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Impfstoffentwicklung:Der lange Weg zum Vakzin

Coronavirus - China

Auf den Impfstoffen gegen das Coronavirus liegt die große Hoffnung auf das Ende der Pandemie.

(Foto: Tpg/dpa)

Wie die USA und die EU die Forschung, Entwicklung und Produktion eines Impfstoffes gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 förderten. Eine Chronik.

Von Elisabeth Dostert

In vielen Ländern wird bereits geimpft gegen das Coronavirus Sars-CoV-2. Noch nie wurden Impfstoffe so schnell zur Zulassung gebracht wie in dieser Pandemie. Es kostet viel Geld, Impfstoffkandidaten zu finden, sie durch die klinische Prüfung zu bringen, zu produzieren und auszuliefern. Die USA und die Europäische Union haben in den vergangenen Monaten große Summen zur Verfügung gestellt und Lieferungen vereinbart.

Wie aus einer Übersicht des "Launch and Scale Speedometers" des US-amerikanischen Duke Global Health Innovation Center hervorgeht, wurden weltweit bislang mehr als zwölf Milliarden Impfstoffdosen vereinbart, zum großen Teil handelt es sich um feste Bestellungen. Am fleißigsten waren die USA, sie bestellten - Stand 29. Dezember - gut 1,2 Milliarden Dosen und haben Optionen auf weitere 1,4 Milliarden. Die EU hat der Übersicht zufolge knapp 1,6 Milliarden Dosen sicher und Aussichten auf weitere 580 000 Impfstoffdosen. Eine detaillierte Chronik.

März 2020

19.03. Die EU-Kommission beschließt erstmals, im Rahmen der EU-Notfallreserve rescEU einen Vorrat an medizinischer Ausrüstung einzurichten, darunter Beatmungsgeräte und Schutzmasken, aber auch Impfstoffe und Therapeutika. Für die Beschaffung selbst soll der Aufnahmestaat zuständig sein, 90 Prozent werden als Direktzuschuss von der EU finanziert, zehn Prozent vom jeweiligen Staat. Aus dem EU-Haushalt sollen bis zu 370 Millionen Euro bereitgestellt werden. Die Notfallreserve ist Teil des EU-Katastrophenschutzes.

26.03. Der Europäische Rat beschließt einen gemeinsamen Fahrplan im Kampf gegen die Pandemie. Unter dem Punkt "Begleitende Maßnahmen" geht es auch um Impfstoffe. Die Entwicklung und schnelle Einführung eines Impfstoffes seien entscheidend, um die Pandemie zu stoppen. Auch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) wird zitiert. Nach deren Erfahrung könnte es ein Jahr dauern, bis ein Impfstoff zugelassen werden könne und in ausreichenden Mengen für einen breiten und sicheren Einsatz zur Verfügung stünde. Der Zulassungsprozess solle beschleunigt werden.

30.03. Die US-Regierung sagt Johnson & Johnson 456 Millionen Dollar für seinen Impfstoffkandidaten zu.

April

14.04. Per Verordnung aktiviert die EU das Emergency Support Instrument (ESI). Damit kann sie über Soforthilfen die Mitgliedstaaten unterstützen, wenn eine Krise ein "außergewöhnliches Maß und Auswirkungen" erreicht. Zuvor war das ESI nur einmal aktiviert worden: 2016 in der Flüchtlingskrise. Im Rahmen des ESI stellt die EU nun 2,7 Milliarden Euro bereit. Finanziert werden sollen Therapeutika, Diagnostika, Impfstoffe, aber auch medizinisches Personal, Einrichtungen und Transportkosten. Die EU-Verordnung 2020/521 des Rates sieht eine Aktivierung vom 1. Februar 2020 bis Ende 2022 vor.

16.04. Der US-Konzern Moderna bekommt von der US-Regierung 483 Millionen Dollar.

30.04. Der britisch-schwedische Konzern Astra Zeneca und die Universität Oxford schließen eine weitreichende Vereinbarung, um einen vom Jenner Institute und der Oxford Vaccine Group entwickelten Impfstoff weltweit zu entwickeln und zu vermarkten.

