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Industrie und Tierschützer einig:US-Geflügelindustrie will Kükenschreddern stoppen

Hühner-Küken

Überlebenschance für männliche Küken: Die ausstiegswilligen US-Produzenten setzen auf ein Verfahren, das derzeit in Deutschland entwickelt wird.

(Foto: Peter Endig/dpa)
  • In den USA hat sich überraschend der Verband der Eierproduzenten mit der Tierschutzorganisation The Human League verständigt: Das Keulen von Küken soll aufhören.
  • Eier mit männlichen Embryonen sollen aussortiert und für die Herstellung von Medikamenten oder Tiernahrung verwendet werden.

Die Bilder sind grausam und auch für Hartgesottene nur schwer zu ertragen: Küken werden in großen Maschinen zermalmt, ersticken in Gaskammern oder verenden in Plastikkörben. Jahr für Jahr ist für Hunderte Millionen Hühner der erste Tag im Leben zugleich der letzte - weil sie männlich sind und somit zum Eierlegen nicht taugen. Humanere Selektionsmethoden hat die Industrie bisher als zu teuer oder zu unzuverlässig abgelehnt.

Zumindest in den USA soll nun spätestens 2020 Schluss sein mit dem Küken-Keulen. Darauf hat sich die UEP, der Verband der Eierproduzenten, überraschend mit der Tierschutzorganisation The Human League (THL) verständigt. Statt die befruchteten Eier auszubrüten und erst dann die männlichen von den weiblichen Küken zu trennen, soll das Geschlecht mithilfe einer neuen Untersuchungsmethode künftig unmittelbar nach der Befruchtung bestimmt werden. Eier mit männlichen Embryonen können dann aussortiert und für die Herstellung von Medikamenten oder Tiernahrung verwendet werden.

Mit ihrem Einlenken setzt die UEP auch viele Produzenten in der EU unter Druck, die sich seit Jahren gegen ein Verbot des Küken-Schredderns wehren. Die deutsche Geflügelwirtschaft verweist darauf, dass sie schon 2015 eine Selbstverpflichtung unterzeichnet habe, die groß angelegte Vernichtung von Hühnern möglichst bald einzustellen. Erst vor Wochen allerdings hatte sich die Branche vom Oberverwaltungsgericht Münster bestätigen lassen, dass das Töten von Tieren erlaubt ist, "wenn dafür ein vernünftiger Grund vorliegt".

Interessanterweise setzen nun auch die ausstiegswilligen US-Produzenten auf ein Verfahren, das derzeit in Deutschland entwickelt wird. Dabei fräst ein Laser ein kleines Loch in das angebrütete Ei und bestimmt mit einer "Nah-Infrarot-Raman-Spektroskopie" das Geschlecht des Embryos. Anschließend wird das Ei wieder verklebt. Auch die Bundesregierung hofft auf dieses Verfahren, dessen Entwicklung sie finanziell unterstützt hat. Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) will im Idealfall schon 2017 eine Initiative für den Ersatz des Küken-Schredderns durch eine "praxistaugliche Alternative" auf den Weg bringen. Die Eierindustrie verlangt allerdings Übergangsfristen, um das neue Verfahren in die Betriebsabläufe einzubetten.

Der Mitgliedsfirmen der UEP liefern 95 Prozent jener mehr als 80 Milliarden Eier, die Hennen in den USA pro Jahr legen. Verbandspräsident Chad Gregory sagte, er sei stolz auf den vereinbarten Ausstiegszeitplan. THL-Chef David Coman-Hidy sprach gar von einem "historischen Beschluss", der die bisherige "barbarische Praxis" beende. Tierschützer drängen Großkunden der US-Eierindustrie seit Jahren dazu, von den Produzenten eine Änderung der Selektionspraxis zu verlangen. 2014 hatte unter anderem der Lebensmittelriese Unilever erklärt, er werde etwa für seine Eismarke Ben & Jerry's nach einer Übergangsfrist nur noch Eier solcher Produzenten verwenden, die keine Küken töten.

Viele Tierschützer wollen noch weiter gehen und die Agrarwirtschaft dazu verpflichten, Vögel zu züchten, die sowohl für die Eierproduktion als auch für die Mast taugen. Das aber ist unrealistisch, denn eierlegende Hühner haben mit Artgenossen, die auf maximalen Fleischzuwachs getrimmt werden, kaum noch etwas zu tun.

Wann genau in den USA mit dem Küken-Schreddern Schluss ist, muss sich noch zeigen, denn auch die UEP hat sich in den Verhandlungen ein Hintertürchen offengelassen: Die neue Technik, so heißt es in der Erklärung, werde ab 2020 verwendet - "oder unmittelbar nachdem sie kommerziell verfügbar und finanziell vertretbar einsatzbereit ist".

© SZ vom 14.06.2016/hgn
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