende des Jahres die Grenze von zehn Prozent überschreiten könnte. In Spanien war dies schon im Juni der Fall.

Damit bleiben trotz der Pause, die die Preissteigerung in Deutschland gerade einlegt, alle Probleme bestehen, die die extrem hohe Inflation mit sich bringt. Sie führt dazu, dass der Wert des Geldes schnell schwindet, mindert die Ersparnisse der Menschen und belastet vor allem ärmere Haushalte. Eine Inflation, die sich verfestigt, ist eine extreme Bedrohung für das ökonomische Gleichgewicht. Deshalb sind die Zentralbanken in Alarmstimmung. Vor zwei Wochen erhöhte die US-Notenbank Fed die Zinsen um 0,75 Prozentpunkte. Einen so großen Schritt hat es seit fast 30 Jahren nicht mehr gegeben. Höhere Zinsen wirken im Prinzip entlastend auf die Preise, bergen aber die Gefahr, dass damit die Konjunktur abgewürgt wird.

Wenn die Bürger an steigende Preise glauben, kann das zur selbst erfüllenden Prophezeiung werden

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) hat angekündigt, die Zinsen zu erhöhen: im Juli um 0,25 Prozentpunkte, im September um 0,50. Manchen Ökonomen ist das zu wenig. "Wir erwarten eine deutlich höhere Inflation, als die EZB es in ihren Projektionen veranschlagt hat", sagt Chefvolkswirt Krämer. Das Problem sei, dass die EZB die Zinsen zu wenig und zu spät erhöhe. Deshalb stiegen die Inflationserwartungen der Menschen. So erwarten die Bundesbürger nach einer Umfrage der Bundesbank, dass die Preise im Durchschnitt der nächsten fünf Jahre um jährlich fünf Prozent steigen - vor einem Jahr waren es noch drei Prozent. Die Inflationserwartungen sind sehr wichtig, weil sie zur selbst erfüllenden Prophezeiung werden können: Wenn die Bürger glauben, dass die Preise in Zukunft stark steigen, akzeptieren sie schon heute eine höhere Inflation, und die Unternehmen können ihre Preise leichter erhöhen.

Ein anderes Risiko sind die Löhne. "Die EZB schaut nicht nur auf die Entwicklung der Preise, sondern auch auf die Entwicklung der Löhne", sagt Philipp Burckhardt, Anleihenexperte beim Schweizer Vermögensverwalter Lombard Odier Investment Managers. Gebe es hohe Tarifabschlüsse, steige das Risiko einer Preis-Lohn-Spirale. Die EZB könnte dann gezwungen sein, die Zinsen stärker zu erhöhen, als sie es bisher plane. Es sei möglich, dass es in Europa gegen Ende des Jahres oder im nächsten Jahr zu einer Rezession kommt. Eine gefährliche Stagflation - geringes Wachstum bei hoher Inflation - erwartet Burckhardt für Europa jedoch nicht. Die Inflationsrate werde sich nach seiner Einschätzung mittelfristig bei zwei Prozent einpendeln.

Ärmere Familien sind besonders betroffen

Die sozialen Folgen der hohen Inflation sind in Deutschland jedenfalls jetzt schon zu spüren. So hat die Preissteigerung die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert. "Die Schere bei den Belastungen hat sich noch einmal deutlich geöffnet", stellt das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung fest. Es rechnet jeden Monat aus, wie sich die Preissteigerung auf unterschiedliche Haushaltstypen auswirkt. Danach sind die Preise für Familien mit geringem Einkommen im Mai um 8,9 Prozent gestiegen, für Alleinlebende mit hohem Einkommen dagegen nur um 6,5 Prozent.

"Mit 2,4 Prozentpunkten zwischen ärmeren Familien und wohlhabenden Alleinlebenden war die Differenz im Mai deutlich größer als in den Vormonaten und dreimal so hoch wie im Februar", heißt es in der Studie. Das liegt daran, dass die stärksten Preistreiber - Haushaltsenergie, Kraftstoffe und zunehmend Lebensmittel - unterschiedlich stark durchschlagen: Bei Familien mit zwei Kindern und niedrigem Einkommen machen diese drei Komponenten 6,6 Prozentpunkte der haushaltsspezifischen Inflationsrate von 8,9 Prozent aus. Bei Alleinstehenden mit hohem Einkommen entfallen darauf dagegen 3,5 Prozentpunkte von insgesamt 6,5 Prozent haushaltsspezifischer Teuerung. Der Trend könnte sich in den kommenden Monaten noch verschärfen, wenn die Gaspreise wie erwartet weiter stark steigen.

Wegen der hohen Inflation plant fast die Hälfte der deutschen Haushalte, ihren Konsum zurückzufahren, ergab eine Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung. Am häufigsten sind dabei Einschränkungen bei den Ausgaben für Gaststätten- und Restaurantbesuche, Bekleidung und Freizeit geplant. Am deutlichsten und häufigsten wollen sich Haushalte mit geringen Einkommen einschränken, vor allem bei Energie und Lebensmitteln. Diejenigen, die ohnehin schon wenig haben, werden durch die Inflation gezwungen, sich noch mehr einzuschränken als alle anderen.

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