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Immobilienkonzerne:Die Mieter schauen ohnmächtig zu

Die Gropiusstadt im Berliner Stadtteil Neukölln mit mehr als 18 000 Wohnungen entstand bis 1975. Eigentümer ist Vonovia, seit Kurzem ein Dax-Konzern.

(Foto: imago)

Auf dem deutschen Immobilienmarkt ist ein rasantes Milliarden-Monopoly im Gange. Was bedeutet das für die Bewohner?

Von Caspar Busse, Caspar Dohmen, Harald Freiberger und Benedikt Müller

Es ist ein ehrenwertes Haus, hübsch und ordentlich. Vor der Haustür steht im Gras eine silberne Schale als Vogelbadewanne, im Hausflur hängen Aquarelle, neben der Eingangstür findet sich eine Pinnwand, auf der für alle Mieter genau notiert ist, wann hier wer fegen muss, dazu die Öffnungszeiten der Verwaltung.

Das ist nur Fassade. Frau Neumann, die rüstige Rentnerin, die ihren Vornamen nicht in der Zeitung lesen will, ärgert sich oft, zum Beispiel darüber, dass sich das neu eingebaute Fenster im Hausflur nicht richtig öffnen lässt. Bei heftigem Regen muss sie in der Tiefgarage die Schuhe ausziehen, um zu ihrem Golf zu waten, weil die Gullys verstopft sind und das Wasser dann einige Zentimeter hoch steht. Es sind viele solcher Dinge, die Mieter hier in Wuppertal-Rehsiepen aufbringen.

Die Siedlung mit 721 Wohnungen wurde Anfang der 1970er-Jahre gebaut, sie liegt zwischen der stark befahrenen Autobahn A 1 von Dortmund nach Leverkusen und der Eisenbahnlinie von Wuppertal nach Solingen, es sind dreistöckige und achtstöckige Gebäude. Rehsiepen, das war einmal ein stolzes, öffentlich gefördertes Wohnbauprojekt. Nun ist die in die Jahre gekommene Siedlung ein Sinnbild für das Milliarden-Monopoly, das gerade auf dem deutschen Immobilienmarkt stattfindet.

Zum Beispiel Wuppertal: Erst Neue Heimat, dann Gagfah, jetzt Luxemburg

Aktueller Höhepunkt: Der börsennotierte Wohnungsbaukonzern Vonovia, seit ein paar Wochen sogar im Deutschen Aktienindex (Dax) notiert und Eigentümer riesiger Wohnsiedlungen wie der Gropiusstadt in Berlin, will den Konkurrenten Deutsche Wohnen übernehmen, für die Rekordsumme von rund 14 Milliarden Euro inklusive der Übernahme von Schulden. Zusammen besäßen beide Firmen mehr als 500 000 Wohnungen und würden zu Deutschlands mächtigstem Vermieter. Doch Deutsche Wohnen wehrt sich mit allen Mitteln, es ist seit Wochen ein Milliardengeschacher im Gange, das viele tausend Mieter ohnmächtig verfolgen. Ausgang offen.

Auch Rehsiepen ist ein Spekulationsobjekt im Visier internationaler Finanzinvestoren. Gebaut wurde die Anlage ursprünglich von der Neuen Heimat, also von der Gesellschaft, die einst im Namen des Deutschen Gewerkschaftsbundes die Bundesrepublik zubetonierte und dann in einem spektakulären Skandal zugrunde ging. Dann gehörte die Anlage der Wohnungsgesellschaft Gagfah, die 1918 als "Gemeinnützige Aktiengesellschaft für Angestellten-Heimstätten" gegründet wurde und nach dem Zweiten Weltkrieg in den Besitz der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte überging. Die Gagfah wurde, wie so viele Wohnungsgesellschaften, 2004 privatisiert, der aggressiv auftretende US-Investmentfonds Fortress griff zu. "Fortress schickt die Gagfah auf den Strich. Die muss Knete ranschaffen, egal wie", beschrieb einmal ein Insider das Geschäftsmodell. Der Firma wurden Schulden aufgeladen, die Investitionen gekürzt.

Die Gagfah wiederum ging im März an die Deutsche Annington, also an jenes Unternehmen, das sich im September in Vonovia umbenannt hat und nun um die Deutsche Wohnen buhlt. Die Wohnungen in Rehsiepen wurden vorher weitergereicht, sie gehören heute der Bole Mazus Property GmbH mit Sitz am Kurfürstendamm in Berlin. Die Firma ist Teil der Grand City Property S.A. aus Luxemburg.

So kann es gehen, wenn gemeinnütziger Wohnungsbau privatisiert wird.

Die Mieter erfahren oft erst aus der Nebenkostenabrechnung, wem ihre Wohnungen eigentlich gerade gehört. Dort muss nämlich der Name des Eigentümers vermerkt sein, sagt Bruno Wortmann. Er war mehr als 45 Jahre Maschinenbauer bei einer mittelständischen Firma, seit 1996 ist er ehrenamtlich im Vorstand des Mieterschutzbundes Wuppertal tätig. Als Rentner hat er sich des Viertels angenommen, Rehsiepen ist zweifellos in der Stadt einer der Brennpunkte. Weil er selbst in der Nähe wohnt, schaut er regelmäßig vorbei und berät Mieter, von denen etwa hundert Mitglied im Mieterschutzbund sind.

Willkommen im Immobilienland Deutschland, das für internationale Investoren seit einigen Jahren eine Goldgrube geworden ist. Die Mieter jedoch leben immer öfter in Angst und Unsicherheit. Angesichts niedriger Zinsen und eines weltweiten "Anlagenotstands" haben die Anleger in den letzten Jahren deutsche Immobilien entdeckt. Die Wirtschaft hiezulande ist stabil, es gibt keine Immobilienblase, die Preise sind im internationalen Vergleich noch moderat, die Renditen ansehnlich.

"Es ist, als wäre ein Pfropfen aus dem deutschen Wohnungsmarkt herausgeflogen", sagt Wolfgang Schäfers, Professor für Immobilienwirtschaft in Regensburg. Über 20 Jahre sei die Zahl der Baugenehmigungen stets zurückgegangen. Bei dieser Wohnungsknappheit sei es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis der Markt für internationale Investoren attraktiv wurde. Heute gelten Wohnungen in Deutschland als gute und sichere Geldanlage.

Dazu kommt, dass sich immer mehr Kommunen, genossenschaftliche Träger oder Unternehmen aus dem Immobilienmarkt zurückziehen. Sie verkaufen ihre Bestände an Mietwohnungen, mittlerweile ist der Markt schon ziemlich leer gekauft, die Preise steigen. Allein im ersten Halbjahr wechselten hierzulande Wohnungen im Wert von mehr als 17 Milliarden Euro den Besitzer, schätzt das Beratungsunternehmen NAI Apollo, ein Rekordwert. Im gesamten Jahr 2014 waren es 13 Milliarden Euro. Die einzelnen Unternehmen werden immer größer, sie versuchen etwa durch gemeinsame Verwaltung und gemeinsamen Einkauf Kosten zu sparen - so wie Vonovia. Schon jetzt gehört dem Unternehmen in mancher nordrhein-westfälischen Stadt, zum Beispiel Dortmund, fast jede zehnte Mietwohnung. "Wenn ein Großvermieter in einer Umgebung einen Großteil der Wohnungen besitzt, kann das problematisch werden, weil er in der Lage ist, die ortsübliche Vergleichsmiete anzuheben", warnt Immobilien-Forscher Schäfers.

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