ComputerchipsWarum es so schwierig ist, wichtige Industrien "nach Hause" zu holen

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Für die bayerische Industrie geht ohne Halbleiter so gut wie nichts, denn die Elektronikkomponenten werden für Autos ebenso benötigt wie für Kaffeeautomaten.
Für die bayerische Industrie geht ohne Halbleiter so gut wie nichts, denn die Elektronikkomponenten werden für Autos ebenso benötigt wie für Kaffeeautomaten. Robert Michael/dpa

Nach den Corona-Erfahrungen wollen Firmen wichtige Produkte wieder "daheim" fertigen. Die Regierungen zahlen Subventionen in Milliardenhöhe - doch die Sache ist nicht so einfach.

Von Claus Hulverscheidt und Helmut Martin-Jung

Wenn ein westlicher Industriekonzern in den vergangenen Jahrzehnten Milliardeninvestitionen in ein neues Werk ankündigte, dann läuteten am Stammsitz des Unternehmens regelmäßig die Glocken - die Alarmglocken allerdings. In aller Regel nämlich entstanden die neuen Fabriken nicht in Duisburg, Dijon oder Detroit, sondern in Billiglohnparadiesen wie China, Vietnam, Malaysia oder Taiwan. Die betroffenen Regierungen schauten dem Wettrennen um immer niedrigere Produktionskosten lange Zeit tatenlos zu: entweder weil sie sich, wie die Bundesregierung, Eingriffe in das freie Spiel der Marktkräfte selbst verboten und überdies auf gute Geschäfte etwa mit den Kommerzkommunisten in Peking hofften. Oder weil sie, siehe USA, die Herstellung von Industriegütern eh für ein Geschäft von gestern hielten und auf vermeintlich moderne Branchen wie die Finanzwirtschaft und Dienstleistungen setzten.

Erst die Pandemie mit ihren Fabrikschließungen, Lieferproblemen und Hunderten Millionen Arbeitslosen hat in den Köpfen westlicher Politiker und Manager einen Veränderungsprozess in Gang gesetzt, dessen ganze Tragweite noch gar nicht absehbar ist. Statt die Fertigung von Waren ins Ausland zu verlagern, wird plötzlich intensiv darüber diskutiert, welche Produkte künftig wieder "zu Hause" oder doch zumindest in unmittelbarer Nachbarschaft hergestellt werden sollten.

Dabei sind die Motive von Firmen und Regierenden durchaus unterschiedlich: Die einen begreifen zunehmend, dass niedrige Herstellungskosten wenig nützen, wenn aufgrund hochkomplexer, störungsanfälliger Lieferketten die Vorprodukte nicht in die Fabriken und die fertigen Waren nicht zum Kunden gelangen. Die anderen schielen auf mögliche neue Arbeitsplätze und möchten sich zudem nicht noch einmal vorwerfen lassen, dass es ihren Ländern in einer Krise an so simplen Dingen wie Stoffmasken und OP-Kleidung fehlt.

Benetton will Hemden in der Türkei statt in Bangladesch schneidern lassen

Der Trend hat längst alle wichtigen Industriestaaten und Branchen erfasst, von Elektronikherstellern über Baumaschinenproduzenten bis zu Modekonzernen. Der italienische Bekleidungshersteller Benetton etwa will Hemden und Hosen künftig statt in Indien und Bangladesch vor allem in der Türkei, in Ägypten und Tunesien schneidern lassen. Autokonzerne wie Volkswagen, General Motors und Ford schließen strategische Allianzen mit heimischen Batterieherstellern oder steigen gleich selbst ins Geschäft ein. US-Stahl- und Nahrungsmittelhersteller bauen neue Werke in Nordamerika statt in weit entfernten Weltregionen, zudem wollen die Amerikaner künftig bis zu 100 lebenswichtige Medikamente wieder daheim herstellen. "Die Rückverlagerung von Produktionsstätten in die Heimatregion oder ein Nachbarland kann für ein Unternehmen sinnvoll sein", bestätigt Knut Alicke, Partner im Stuttgarter Büro der Beratungsgesellschaft McKinsey. Allerdings müsse jeder einzelne Fall sorgfältig geprüft werden.

Am Geld, so viel steht fest, wird es nicht scheitern - im Gegenteil: Die Regierungen überbieten sich regelrecht darin, Subventionen zu verteilen. Der US-Kongress etwa will allein für den Neubau von Halbleiterfabriken, sogenannten "Fabs", umgerechnet 46 Milliarden Euro bereitstellen, Südkorea gar 58 Milliarden. Japan und die Europäische Union planen ebenfalls massive Hilfen, die Hersteller selbst haben Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe in den USA und Europa angekündigt.

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Dass insbesondere die Halbleiterindustrie in den Fokus rückt, ist einer schmerzlichen Corona-Erfahrung geschuldet. Die kleinen Siliziumplättchen haben sich in den vergangenen 20 Jahren zum zentralen Baustein allen modernen Wirtschaftens entwickelt: Ob Auto, Handy, Waschmaschine oder Kaffeevollautomat - kein modernes Industrieprodukt ist heute noch ohne Chip denkbar. Der Branchendienst WSTS geht davon aus, dass der Weltmarkt für Halbleiter allein dieses Jahr um gut 25 Prozent auf mehr als 550 Milliarden Dollar gewachsen ist. Das Problem jedoch ist: Nur noch zwölf Prozent aller Chips werden in den USA produziert - vor 30 Jahren waren es noch 37 Prozent. Ähnlich sieht es in der EU aus, die ihren Anteil jetzt wieder auf rund 20 Prozent verdoppeln will.

