Chemie-Lohnrunde:Wo es nicht knallt

Lesezeit: 3 min

Chemie-Lohnrunde: Viele Unternehmen aus der Chemiebranche wie etwa BASF hat die Energiekrise besonders hart getroffen. Deshalb wurden die Tarifverhandlungen vom Frühjahr auf den Herbst gelegt.

Viele Unternehmen aus der Chemiebranche wie etwa BASF hat die Energiekrise besonders hart getroffen. Deshalb wurden die Tarifverhandlungen vom Frühjahr auf den Herbst gelegt.

(Foto: ARNULF HETTRICH/imago images)

Während anderswo Gewerkschaften und Arbeitgeber aufeinander losgehen, folgt die Chemiebranche ihrer konstruktiven Tradition. Ein Deal in der Lohnrunde kommende Woche ist in Reichweite. So könnte er aussehen.

Von Alexander Hagelüken und Benedikt Peters

Man kann Tarifrunden auf sehr unterschiedliche Art angehen. Man kann den Forderungshammer herausholen, so wie es dieser Tage Verdi-Chef Frank Werneke und der Beamtenbund-Vorsitzende Ulrich Silberbach machten und 10,5 Prozent mehr Lohn für den öffentlichen Dienst verlangen. Man kann sich schier unzählige Male in etlichen Landesbezirken treffen, ohne dass sich wirklich etwas bewegt, so wie es derzeit die Metaller tun. Oder man kann sich im Stillen zusammensetzen und gemeinsam nach einer Lösung suchen, bis diese kurz bevorsteht. Das wäre die Variante der Chemie- und Pharmabranche.

Wenn die Chemiegewerkschaft IG BCE von Sonntag an mit den Arbeitgebern über höhere Löhne für 580 000 Beschäftigte verhandelt, ist nach Informationen der Süddeutschen Zeitung eine Lösung in Reichweite. Was angesichts der Energieunsicherheiten und erwarteten Rezession ein Ausrufezeichen setzen würde - gerade weil es in den anderen Lohnrunden so knallt. Bei der Chemie handelt sich um die drittgrößte Tarifrunde des Landes. Gelingt hier eine schnelle Lösung ohne Streiks, hätte die Bundesrepublik eine Sorge weniger. Gerade weil etwa der Forderungshammer für den öffentlichen Dienst keine schnelle Lösung erwarten lässt.

Forderungshammer? Nicht in der Chemie

"Wir gehen mit dem festen Willen in die Verhandlungen, in Wiesbaden ein Ergebnis zu erzielen", sagt Hans Oberschulte, Verhandlungsführer der Arbeitgeber. "Deshalb haben wir den Zeitrahmen für die Verhandlungen mit der IG BCE erweitert." Drei Tage wollen sie reden. Auch Oberschultes Gegenüber bei der Gewerkschaft, Ralf Sikorski, gibt sich vorsichtig optimistisch. "Was dieses Land nicht gebrauchen kann, ist, neben all den Unsicherheiten jetzt einen weiteren Konflikt loszutreten", sagt er kompromissbereit. Und formuliert - anders als die Gewerkschaften im öffentlichen Dienst und der Metallbranche - gar keine exakte Lohnforderung.

Eigentlich hätte in der Chemieindustrie der Tarifabschluss schon im Frühjahr angestanden. Doch dann kam Putins Angriffskrieg, die Energiekrise, die kletternde Inflation. Das sorgte überall für Unsicherheit, mit am meisten in der Chemie. Die Branche braucht besonders viel Energie, auf sie entfallen 15 Prozent des deutschen Gasverbrauchs. Außerdem benötigen viele Firmen das Gas auch als Rohstoff, sie stellen daraus Zwischenprodukte wie Ammoniak her. Gleichzeitig waren auch die Erwartungen der Beschäftigten hoch, die Inflation lag schon damals bei etwa sieben Prozent.

Die Sozialpartner reagierten mit einer Brückenlösung, die bis heute vielen als vorbildlich gilt: Sie einigten sich auf eine Einmalzahlung von 1400 Euro für jeden Beschäftigten, was die Härten der Inflation erst einmal gut abfederte. Die Unternehmen mussten dafür keine dauerhaften Lohnerhöhungen verkraften - und Firmen, die schlecht dastanden, konnten die Einmalzahlung auf 1000 Euro reduzieren. Die Einigung soll Modell gestanden haben für die steuer- und sozialabgabenfreien Zahlungen von bis zu 3000 Euro an Beschäftigte, die Bundeskanzler Olaf Scholz nun Arbeitgebern ermöglicht. Und die etwa in der Metallbranche den Boden für eine Einigung bereiten könnte.

In der Chemie vereinbarten Gewerkschaft und Arbeitgeber, nach der Brücke im Oktober weiterzuverhandeln. Weil die Gesprächskanäle seit April offen blieben, ist eine Lösung bis zum kommenden Dienstag möglich. Sie könnte aus zwei Komponenten bestehen: einer Einmalzahlung, die möglicherweise in mehrere Teile gestückelt wird, sowie einer dauerhaften Lohnerhöhung. Diese dauerhafte, auch "tabellenwirksam" genannte Erhöhung ist der Gewerkschaftsseite als Signal an die Beschäftigten besonders wichtig. "Wir wollen keinen Abschluss, der nur die Brücke verlängert, sondern einen mit Nachhaltigkeit", sagt ihr Chefverhandler Ralf Sikorski. Er verweist darauf, dass die Personalkosten nur zwölf Prozent der Gesamtkosten der Firmen ausmachen: "Ein wuchtiger Abschluss kostet Geld, wäre aber nicht der Untergang des Abendlands."

Die Gewerkschafter wollen, dass untere Lohngruppen besonders profitieren

Unklar ist allerdings nach jetzigem Stand, ob ein zweiter Wunsch der Gewerkschafter in Erfüllung geht. Für die unteren Lohngruppen würden sie gerne keine prozentuale Lohnsteigerung vereinbaren, sondern einen monatlichen Festbetrag, um den das Gehalt dauerhaft steigt. Das würde den Beschäftigten mehr bringen als Lohnprozente. Die Arbeitgeberseite sieht diesen Vorschlag allerdings kritisch. Treffen würden solche Festbeträge zum Beispiel Reifenhersteller, die viele eher gering qualifizierte Arbeitskräfte beschäftigen.

Den Arbeitgebern wiederum ist wichtig, eine Regel zu vereinbaren, nach der Firmen, denen es schlecht geht, automatisch vom Tarifvertrag abweichen können. Beim Brückenabschluss im April galt dies für Firmen, die weniger als drei Prozent Umsatzrendite erwirtschafteten. Eine solche Regel könnten sich die Arbeitgeber auch dieses Mal gut vorstellen.

Es sind also noch Punkte zu klären, aber beide Seiten sind zuversichtlich, dass eine Lösung klappt. Gewerkschafter Sikorski sagt, in Zeiten der Krise sei eine zügige Einigung verantwortungsvoll: "Das ist das, was die Leute wollen. Wenn ich durch die Betriebe gehe, dann sagen die: Helft uns, schafft eine Lösung."

Zur SZ-Startseite

SZ PlusNahverkehr
:Verkehrsminister einigen sich auf 49-Euro-Ticket

Bund und Länder haben sich auf einen Preis für ein neues bundesweites Rabattticket für Busse und Bahnen geeinigt. Doch ob die Aktion im Januar starten kann, ist offen. Der Bund müsste weitere Milliarden zahlen.

Lesen Sie mehr zum Thema