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Atomausstieg:Wie Gazprom und China profitieren

Die einen klagen gegen den Atomausstieg, die anderen jubeln: Viele Unternehmen hoffen, massiv von der Energiewende profitieren zu können. Zu den Gewinnern zählen Gazprom und chinesische Solarzellen-Hersteller, aber auch die Branchen Windkraft und Wärmedämmung. Ein Überblick.

Der Atomausstieg wird die deutsche Industrie verändern. Wenn die Atomkraftwerke bis 2022 dichtmachen, fällt bei den Energieerzeugern ein lukrative Sparte weg. Andere Industriezweige hoffen dagegen auf neue Aufträge.

Windkraft in der Eifel

Ein Windrad in der Eifel.

(Foto: dpa)

Den rechtlichen Rahmen für den Umbau der Industrie will das Regierungskabinett am 6. Juni beschließen: das neue Atomgesetz, das aktualisierte Erneuerbare-Energien-Gesetz und ein Netzausbaubeschleunigungsgesetz. Bis 2020 soll so ein Ökostromanteil von 35 Prozent erreicht werden.

Solarenergie

Wer an ökologischen Umbau denkt, denkt an Solarzellen. Die Sonne liefert umsonst fast unendliche Mengen Energie. Die Branche hat sich in den vergangenen Jahren in Deutschland prächtig entwickelt. Jedoch sind Solaranlagen immer noch relativ teuer. Die Bundesregierung hat außerdem angefangen, die Förderung für die Branche zurückzufahren.

Dazu kommt: Chinesische Hersteller von Solarzellen holen auf. Ihre Qualität kann teilweise bereits mit europäischen Produzenten mithalten. Allerdings gibt es auch Kritik an den Herstellern aus Fernost, weil manche Cadmium verbauen - ein Stoff, den die EU als giftig einstuft (PDF-Datei).

Windenergie

Strom aus Luftströmungen ist schon jetzt der wichtigste Zweig der erneuerbaren Energien - und er gilt als größtes Potential für umweltfreundliche Energie. Rund ein Drittel des regenerativen Stroms ist bereits Windenergie (PDF-Datei). Im Moment drehen sich in Deutschland etwa 21.600 Windräder mit einer Gesamtleistung von 27.200 Megawatt. Die Zahl wird wohl weiter zunehmen. Bis 2030 sollen vor den Küsten Windparks mit einer Leistung von 25.000 Megawatt installiert sein. An Land ist der Austausch älterer Windräder durch neuere, leistungsstärkere geplant. Wie bei der Solarenergie soll aber auch hier die Vergütung sinken.

Stromnetze

Um den Ökostrom beispielsweise von der Küste in den Süden zu transportieren, sind neue Leitung notwendig. Politisch will die Regierung ihren Bau beschleunigen, indem sie Kompetenzen von den Ländern an sich zieht und bundesweit bestimmte Trassenkorridore festlegt. Laut Deutscher Energie-Agentur werden bis zu 4450 Kilometer an neuen Stromautobahnen gebraucht, etwa um Küstenstrom in den Süden zu bekommen. Aber: Eine stärker dezentrale Versorgung und mehr Windräder und Gaskraftwerke im Süden können den Bedarf mindern.

Gaskraftwerke

"Gas ist die wahre Brückentechnologie ins Zeitalter der regenerativen Energien", sagte letztens Ludwig Hartmann, der energiepolitische Sprecher der Grünen im bayrischen Landtag. Ähnlich sieht es auch der Verband der kommunalen Unternehmen, in denen die Stadtwerke organisiert sind. Die lokalen Energieerzeuger wollen in den kommenden Jahren Milliarden investieren, auch in Gaskraftwerke, die als besonders effizient gelten.

Das freut die Firmen, die Deutschland mit Gas versorgen. Allen voran Gazprom, im März kamen 35 Prozent des Erdgases aus Russland (PDF-Datei). Weitere wichtige Lieferanten sind Norwegen und die Niederlande. Zuletzt wurden acht Prozent des Gases im Inland gefördert.