Wie schwer das Unterfangen wird, zeigt die Halbleiterindustrie

So groß der Halbleitermarkt mittlerweile ist, so gewaltig sind die Probleme, wenn Fertigung oder Auslieferung stocken, weil Fabriken in Asien pandemiebedingt geschlossen und Häfen überlastet sind. Und selbst damit nicht genug: "Es gibt keine Technikfrage, die so relevant für die nationale Sicherheit ist, wie die Lieferkette für Halbleiter", schrieb der US-Manager und Computersicherheitsexperte Dmitri Alperowitsch jüngst im Kurzmitteilungsdienst Twitter. "Ohne ein sicheres Angebot an Chips haben wir buchstäblich gar nichts."

Allerdings: Die Halbleiterindustrie ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie schwierig das Unterfangen werden wird, teils verloren gegangene Industrien wieder in Europa, den USA und anderen westlichen Industriestaaten anzusiedeln. Das fängt schon bei technischen Fragen an, denn die Herstellung von Chips ist hochkomplex. Die Halbleiter werden zunächst in einem mehrstufigen Verfahren auf Scheiben aus hochreinem Silizium erzeugt. Diese sogenannten Wafer zersägt man dann, um die einzelnen Chips herauszulösen. Anschließend packen Spezialisten sie in Gehäuse und testen sie, erst dann können sie auf eine Platine gesteckt oder gelötet werden. Alle diese Schritte finden nicht selten an unterschiedlichen Orten statt, jede Störung, egal ob ein Schneesturm in Texas oder eine Dürre in Taiwan, bremst alles aus.

Es ist also keineswegs so, dass in einer Fab die fertigen Chips vom Band laufen. Aber warum erhöht man nicht einfach die Produktionskapazitäten? Das ist leichter gesagt als getan. Die Margen im Geschäft der Chipherstellung sind so gering, dass die Hersteller ihre Fabs möglichst voll auslasten müssen. Schon eine Nutzung von nur noch 90 Prozent gilt als kritisch. Und eine neue zu bauen, dauert drei bis fünf Jahre, auch weil die hoch spezialisierten und Millionen Euro teuren Maschinen nur von einigen wenigen Firmen auf der Welt hergestellt werden. "Die liegen da nicht auf Halde", sagt Christin Eisenschmid, die Deutschland-Chefin des Branchenriesen Intel. Selbst eine bestehende Fabrik zu erweitern, dauert eineinhalb bis zwei Jahre.

Auch lässt sich die Produktion nicht über Nacht von einer Sorte Chips auf eine andere umstellen. Heute iPhone-Prozessoren, morgen Chips für die Motorsteuerung in Autos - so funktioniert das nicht. Zudem braucht es gut ausgebildete Mitarbeiter mit langjähriger Erfahrung, wie auch McKinsey-Berater Alicke warnt: "Nähe allein ist noch keine Strategie. Wenn ich statt in Asien zum Beispiel in Europa produzieren möchte, muss ich mir sicher sein, dass dort auch die nötigen Facharbeiter und der Zugang zu Rohstoffen zur Verfügung stehen." Immerhin: Die Kostenvorteile, die etwa China lange Zeit gegenüber osteuropäischen Ländern wie Polen hatte, werden angesichts kräftig steigender Löhne in der Volksrepublik immer geringer. "Teilweise gibt es sie gar nicht mehr", sagt Alicke.

Deutschland hat durchaus Druckmittel etwa gegenüber China

Trotz aller Rückholversuche gehen die Experten Jan Peter Kleinhans und John Lee vom Mercator-Institut für China-Studien davon aus, dass das Geschäft mit Halbleitern noch sehr lange ein weltweit vernetztes bleiben wird. Es gelte also, langfristig zu denken, heißt es in einer jüngst vorgestellten Studie. Deutschland ist dabei keineswegs ohne Druckmittel: Hiesige Unternehmen bauen Maschinen, die für die Herstellung von Halbleitern nötig sind, die chemische Industrie produziert Chemikalien, ohne die es auch nicht geht. Oder anders gesagt: Deutschland ist von China abhängig, aber China auch von Deutschland. Kleinhans' und Lees Studie kommt daher zu dem Fazit: Es gehe nicht darum, einen Wettbewerb zu gewinnen, sondern nur darum, die Abhängigkeiten zu verringern. Brüssel sollte auch nicht vorschreiben, welche Chips in der EU gefertigt werden, sondern das den Herstellern überlassen.

Das dürfte Intel gefallen. Der größte Chiphersteller der Welt baut derzeit sein großes Werk in Irland aus, um dort Halbleiter zu fertigen, die auch die Autoindustrie braucht. Das ist aber nur der Anfang. Darüber hinaus ist eine große Fertigungsanlage in Europa geplant - auch Deutschland steht auf der Liste der aussichtsreichsten Bewerber. Die Entscheidung dürfte in den nächsten Wochen fallen.

Bleibt die Frage, ob es eigentlich eine Erfolg versprechende politische Strategie ist, zu versuchen, Schlüsselindustrien "nach Hause" zurückzuholen. Fragt man zwei führende EU-Vertreter, erhält man zwei Antworten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Wer in dieser Frage mehr staatliche Einflussnahme ablehne, sei angesichts ähnlicher Versuche in anderen Teilen der Welt schlicht "naiv", urteilte jüngst EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton. Europas oberste Wettbewerbshüterin Margrethe Vestager hingegen kann da nur den Kopf schütteln: "Wirtschaftliche Unabhängigkeit", so die erfahrene Kommissionsvizepräsidentin, "ist eine Illusion."

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