Mai

15.05. Die US-Regierung kündigt das Programm Operation Warp Speed an, um die Forschung, Entwicklung und Verteilung von Impfstoffen, Therapeutika und Diagnostika zu beschleunigen. Aus mehr als 100 Impfstoffkandidaten wählt sie ein halbes Dutzend aus, die besonders gefördert werden sollen. Es geht um Milliarden Dollar.

21.05. Astra Zeneca schließt erste Vereinbarungen über 400 Millionen Dosen Impfstoff ab und sichert sich nach eigenen Angaben Produktionskapazitäten für eine Milliarde Dosen. Mit ersten Lieferungen rechnet der Konzern im September. Das US-Gesundheitsministerium sagt Astra Zeneca eine Unterstützung von bis zu 1,2 Milliarden Dollar zu. Die Vereinbarung sieht auch die Lieferung von mindestens 300 Millionen Dosen für die USA vor. Außerdem verhandelt der schwedisch-britische Konzern mit dem Serum Institute of India - nach eigenen Angaben der größte Impfstoffhersteller der Welt gemessen an der Menge der Dosen.

Juni

03.06. Deutschland, Frankreich, Italien und die Niederlande vereinbaren eine "inklusive Impfallianz". Die Initiatoren wollen der EU-Kommission und den EU-Mitgliedstaaten die Möglichkeit anbieten, an der Allianz teilzunehmen, sodass die gesamte europäische Bevölkerung von einem Impfstoff profitieren könne, heißt es in einer Pressemitteilung des niederländischen und des französischen Gesundheitsministeriums.

04.06. Astra Zeneca schließt einen Vertrag mit der Impfallianz Gavi und der Forschungsallianz Cepi im Volumen von 750 Millionen Dollar. Sie sieht unter anderem die Beschaffung und Verteilung von 300 Millionen Dosen Impfstoff vor.

11.06. Die Europäische Investitionsbank gewährt dem Mainzer Unternehmen Biontech einen Kredit von bis zu 100 Millionen Euro zur Herstellung und Entwicklung eines Impfstoffes.

13.06. Astra Zeneca schließt eine Liefervereinbarung mit der von Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und Italien gebildeten inklusiven Impfallianz über bis zu 400 Millionen Dosen.

15.06. Der Bund erwirbt über die staatliche Förderbank KfW für 300 Millionen Euro knapp ein Viertel an der Firma Curevac mit Sitz in Tübingen.

17.06. Die EU-Kommission veröffentlicht ihre Impfstoffstrategie. "Der Zeitdruck ist enorm", heißt es darin. Um den weltweiten Bedarf zu decken, müssten "Hunderte Millionen oder sogar Milliarden Dosen" hergestellt werden. Die inklusive Impfallianz sei ein "wichtiger Schritt" zur Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten gewesen. Dennoch liege "die Impfpolitik nach wie vor in den Händen der Mitgliedstaaten." Im Gegenzug für das Recht, innerhalb eines bestimmten Zeitraums und zu einem bestimmten Preis eine festgelegte Anzahl von Impfstoffdosen kaufen zu können, werde ein Teil der Vorlaufkosten der Impfstoffhersteller durch Abnahmegarantien über das ESI finanziert.

18.06. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung legt ein Sonderprogramm von bis zu 750 Millionen Euro auf, um die Forschung und Entwicklung eines Impfstoffes zu beschleunigen.

Juli

06.07. Curevac und die Europäische Investitionsbank unterzeichnen einen Kreditvertrag über 75 Millionen Euro, um eine großvolumige Produktion von Impfstoffen aufzubauen, auch gegen Sars-CoV-2.

07.07. Das US-amerikanische Pharmaunternehmen Novovax soll vom US-Gesundheitsministerium 1,6 Milliarden Dollar bekommen, um in großem Stil seinen Impfstoff herstellen zu können. Gleichzeitig sichert sich die US-Regierung 100 Millionen Dosen.

22.07. Pfizer bekommt zum Aufbau von Produktion und landesweitem Vertrieb 1,95 Milliarden Dollar von der US-Regierung, die sich im Gegenzug 100 Millionen Dosen reserviert.

