IWF-Prognose:Zugang zu Impfstoff entscheidet über wirtschaftliche Erholung

IWF-Prognose: Impfstoff im Bertha Gxowa Hospital in Germiston: In Südafrika lag die Impfquote Mitte Juli bei gerade mal bei 3,9 Prozent der Bevölkerung.

Impfstoff im Bertha Gxowa Hospital in Germiston: In Südafrika lag die Impfquote Mitte Juli bei gerade mal bei 3,9 Prozent der Bevölkerung.

(Foto: AFP)

Der Internationale Währungsfonds warnt eindringlich vor einer stärkeren Zweiteilung der Welt. Der fehlende Impfstoff in ärmeren Ländern könnte auch das Wachstum aller gefährden.

Von Cerstin Gammelin, Berlin

Die weltweite wirtschaftliche Erholung verläuft weiter zweigeteilt entlang des Zugangs der Volkswirtschaften zu Impfstoffen. In den vergangenen vier Monaten haben sich die Unterschiede nochmals deutlich verschärft. "Die Wirtschaftsaussichten haben sich seit der letzten Prognose vom April 2021 von Land zu Land weiter auseinanderentwickelt", schreibt der Internationale Währungsfonds (IWF) in seiner an diesem Dienstag veröffentlichten Prognose zur Entwicklung der Weltwirtschaft.

Der Zugang zu Impfstoffen sei "die entscheidende Bruchlinie", entlang derer sich die weltweite Erholung "in zwei Blöcke" spalte, warnen die Wissenschaftler. Es gebe diejenigen Volkswirtschaften, die sich im Jahresverlauf auf eine weitere Normalisierung freuen könnten - das seien fast alle westlichen Volkswirtschaften, darunter auch Deutschland. In diesen Staaten seien rund 40 Prozent der Bevölkerung geimpft.

Für Staaten ohne ausreichenden Zugang zu Impfstoffen gehe es dagegen weiter bergab. Das seien Länder, "die immer noch mit erneuten Infektionen und steigenden Covid-Todesfällen konfrontiert sein werden". Laut IWF sind in Schwellen- und Entwicklungsländern nur rund 15 Prozent der Bevölkerung geimpft, in armen Staaten seien es noch weniger, nur wenige Prozent.

Die deutsche Wirtschaft dürfte 2021 langsamer wachsen als die von Frankreich, Spanien und Italien

Der IWF warnt die westlichen Volkswirtschaften eindringlich davor, dieser ungleichen Entwicklung tatenlos zuzusehen - schon aus eigenem Interesse. "Die Erholung ist jedoch selbst in Ländern, in denen die Infektionen derzeit sehr gering sind, nicht gewährleistet, solange das Virus anderswo zirkuliert." Erhielten die schwächeren Staaten nicht ausreichend Impfstoffe, werde die Entwicklung dort die weltweite Erholung gefährden und damit auch die der westlichen Welt.

Der IWF geht davon aus, dass die Weltwirtschaft in diesem Jahr um durchschnittlich sechs Prozent zulegt. Für das kommende Jahr kalkulieren die Wirtschaftswissenschaftler mit 4,9 Prozent. Zwar bestätigt der Fonds damit insgesamt die jüngste Prognose für das Jahr 2021- allerdings mit entgegengesetzten Korrekturen zu den beiden Staatenblöcken, also dem Block mit Zugang zu ausreichend Impfstoffen und dem mit geringem oder keinem Zugang zu Impfstoffen. Die Aussichten für Schwellen- und Entwicklungsländer, insbesondere in Asien, wurden für 2021 herabgesetzt. Gleichzeitig hat der IWF seine Prognose für die westlichen Volkswirtschaften um 0,5 Prozent nach oben revidiert. Die Forscher gehen davon aus, dass das gigantische Zwei-Billionen-Dollar-Programm des neuen US-Präsidenten Joe Biden sowie die verbesserten Gesundheitsdaten der westlichen Staaten das Wachstum treiben werden.

In der Gruppe der vier größten Euro-Staaten wird Deutschland in diesem Jahr voraussichtlich das geringste Wirtschaftswachstum aufweisen - das Bruttoinlandsprodukt dürfte der Prognose zufolge um 3,6 Prozent zulegen. Frankreichs Volkswirtschaft wird voraussichtlich um 5,8 Prozent wachsen, Italien um 4,9 Prozent und Spanien um 6,2 Prozent. Im kommenden Jahr könnte Spanien weiter vorne liegen, den anderen drei Volkswirtschaften werden gut vier Prozent Wachstum vorausgesagt.

In einigen Schwellen- und Entwicklungsländern könnte die Inflation stärker anziehen

Auch die Inflation dürfte die Schwellenländer besonders stark treffen. Die Ökonomen gehen zwar insgesamt davon aus, dass die Inflation nur vorübergehend höher als in den vergangenen Jahren ausfallen wird. Der jüngste Preisdruck spiegele "größtenteils ungewöhnliche pandemiebedingte Entwicklungen und vorübergehende Angebots-Nachfrage-Schwächen wider", schreiben sie. Weil Lieferketten unterbrochen waren und zugleich die Nachfrage kräftig angezogen ist, gebe es ungewöhnlich oft Lieferengpässe, die zu hohen Preissteigerungen führten. Man erwarte aber, "dass die Inflation in den meisten Ländern im Jahr 2022 wieder in ihre Vor-Pandemie-Bereiche zurückkehrt". Eine Entwarnung jedoch gibt der IWF nicht: Die Unsicherheit sei weiterhin hoch, schreiben die Analysten. Besonders die ohnehin benachteiligten Volkswirtschaften müssten sich auf schlechtere Zeiten einstellen: So müssten einige Schwellen- und Entwicklungsländer wegen der teilweise sehr hohen Lebensmittelpreise damit rechnen, dass die Inflation stärker anziehe.

Der IWF appellierte an die Notenbanken, die Inflationsaussichten klar zu kommunizieren. Er schloss nicht aus, dass der vorübergehende Druck anhalte und die Zentralbanken "möglicherweise präventive Maßnahmen ergreifen müssen".

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