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Preise:Warum die Inflation die Ärmeren besonders trifft

1. Münchner Brotmarkt, 2017

Ärmere Menschen leiden unter hohen Preissteigerungen bei Lebensmitteln.

(Foto: Stephan Rumpf)

Offiziell steigen die Preise kaum, im August betrug die Inflation sogar null Prozent. Doch viele Verbraucher nehmen das anders wahr.

Von Markus Zydra, Frankfurt

Man kann nur ahnen, was die Europäische Zentralbank bei ihrer Sitzung nächste Woche entscheiden wird. Doch die Begründung dafür, was sie dann beschließt, steht eigentlich schon fest. EZB-Präsidentin Christine Lagarde wird die niedrige Inflation in der Euro-Zone ins Felde führen, um das Rettungsprogramm in Billionenhöhe und das Festhalten an der Nullzinspolitik zu rechtfertigen.

Notenbanken sollen dafür sorgen, dass die Preise stabil bleiben, und man hat sich seit den 90er-Jahren darauf geeinigt, dass Preisstabilität bei einer durchschnittlichen Inflationsrate von zwei Prozent gegeben sei. Das war sinnvoll, denn früher lagen die Inflationsraten in den westlichen Industriestaaten zeitweise bei fünf und mehr Prozent. Doch seit Jahren notiert die Inflation deutlich unter zwei Prozent, obwohl die Währungshüter die lockerste Geldpolitik aller Zeiten machen. So lag die Inflationsrate in Deutschland im August bei null Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Montag mitteilte.

Während sich die Wirtschaftswissenschaft den Kopf zermartert, warum die Preise nicht mehr steigen, sind viele Konsumenten sicher, dass die Preise sehr wohl gestiegen sind, und zwar stark.

Die Inflationsrate ist eine zutiefst individuelle Erfahrung. Sie weicht oft ab von der offiziell gemessenen Zahl, die auf einem Warenkorb basiert, in dem auch Güter vertreten sind, die mancher Mensch gar nicht oder selten kauft. Die EU-Kommission hat in ihren regelmäßigen Umfragen festgestellt, dass die Bürger die Teuerungsraten als viel höher empfinden, als es die EU-Statistikbehörde Eurostat regelmäßig ausweist. So lag die offizielle Teuerungsrate 2019 bei einem Prozent, die Menschen taxierten ihre gefühlte Inflation jedoch auf rund sechs Prozent (siehe Grafik).

Die Diskussion um die gefühlte Inflation nahm mit der Einführung des Euro Fahrt auf. Viele Konsumenten hatten das Gefühl, die Preise seien mit der Umstellung von der D-Mark auf den Euro um 100 Prozent gestiegen. Die offizielle Inflationsrate spiegelte diesen Eindruck damals nicht wider; bis heute klaffen Empfindung und offizielle Messung eklatant auseinander, was auch daran liegen könnte, dass die Messmethode soziale Schlagseite hat.

"Die Preissteigerungen in Europa gingen in den letzten Jahren zulasten ärmerer Menschen, aber die offizielle Inflationsrate drückt diesen Effekt nicht aus", sagt Alfons Weichenrieder, Professor für Finanzwissenschaft an der Goethe-Universität in Frankfurt. In seiner Studie, die sich auf die Jahre 2001 bis 2015 bezieht, stellte Weichenrieder fest, dass notwendige Ausgaben, zum Beispiel für Nahrung, Mieten und Energie, bei weniger finanzkräftigen Familien einen größeren Anteil ihres Budgets ausmachen als bei reicheren Familien. Wenn die Preise für solche Güter stärker stiegen als die von Luxusprodukten, führe dies dazu, dass Haushalte mit geringen Einkommen höhere Preissteigerungen auf ihren individuellen Warenkorb hinnehmen müssten. Bei der Messung für Deutschland kam heraus, dass sich die Warenkörbe der nach Einkommen unteren zehn Prozent der Bevölkerung um etwa 4,5 Prozent stärker verteuerten als die Warenkörbe der nach Einkommen oberen zehn Prozent.

"Die geringe Inflation spiegelt die gesunkene Kaufkraft vieler Haushalte wider."

Bei der offiziellen Inflationsmessung nehmen die Statistiker eine sogenannte Qualitätsanpassung vor. Das bedeutet: Wenn ein Produkt zwar teurer, aber gleichzeitig qualitativ besser geworden ist, fließt die Teuerung nur zu einem Anteil in die Messung. Ein Beispiel: Im Jahr 1999 hat ein durchschnittlicher Neuwagen 18 500 Euro gekostet. 2019 lag der durchschnittliche Neupreis bei 34 000 Euro. Das entspricht einem Preisanstieg von 84 Prozent, doch die Verbraucherpreisstatistik weist nur eine Teuerung von 22 Prozent aus. "Ein Problem ist, dass der Kunde nicht mehr die Wahlmöglichkeit zwischen dem einfachen günstigen und dem besser ausgestatteten teuren Produkt hat", sagt Gunther Schnabl, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Leipzig, der dieses Beispiel berechnet hat. Die Kaufkraft des Kunden werde dadurch geschwächt, weil er das neue Produkt mit mehr Funktionen kaufen müsse, auch wenn er diese gar nicht wolle. Es werde eine Illusion niedriger Inflation geschaffen, ein Effekt, der sich verstärkt, weil Qualitätsverschlechterungen in der offiziellen Inflationsmessung nicht berücksichtigt würden.

"Die Menschen spüren zu Recht, dass vieles teurer wird, beispielsweise viele Lebensmittel. Zudem steigen die Löhne nicht mehr so stark wie früher oder sinken sogar", sagt Schnabl. Deshalb kauften immer mehr Menschen beispielsweise bei Discountern günstigere Produkte ein, was die Gewichtungen von billigen Gütern im Warenkorb von Eurostat erhöhen dürfte, sodass die gemessene Inflation gering ausfalle. "Früher hieß es: Eine geringe Inflation erhält die Kaufkraft. Heute ist es in gewisser Weise umgekehrt", so Schnabl. "Die geringe Inflation spiegelt die gesunkene Kaufkraft vieler Haushalte wider, die zu günstigen Produkten mit oft geringerer Qualität tendieren."

Im Detail ist die Debatte um die "richtige" Inflationsrate sehr kompliziert, aber das Thema birgt Brisanz, vor allem in Deutschland, wo die lockere Geldpolitik der EZB schon lange umstritten ist. "Die von Ärmeren oft zu Recht als hoch empfundene Inflationsrate könnte das Vertrauen der Menschen in die EZB untergraben, weil die Zentralbank nur eine durchschnittliche Inflationsrate in den Vordergrund stellt", sagt Finanzwissenschaftler Weichenrieder.

Wie pikant das Thema auch finanzpolitisch ist, zeigt folgender Aspekt: "Die offiziell niedrige Inflationsrate spart dem Staat viel Geld, denn läge die Teuerung höher, müssten Löhne, Sozialhilfen und Renten entsprechend stärker steigen", sagt Schnabl. "Man bräuchte verschiedene Inflationsraten, um sich der Realität anzunähern und die Empfindungen der Menschen besser abzubilden."

© SZ vom 01.09.2020
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