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Industriellenfamilie Quandt:Ein Fall besonderer Anhänglichkeit

Womöglich handelt es sich um einen Fall von besonderer Anhänglichkeit, wenn ein ehemaliger Mitarbeiter glaubt, der Familie lange über den Tod von Günther Quandt (1954) und der Söhne Harald (1967) und Herbert (1982) hinaus glaubt, die Treue halten zu müssen. Vermögensteuererklärungen sind nicht alles, vor allem wenn das Vermögen mit regimegestützter Ausbeutung erworben worden ist. Gerlach übersieht, dass das Dritte Reich auch eine Korruptions- und Begünstigungsdiktatur war, in der die Subventionen für die Stützen des Systems mit einer galoppierenden Inflation erkauft waren, die regimetreue Wirtschaftskräfte durch Eroberungen im Westen und Osten auszugleichen hofften.

Ungeschmälerter Währungswechsel

Wie die Unternehmen Flick und Krupp profitierte das Konglomerat Quandt vom wirtschaftlichen Zusammenbruch 1945 und der Währungsreform drei Jahre später. Zwar wurde Günther Quandt für einige Zeit inhaftiert, er konnte sich aber mit Verweis auf die 1933 erlittene kurze Haft als Opfer des Nationalsozialismus darstellen. Die beschlagnahmten Rohmaterialien, die in den letzten Kriegsanstrengungen nicht mehr verwendet worden waren, blieben ihm für den Wiederaufbau erhalten. Während das Sparvermögen des Durchschnittsbürgers auf ein Zehntel abgewertet wurde, konnte Günther Quandt das seine fast ungeschmälert von Reichs- in D-Mark umrubeln; zum Ausgleich wurden die Betriebsschulden abgewertet.

In der Forschung ist umstritten, ob die Beschäftigung von Zwangsarbeitern tatsächlich einen wirtschaftlichen Vorteil brachte. Sie hat Günther Quandt aber in jedem Fall ermöglicht, auf beispiellose Weise "aus der militärisch-politischen Entwicklung Kapital zu schlagen", wie Scholtyseck völlig zu Recht feststellt.

Was man zählen kann, muss man zählen, hat der für den Vietnamkrieg zuständige US-Verteidigungsminister Robert McNamara einst erklärt, als er die Anzahl der Tag für Tag getöteten Gegner bekannt gab. Ein verbrecherisches System und den durch dieses unmoralische System ermöglichten wirtschaftlichen Erfolg zu quantifizieren, hat gewiss seine Berechtigung für die Wirtschaftsgeschichte, aber es erklärt nur einen Teil des Erfolgs. Abstrakte Zahlen, das hat sich inzwischen auch bei größeren Firmen herumgesprochen, abstrakte Zahlen sind nicht alles.

© SZ vom 19.09.2013/mike
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