Industrie in den USA Streit um die Kohle

Nachtarbeit beim Energieversorger American Electric Power: Ein Lastkahn mit 30 000 Tonnen Kohle fährt über den Ohio River.

(Foto: Ty Wright/Bloomberg)

US-Präsident Donald Trump glaubt nicht an den Klimawandel und an eine Renaissance der Kohle. Sein Wirtschaftsberater widerspricht.

Von Kathrin Werner, New York

Das Zitat hat ihm viel Ärger eingebracht. Gary Cohn sprach es an Bord der Air Force One, mitten im Revier seines Chefs: "Kohle ergibt nicht mehr viel Sinn als Brennstoff", sagte der Direktor des National Economic Councils des Weißen Hauses und lobte stattdessen Erdgas als "so viel sauberer". Ein Freund der erneuerbaren Energien ist der Wirtschaftsberater des US-Präsidenten Donald Trump auch. "Die viele Solar- und Windenergie, die wir in den Vereinigten Staaten produzieren zeigt, dass wir sowohl eine Industriemacht als auch umweltfreundlich sein können."

Sein Chef sieht das anders. Trump hat versprochen, den "War on Coal" zu beenden, den Krieg gegen die Kohle. Entsprechend empört sind Trumps Anhänger über Cohns Zitate. "Cohn, ein ehemaliger Goldman-Sachs-Banker, hat den Krieg gegen Kohle neu eröffnet", schreibt die rechte Website Breitbart News. Auch Joe Manchin, Senator des Kohle-Bundesstaats West Virginia, regte sich auf. Er will Cohn "erklären, welche Rolle die Kohle spielt und in Zukunft dabei spielen wird, dieses Land großartig zu machen". Trumps Gegner werten Cohns Worte dagegen als Zeichen der Vernunft und der Hoffnung.

Der Anteil von Kohle im Strommix der USA ist rapide gesunken

Trump glaubt nicht an den Klimawandel, dafür aber an eine Renaissance der Kohle. "Macht euch bereit, denn ihr werden euch halb tot arbeiten", hatte er Kohlearbeitern bei einer Wahlkampfveranstaltung in West Virginia zugerufen. Er glaubt, dass Jobs in die Minen seines Land zurückkehren, wenn er nur die Regeln zum Klimaschutz wieder rückgängig macht, die sein Vorgänger Barack Obama eingeführt hat. Im März hatte Trump Klimavorschriften aufgehoben, er will den Clean Power Plan überarbeiten lassen, den Plan zum Abbau der Treibhausgase um 32 Prozent bis 2030 gegenüber 2005. In dieser Woche will er verkünden, ob die USA aus dem Pariser Klimavertrag austreten werden, der laut Trump der US-Wirtschaft schadet, vor allem der Kohlewirtschaft.

Doch Gegner der Kohle sind nicht die Klimagesetze, sondern die Marktwirtschaft und der technische Fortschritt. Kohleförderer setzen inzwischen viel mehr Maschinen ein, die Automatisierung hat Tausende Jobs gekostet. Aber das Hauptproblem ist die geschrumpfte Nachfrage. Der Bedarf an Kohle für die Stahlproduktion ist gesunken in den USA, weil die Stahlindustrie in einem jahrzehntelangen Niedergang steckt. Und auch Kohleverbrennung für die Strom- und Wärmeproduktion ist im Abschwung. Der Preis von Kohle sinkt seit Jahren, was die Nachfrage eigentlich ankurbeln müsste, doch eine naheliegende Alternative ist noch schneller billig geworden: Erdgas. Die USA fördern immer mehr davon, und Gas produziert deutlich weniger Kohlendioxid als Kohle. Auch Wind- und Solarstrom werden billiger.

Der Anteil von Kohle im Strommix der USA ist rapide gesunken, derzeit sind es nur noch rund 30 Prozent. Vor zehn Jahren produzierten die USA noch die Hälfte ihres Stroms mit Kohle. Selbst die Energiewirtschaft, die einst den günstigen Brennstoff so sehr liebte, glaubt nicht, dass Trump den "Krieg gegen die Kohle" beenden kann. Auf Druck der Kundschaft, vor allem großer Stromkonsumenten wie General Motors und Microsoft, die auf grüne Energie setzen, wendet sich ein Energieversorger nach dem anderen von der Kohle ab. Sogar im Herzland der Kohle, in West Virginia, reduziert der Versorger Appalachian Power nach und nach den Kohleverbrauch. Dominion, Stromkonzern aus Virginia, bietet inzwischen für Firmen wie Amazon Web Services besondere Grünstrom-Pakete an, Kohle ist abgemeldet. Firmen wie Walmart, die Bank of America und Google haben versprochen, vollständig auf Strom aus erneuerbaren Quellen umzustellen - und die Versorger gehorchen.

Nachdem Trump verkündet hatte, Obamas Klimaschutz-Vorgaben zurückzunehmen, hatte die Nachrichtenagentur Reuters bei 32 Energieversorgern nachgefragt, die Kraftwerke in den 26 Bundesstaaten betreiben, die damals gegen Obamas Clean Power Plan geklagt hatten. Die überwältigende Mehrheit gab an, wegen Trumps Plänen ihre milliardenschweren Investitionspläne für andere Energieträger nicht rückgängig machen zu wollen. "Ich werde in der heutigen Zeit keine neuen Kohlekraftwerke bauen", sagte Ben Fowke, Chef des Stromkonzerns Xcel Energy. "Und wenn ich keine neuen baue, wird es irgendwann gar keine mehr geben." Seit 2010 haben die Unternehmen 251 Kohlekraftwerke in den USA stillgelegt oder verkündet, sie abschalten zu wollen, hat die Umweltorganisation Sierra Club gezählt. Neubauprojekt gibt es nicht. Viele Banken, darunter JPMorgan Chase und Bank of America, haben sich aus der Finanzierung neuer Kohlekraftwerke zurückgezogen.

Mit einer Diagnose hat Trump allerdings recht: Der Niedergang der Kohleindustrie hat ganze Regionen des Landes in die Armut gerissen. Im vergangenen Jahr arbeiteten nur noch 75 000 Menschen in den Kohleminen der USA, 1980 waren es 250 000. Die Umsätze der Kohlefirmen schrumpfen. Einst stolze Unternehmen wie Arch Coal und Peabody Energy rutschten in die Pleite. Die Kohleproduktion der USA ist auf dem niedrigsten Stand seit 1978. Städte, denen der Bergbau einst bescheidenen Wohlstand bescherte, sind lungenkrank, verarmt, halb leer und Opfer der Drogenepidemie, die besonders die entlegeneren Gegenden der USA trifft.

"Trumps Pläne, die Umweltregeln zurückzudrehen, wird die wirtschaftliche Lage in den Kohle-Regionen nicht wesentlich verbessern", analysierte allerdings das Center on Global Energy Policy der New Yorker Columbia University. Trump schüre "falsche Hoffnungen, dass sich die glorreichen Zeiten wiederbeleben lassen".