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Industrie:Die grauen Jahre

Die deutsche Industrie kommt ins Stottern. Es bedarf großer Anstrengungen, um für die Mitarbeiter den großen Crash zu verhindern.

Von Alexander Hagelüken

Zehn Jahre lang kannte der deutsche Jobmarkt offenkundig nur eine Richtung: Aufwärts. Von Monat zu Monat gab es weniger Arbeitslose. Manche neue Stelle war mäßig bezahlt, doch der Gesamteindruck blieb positiv. Nun aber, seit Corona und teils schon davor, streicht die Industrie hunderttausende Jobs. Viele könnten für immer verloren sein. Unternehmen und Politik sollten zusammenarbeiten, damit der große Crash ausbleibt.

Um das Ganze in Proportion zu rücken: Am Arbeitsmarkt insgesamt sieht es im Corona-Jahr nicht nach Katastrophe aus. Die Zahl der Stellensuchenden dürfte nur um eine halbe Million steigen. Das ist für jeden Betroffenen schmerzlich. Im Vergleich zu den USA oder zu Südeuropa wirkt es angesichts des dramatischen Konjunktureinbruchs glimpflich. Es gibt aber Problemzonen. Dienstleistungen mit persönlichem Kontakt zählen dazu, Restaurants, Geschäfte, Veranstaltungen. Ihnen raubte die Pandemie einfach den Umsatz. Vielfach wird es nun besser. In diesen Branchen gibt es zumindest die Hoffnung, dass sich die Beschäftigung wieder normalisiert, spätestens mit einem Impfstoff.

Noch komplexer erscheint die Lage in Industriebranchen, die in den vergangenen Jahren den Erfolg der deutschen Wirtschaft symbolisierten: im Maschinenbau etwa und vor allem in der Autoindustrie. Hier ballen sich mehrere Belastungen. Neben der Jahrhundert-Rezession durch Corona, die alles verstärkt, trifft die Exportfirmen aggressiver Protektionismus. Während Donald Trump eine Produktion in den USA erzwingen will, möchten die Chinesen ausländische Firmen kleinhalten und am liebsten alles selber herstellen. Dazu kommt in der Autoindustrie ein Wandel zu klimaschonenderen E-Fahrzeugen - und die Digitalisierung, wodurch künftig wohl mehr Geld mit Software verdient wird und weniger mit den Karossen.

Staatshilfe verdienen nur Firmen, die keinen Großteil ihrer Mitarbeiter hinauswerfen

Man sollte sich einen Moment klarmachen, welche Arbeitsplätze Industriefirmen da gerade streichen. Es sind Jobs, bei denen mitgliederstarke Gewerkschaften hohe Löhne durchgesetzt haben. Dienstleister, bei denen die Arbeitnehmer der Industrie grundsätzlich neue Beschäftigung finden können, bezahlen häufig schlechter. In fast keinem westlichen Land spielt die Industrie noch eine so große Rolle wie in Deutschland. Um diese Bedeutung auch für die Beschäftigung geht es jetzt.

Am Arbeitsmarkt anderer Volkswirtschaften war schon früher als bei uns eine Polarisierung zu beobachten, die der US-Ökonom David Autor so formuliert: Hochqualifizierte Tätigkeiten sind stärker gefragt, ebenso mäßig bezahlte Jobs als Paketbote oder als Sicherheitsmann. Die Mitte, zu der Facharbeiter in der Fabrik zählen, dünnt dagegen aus. Für Arbeitnehmer in der deutschen Industrie ist das eine Bedrohung.

In einem so tiefgreifenden Strukturwandel wie gerade in der Autobranche ließ es sich schon in früheren Perioden nie völlig vermeiden, Stellen abzubauen. Aber die Veränderung lässt sich gestalten: So, dass sich gleichzeitig Beschäftigte umorientieren können und neue Arbeitsplätze entstehen.

An dieser Stelle ist zu kritisieren, wie Industriefirmen wie Conti, Schaeffler und MAN handeln. Sie streichen so massiv Arbeitsplätze, dass sich zweifeln lässt, ob ihnen dies wirklich Corona und der Strukturwandel diktieren. Die Bundesregierung greift der Wirtschaft in der Rezession mit Kurzarbeit und anderen Hilfen stark unter die Arme, um drastischen Stellenabbau zu verhindern. Dies lässt sich durchaus mehr nutzen, als es diese Firmen tun. Wenn sie konkret oder perspektivisch tausende Jobs in Billigländer verlagern, erwecken sie den Verdacht, dass es ihnen um etwas anderes geht als um die Bewältigung des Wandels: um möglichst rasche Gewinne in einem Moment, in dem sie stattdessen gesellschaftliche Verantwortung übernehmen könnten.

Die Bundesregierung sollte ihre Corona-Politik verändern. Staatshilfe verdienen nur Unternehmen, die keinen Großteil der Mitarbeiter hinauswerfen. Die Kurzarbeit muss daran geknüpft werden, dass Betriebe ihre Mitarbeiter qualifizieren, zur Not eben für eine spätere Tätigkeit woanders. Die Regierung könnte auch noch mehr bezuschussen, wenn Firmen in neue Produkte investieren - und so die Jobs der Zukunft schaffen.

Wenn die deutsche Industrie derartige Angebote aus der Politik bekommt und annimmt, muss einem um die Beschäftigten nicht bange sein. Setzt sie dagegen gewinnmaximierend auf Kahlschlag, werden die jetzt schon grauen Jahre für die Arbeitnehmer tiefschwarz.

© SZ
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