31.07. Die EU-Kommission schließt erste Gespräche mit den Konzernen Sanofi und GSK ab. Das sei ein erster wichtiger Eckpfeiler in einer sehr viel breiter angelegten Impfstoffstrategie der EU, lässt sich EU-Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen in einer Mitteilung zitieren. Man sei zudem in "fortgeschrittenen Gesprächen mit mehreren anderen Firmen". Die EU investiere in ein Portfolio mit mehreren vielversprechenden Impfstoffen, die auf verschiedenen Technologien basieren, weil man noch nicht wisse, welche am besten funktioniere. Die USA sagten Sanofi und GSK fast zwei Milliarden Dollar zu, um die Entwicklung, klinische Studien und die Produktion ihres Impfstoffes voranzutreiben - im Handel gegen 100 Millionen Dosen für die USA.

August

05.08 Johnson & Johnson bekommt vom US-Gesundheitsministerium fast eine Milliarde Dollar zum Aufbau einer Produktion und zur Auslieferung des Impfstoffes. Im Gegenzug sichert sich die Regierung 100 Millionen Dosen.

11.08. Moderna stellt das US-Ministerium sogar 1,5 Milliarden zum selben Zweck zur Verfügung. Auch von diesem Unternehmen sichern sich die USA 100 Millionen Dosen mit der Option auf mehr.

14.08. Die EU-Kommission schließt eine erste Vereinbarung mit Astra Zeneca für den mit der Universität Oxford entwickelten Impfstoff. Sie baue auf der bereits geschlossenen Vereinbarung mit der inklusiven Impfstoffallianz auf, heißt es in der Mitteilung von Astra Zeneca.

27.08. Der Vertrag mit Astra Zeneca tritt in Kraft. Es ist der erste von der EU-Kommission für die Mitgliedstaaten ausgehandelte Vertrag. Die EU-Kommission vereinbart den Kauf von 300 Millionen Dosen und eine Option auf weitere 100 Millionen.

September

15.09. Die Bundesregierung gibt bekannt, welche Unternehmen Mittel aus dem Sonderprogramm zur Impfstoffentwicklung bekommen: Biontech erhält 375 Millionen Euro, Curevac 230 Millionen Euro. Die Gespräche mit dem Unternehmen IDT Biologika aus Dessau-Roßlau laufen noch.

18.09. Der Vertrag mit Sanofi-GSK und der EU-Kommission tritt in Kraft. Er sieht den Kauf von bis zu 300 Millionen Dosen vor.

Oktober

01.10. Die EMA beginnt mit der fortlaufenden Überprüfung des Impfstoffes, den Astra Zeneca gemeinsam mit der Universität Oxford entwickelt hat. Es ist das erste solche Verfahren für einen Impfstoff. Der Vektorimpfstoff besteht aus einem Virus, das so modifiziert wurde, dass es das Gen mit dem Bauplan für das Spikeprotein auf der Oberfläche des Virus enthält.

06.10. Die EMA beginnt mit der fortlaufenden Überprüfung des Impfstoffes BNT162b2 von Biontech und Pfizer. Das Verfahren ist für Notfälle konzipiert, es soll die Zulassung beschleunigen.

07.10. Die EU-Kommission schließt eine dritte Liefervereinbarung, dieses Mal mit Johnson & Johnson. Der Vertrag sieht die Lieferung von 200 Millionen Dosen des vektorbasierten Impfstoffs Ad26COVS1 vor und die Möglichkeit, noch einmal so viele zu kaufen.

08.10. IDT Biologika bekommt 114 Millionen Euro aus dem Sonderprogramm zur Beschleunigung von Forschung und Entwicklung. Die Firma arbeitet gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung an der Entwicklung eines Vektorimpfstoffes. Die genetische Information des Spike-Proteins des Coronavirus ist in das Pocken-Impfvirus MVA eingebaut.

November

11.11. Es gibt einen vierten Vertrag für Impfstoffe. Die EU-Kommission vereinbart mit dem Duo Biontech/Pfizer die Lieferung von zunächst 200 Millionen Dosen und die Option auf weitere 100 Millionen.

