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Industrie:Wie Stahl grün werden kann

Thyssenkrupp

Hochöfen von ThyssenKrupp in Duisburg. Beim Stahl- und Industriekonzern und gibt es angesichts der schweren Krise keine Denkverbote.

(Foto: Marcel Kusch/dpa)

Um klimaneutral zu werden, brauchen Industrien wie die Stahlbranche neue, teure Technologien. Die IG Metall fordert nun mehr Allianzen und Förderung.

Von Benedikt Müller-Arnold, Essen

Bis 2050 will Deutschland klimaneutral wirtschaften, so lautet das Versprechen an die Weltgemeinschaft. Um es einzulösen, braucht das Land nicht nur mehr Ökostrom und den Kohleausstieg. Auch ganze Industrien werden sich verändern müssen, um hierzulande zu bestehen: Hochöfen, Raffinerien oder Chemiefabriken sind bislang auf Ressourcen wie Kohle oder Erdöl angewiesen; sie emittieren klimaschädliche Treibhausgase.

Ein Ausweg kann sogenannter grüner Wasserstoff sein. Der Energieträger, gewonnen aus Wasser mithilfe von viel Ökostrom, kann fossile Roh- und Brennstoffe ersetzen, etwa auch in Lkw-Motoren, Schiffsantrieben oder Flugzeugen. Der Bund hat in diesem Sommer eine Wasserstoffstrategie verabschiedet und will dem - noch sehr überschaubaren - Markt für "grünen" Wasserstoff mit bis zu neun Milliarden Euro Förderung auf die Beine helfen.

Derlei Ankündigungen sollten rasch Taten folgen, fordert nun die IG Metall. Die Gewerkschaft vertritt die Interessen von gut zwei Millionen Beschäftigten hierzulande, unter anderem in der Stahlbranche. "Wir brauchen eine Initialzündung", sagt Vorstandsmitglied Jürgen Kerner. Der Staat sollte Rahmenbedingungen setzen, damit Produktionsanlagen und Netze für "grünen" Wasserstoff entstehen - sowie auch Absatzmärkte für "grünen" Stahl oder "grüne" Chemikalien. "Der Begriff 'der Markt wird's schon richten' wird in dem Fall nicht funktionieren", so Kerner. Denkbar seien vorgeschriebene Einsatzquoten oder auch die Anrechenbarkeit in CO₂-Reduktionszielen, wenn beispielsweise Autohersteller "grüne" Vorprodukte verbauen.

Dass Deutschland die voraussichtlich benötigen Mengen "grünen" Wasserstoffs komplett im Inland herstellen könnte, bezeichnet der Gewerkschafter als "überhaupt nicht realistisch". Doch gebe es viele Regionen in Europa, Nordafrika oder dem Nahen Osten mit reichlich Potenzial für die Erzeugung von Ökostrom und "grünem" Wasserstoff. Für eine Übergangszeit werde eine Branche wie die Stahlindustrie wohl zudem Wasserstoff importieren müssen, der auf Basis von Erdgas hergestellt wird.

Tatsächlich planen Deutschlands größte Stahlhersteller neue Anlagen, um Eisenerz mithilfe von Wasserstoff - statt wie bislang mit Kohle - zu Roheisen und schließlich zu Stahl zu verarbeiten. Diese Milliardeninvestitionen könne aber kein Unternehmen alleine stemmen, sagte etwa Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz Ende August. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat angekündigt, dass er mit der EU-Kommission besprechen wolle, wie der Staat der Branche mit mehr als 80 000 Beschäftigten hierzulande helfen dürfe.

Auch die Stahlindustrie leidet unter dem Konjunktureinbruch infolge der Pandemie. Die Branche kämpft ohnehin seit Jahren mit weltweiten Überkapazitäten und dem Konkurrenzdruck, insbesondere aus Asien. Sowohl Deutschlands größter Stahlhersteller Thyssenkrupp als auch die hiesige Nummer zwei, Salzgitter, erwarten für dieses Jahr Verluste. Der weitverzweigte Thyssenkrupp-Konzern zeigt sich offen für Partnerschaften; Vorstandschefin Merz schließt selbst einen Verkauf der Stahlwerke im Ruhrgebiet nicht aus. Es gebe "keine Denkverbote", sagte sie.

Vor dem Hintergrund fordert die IG Metall, dass hiesige Hersteller gemeinsam Technologien für "grünen" Stahl entwickeln sollten. "Da gibt es viele Eitelkeiten, da will jeder seinen eigenen Weg gehen", moniert Vorstandsmitglied Kerner. Der Staat könne voraussichtlich nicht für jedes Unternehmen eine eigene Technologieförderung entwickeln. "Es fehlt eine ordnende Hand."

Salzgitter-Chef Heinz Jörg Fuhrmann zeigte sich in dieser Woche offen für die Idee, künftig gemeinsam mit anderen Firmen CO₂-arme Vorprodukte herzustellen, die dann jeder für sich weiterverarbeiten könnte. Bisher gebe es aber keine Initiativen in diese Richtung, so Fuhrmann.

Angesichts der schwierigen Lage von Thyssenkrupp liebäugelt die IG Metall zudem mit der Idee, dass sich der Staat zur Unterstützung an dem Konzern beteiligen könnte. "Wenn Frau Merz sagt: Es gibt keine Denkverbote im Stahl, so sage ich: Auch bei der Politik darf es keine Denkverbote geben", sagt Knut Giesler, Bezirksleiter der Gewerkschaft in Nordrhein-Westfalen. Schließlich hängen an einem Stahlhersteller auch viele Zulieferer und Dienstleister. "Thyssenkrupp ist in Nordrhein-Westfalen systemrelevant."

© SZ vom 12.09.2020

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