Inflation:Nur keine Angst

Harald Freiberger, 16:9

Illustration: Bernd Schifferdecker

In Deutschland geht auf einmal wieder das Gespenst der Inflation um. Doch die Sorge vor langzeitig stark steigenden Preisen ist unnötig.

Kommentar von Harald Freiberger

Seit einigen Wochen geistert in der Öffentlichkeit wieder ein Wort herum, das die Deutschen schon aus historischen Gründen nur zu gut kennen und das immer noch in der Lage ist, Angst und Schrecken zu verbreiten. Das Wort heißt "Inflation". Mehrere bekannte Wirtschaftsakteure haben es in den Mund genommen, unter ihnen Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Es gibt einige Anzeichen dafür, dass die Preise in näherer Zukunft deutlich steigen könnten. Auch die Finanzmärkte haben darauf reagiert, die Renditen der Anleihen von Industriestaaten haben in kurzer Zeit um 0,4 bis 0,6 Prozentpunkte angezogen, was sehr viel ist.

Gerade Deutsche lassen sich davon verunsichern. Die Inflationsangst liegt ihnen in den Genen: Sie kennen es von den Erzählungen der Großeltern, wie es ist, wenn das Geld auf einmal nichts mehr wert ist, die Großeltern wiederum kennen es von den Erzählungen ihrer Großeltern. Die Deutschen haben in den 1920er-Jahren und nach dem Zweiten Weltkrieg all ihre Ersparnisse verloren. Und dann gab es die 1970er-Jahre, als die Inflation auf bis zu acht Prozent stieg, davon können auch Väter und Mütter berichten.

Die Geschichte schwingt in Deutschland immer mit, wenn das Wort "Inflation" auftaucht. Deshalb ist es an der Zeit, deutlich zu sagen, dass kein Anlass besteht, sich Sorgen um eine heraufziehende langfristige Inflation zu machen. Die Preise können vorübergehend steigen, vielleicht auch deutlich um zwei, drei, vier Prozent, wenn denn die Corona-Krise einmal bewältigt ist und das normale Leben wieder beginnen kann. Zuletzt sah es ohnehin so aus, dass das nicht so schnell passieren wird. Aber wenn es passiert, dann werden die Menschen Bedürfnisse nachholen, die sich angestaut haben. Einkaufen, Essen gehen, reisen, kurz: konsumieren. Die steigende Nachfrage und der sich verstärkende Konjunkturaufschwung dürften die Preise anziehen lassen.

Diese Phase des nachgeholten Konsums wird aber nur einige Monate dauern, maximal ein halbes Jahr. Vieles spricht dafür, dass sich der Preisauftrieb danach wieder auf dem Niveau einpendelt, auf dem er seit langer Zeit ist. Das heißt: auf niedrigem Niveau.

Es gehört zu den bemerkenswertesten Phänomenen der jüngeren Wirtschaftsgeschichte, dass die Inflation in den Industriestaaten seit mehr als zehn Jahren niedrig ist, obwohl die Notenbanken die Welt seitdem mit einer beispiellosen Geldschwemme überzogen haben. Das viele Geld hat Aktienkurse und Immobilienpreise steigen lassen, aber es ist nicht in der realen Wirtschaft angekommen, bei den Produkten des täglichen Bedarfs. Die Notenbanken, die eine Inflation von nahe zwei Prozent anstreben, mussten eher sinkende Preise fürchten als steigende.

Das Geld auf dem Sparbuch liegen zu lassen, war und bleibt ein Minusgeschäft

Es gibt drei maßgebliche Gründe dafür: die Demografie, die Globalisierung und die Digitalisierung. Die alternde Bevölkerung in den Industriestaaten spart tendenziell mehr, um für das Alter vorzusorgen, als ihr Geld in den Konsum zu stecken. Globalisierung und weltweiter Wettbewerb haben dazu geführt, dass die Unternehmen der Industriestaaten unter Druck gerieten, billiger zu produzieren und günstigere Preise anzubieten. Und die Vergleichbarkeit der Preise durch das Internet, der Trend zum Online-Einkauf haben diesen Druck noch verstärkt.

Es ist nicht zu erkennen, dass sich an diesen drei Triebkräften durch das Coronavirus etwas Grundlegendes geändert hätte. Die einzige Einschränkung ist der Rückschlag für die Globalisierung durch das Virus, die stärkere Besinnung auf lokale Lieferketten. Dieser Effekt dürfte aber nachlassen, wenn das Virus irgendwann keine Gefahr mehr darstellt. Die anderen beiden Phänomene - Demografie und Digitalisierung - werden auch in Zukunft eine große Rolle spielen. Das heißt: Der Druck auf die Preise wird langfristig anhalten, der erwartbare Nach-Corona-Boom dürfte nur vorübergehend sein.

Die Lehre, die Bundesbürger daraus für sich selbst ziehen können: Sie müssen sich nicht fürchten, dass ihr Geld schlagartig nichts mehr wert sein wird. Die Welt, so wie wir sie aus den vergangenen Jahren kennen, bleibt bestehen. Das heißt: wenig Inflation, kaum Zinsen, ein freundliches Klima für Sachwerte wie Immobilien und Aktien.

Fürchten müssen die Deutschen nur die schleichende Geldentwertung: Die Europäische Zentralbank hat schon durchblicken lassen, dass sie die Zinsen nicht anheben wird, auch wenn die Inflation zeitweise über die angestrebten zwei Prozent steigt. Das Geld auf dem Sparbuch liegen zu lassen, war wegen der Nullzinsen bisher schon ein Minusgeschäft. Das wird sich auf absehbare Zeit nicht ändern. Eine hohe Inflation braucht es dafür gar nicht.

© SZ
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