16.11. Die EMA beginnt mit der fortlaufenden Überprüfung des Impfstoffes von Moderna.

19.11. Es geht jetzt Schlag auf Schlag. EU-Kommission und Curevac, das Unternehmen, an dem auch der Bund beteiligt ist, vereinbaren die Lieferung von zunächst 225 Millionen Dosen, sobald sich der Impfstoff als sicher und wirksam erwiesen hat, sowie eine Option auf weitere 180 Millionen Dosen. Es ist der fünfte Vertrag.

25.11. Die EU-Kommission schließt ihren sechsten Vertrag - dieses Mal mit Moderna für den Impfstoff mRNA 1273. Zunächst soll der US-Konzern 80 Millionen Dosen liefern, darüber hinaus gibt es eine Option auf noch einmal so viele. Wie der Impfstoff von Biontech/Pfizer und Curevac basiert er auf Boten-RNA.

26.11. Regelmäßig veröffentlicht die EMA, mit welchen Unternehmen, die Impfstoffe und Therapeutika entwickeln, sie im Austausch steht. Es sind mittlerweile 71 Firmen, davon entwickeln gut 20 Impfstoffe, die meisten sind noch nicht im Stadium klinischer Studien.

Dezember 2020

01.12. Biontech und Pfizer beantragen förmlich die bedingte Zulassung ihres Impfstoffes, ebenso Moderna. Die EMA beginnt mit dem "rolling review", der fortlaufenden Überprüfung, des Impfstoffes von Johnson & Johnson.

11.12 Die US-Arzneimittelbehörde FDA erteilt dem Impfstoff von Biontech und Pfizer eine Notfallzulassung. Die US-Regierung übt ihre Option aus und sichert sich weitere 100 Millionen Dosen des Impfstoffes mRNA-1273 von Moderna, insgesamt sind es damit 200 Millionen Dosen, mit der Option auf weitere 300 Millionen Dosen. Insgesamt haben die USA Moderna bis dahin für die Entwicklung eines Impfstoffes, klinische Tests und die Produktion mit 4,1 Milliarden Dollar unterstützt.

17.12. Die EU-Kommission schließt Sondierungsgespräche mit Novavax ab. Bei dem Produkt handelt es sich um einen Proteinimpfstoff. Der Vertrag sieht die Lieferung von anfänglich 100 Millionen Dosen vor mit der Aussicht auf weitere 100 Millionen. Die belgische Politikerin Eva De Bleeker veröffentlicht "versehentlich", wie es heißt, eine Preisliste für die EU. Der zufolge soll der Impfstoff von Johnson & Johnson 8,50 Dollar je Dosis kosten, der von Astra Zeneca 1,78 Euro, Sanofi/GSK liegen bei 7,56 Euro, Biontech/Pfizer bei 12,00 Euro, Curevac bei 10,00 Euro und Moderna bei 18,00 Dollar. Die Staatssekretärin für Verbraucherschutz löscht den Tweed gleich wieder, da ist es aber schon zu spät. Ein paar Nutzer haben Screenshots gemacht, die nun im Internet kursieren.

18.12. Die FDA erteilt dem Impfstoff von Moderna eine Notfallzulassung.

21.12. Die EU-Kommission gibt dem Impfstoff von Biontech und Pfizer die bedingte Zulassung für Menschen älter als 16 Jahre. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen jubelt: "Der Beginn der Impfkampagne wird ein großer Moment europäischer Geschlossenheit sein. Ein schönes Ende eines schwierigen Jahres und hoffentlich auch der Anfang vom Ende der Pandemie. Wir sitzen alle in einem Boot." Die Zulassung gilt zunächst für ein Jahr. Der Impfstoff trägt den Namen Comirnaty.

30.12. Großbritannien erteilt dem Impfstoff AZD1222 von Astra Zeneca und der Universität Oxford eine Notfallzulassung für Menschen älter als 18 Jahre. Es ist nach dem Impfstoff von Biontech/Pfizer die zweite Notfallzulassung eines Impfstoffes. Die EMA braucht noch Zeit. Der Impfstoff von Astra Zeneca und der Universität Oxford befinde sich in der fortlaufenden Überprüfung, teilt die EMA mit.

© SZ/vwu
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