Ein Konzern könnte von den Punkten Wind, Stromnetze und Gas besonders profitieren: Siemens. Der Münchner Konzernriese hat eine Produktpalette, die von Generatoren für Windkraftanlagen über Zählsysteme für Stromnetze bis zu Gaskraftwerken reicht. Siemens hat außerdem vor kurzem die Partnerschaft mit dem französischen Atomkonzern Areva aufgekündigt. Deren Chefin kommentierte den deutschen Ausstieg trocken: "Bis 2020 kann noch viel passieren."

Sanierung

Das Handwerk erwartet von der Energiewende einen Riesenschub. Die Sanierung veralteter Heizungsanlagen und der Gebäudehülle seien ein Schlüssel für die Energiewende, sagte der Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, Holger Schwannecke, der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Die Bundesregierung will die klimafreundliche Gebäudesanierung künftig mit 1,5 Milliarden Euro jährlich fördern. 40 Prozent des gesamten Energieverbrauchs hierzulande entfallen auf den Gebäudebereich. "Einsparung ist unsere nachhaltigste Energiequelle. Ihre Nutzung verspricht schnelle Erfolge", sagte Schwannecke. Seit 2009 hatte die Bundesregierung die Fördergelder für Sanierungsmaßnahmen zur Energieeffizienz zurückgeschraubt. In diesem Jahr sind nur 436 Millionen Euro in Aussicht gestellt, hinzu sollen 500 Millionen Euro aus dem Energie- und Klimafonds der Regierung kommen.

AKW-Betreiber

Wenn Meiler vom Netz gehen, gehen auch Arbeitsplätze verloren. Im Kraftwerk Biblis beispielsweise arbeiten nach Angaben von RWE 700 eigene und dauerhaft rund 300 Mitarbeiter aus Fremdunternehmen (PDF-Datei). Vor dem Werkstor und in der Gemeinde Biblis äußern die Menschen ihre Angst vor dem Verlust ihres Jobs (Video). Doch viele werden zunächst auch bei der Entsorgung der Atomkraftwerke mitarbeiten können.

AKW-Rückbau

Einen Atommeiler zu entsorgen, dauert Jahre. "Jemand, der in dem Bereich tätig ist, ist garantiert nicht arbeitslos und wird auch gut bezahlt", sagt Joachim Knebel von der Universität Karlsruhe. Die Aufträge zum Rückbau werden wohl an die Unternehmen fallen, die die Anlagen bislang auch betreiben. "Man braucht Leute, die die Anlage in- und auswendig kennen", sagt Hans-Josef Allelein, Professor für Reaktorsicherheit und -technik der Universität Aachen.

Ziel beim Rückbau eines AKW ist die grüne Wiese, wie die Branche es nennt: Die Anlage wird komplett beseitigt und der ursprüngliche, natürliche Zustands des Geländes wiederhergestellt. Derzeit werden bereits Anlagen im ganzen Bundesgebiet demontiert. Dazu gehört auch das 2005 vom Netz genommene Kraftwerk Obrigheim in Baden-Württemberg, das EnBW gehört. Einem EnBW-Sprecher zufolge wird die Anlage, deren Rückbau 2008 begann, wohl 2018 bis 2020 abgerissen sein. Die Kosten werden auf einen mittleren dreistelligen Millionenbereich geschätzt.

Bei dem Abwracken eines alten Meilers sind die Aufgaben relativ klar verteilt: Die Betreiber koordinieren vor allem den Ablauf des Rückbaus. Für spezielle Abbau-Arbeiten werden Fachfirmen hinzugeholt. Sie helfen etwa bei der Dekontaminierung oder beim Abriss der Betonhülle. Außerdem mit im Boot ist die Gesellschaft für Nuklear-Service. Sie ist für die gesamte Entsorgung der radioaktiven Abfälle zuständig, die beim Betrieb und dem Rückbau der Meiler anfallen.