Immobiliengeschäfte:Seniorenstifte als Gewerbeimmobilien - eine seltsame Wortwahl

Immobiliengeschäfte: Seniorenresidenz in München: Nun ist ein heftiger Streit um das Eigentum an 14 der 23 Stifte entbrannt. Bewohner müssen sich allerdings keine Sorgen machen.

Seniorenresidenz in München: Nun ist ein heftiger Streit um das Eigentum an 14 der 23 Stifte entbrannt. Bewohner müssen sich allerdings keine Sorgen machen.

(Foto: PR)

Wer sich auf die Suche nach dem Sinn der ungewöhnlichen Immobilien-Deals begibt, der stößt auf den Rechtsanwalt Artur Maccari. Dieser ist eine Größe in seiner oberschwäbischen Heimat. Er beriet das Augustinum seit 2000 rechtlich, gehörte seit 2005 dem Aufsichtsrat an und leitete das Kontrollgremium von 2008 an bis zu seinem Tod. Er starb Anfang 2014 im Alter von 66 Jahren. Maccari sei die "Spinne im Netz" gewesen, sagt ein Insider.

Wie der Jurist die Immobilien-Deals vorantrieb, ist schriftlich dokumentiert. Bei einer Aufsichtsratssitzung im November 2011 sprach Maccari laut Protokoll davon, dass man "Gewerbeimmobilien" heutzutage nicht mehr besitze, sondern miete, um "flexibler auf Veränderungen im Markt (Lage, Anspruchsverhalten der Nutzer) reagieren zu können". Maccari malte die geplanten Deals in schönsten Farben. Das Augustinum werde eine "sehr viel attraktivere Bilanz" haben.

Seniorenstifte als Gewerbeimmobilien? Das ist eine seltsame Wortwahl, zumal für ein christlich geprägtes Unternehmen. Doch der Aufsichtsrat folgte Maccari und genehmigte die Deals. Der später inhaftierte Geschäftsführer setzte sie zusammen mit Co-Chef Markus Rückert um, der sich heute getäuscht sieht.

7400 Senioren

Der Augustinum-Konzern zählt zu den führenden Sozial-Dienstleistern in Deutschland. In den 23 Seniorenresidenzen leben rund 7400 Menschen. Im Bereich des gehobenen Seniorenwohnens gilt das Augustinum als Marktführer. Insgesamt beschäftigt die Gruppe mit der Zentrale in München, mehr als 4300 Mitarbeiter und machte 2013 einen Umsatz von 326 Millionen Euro. Der Konzern betreibt neben den Wohnstiften zwei Sanatorien, eine Klinik, heilpädagogische Einrichtungen, Schulen und Internate. Gegründet wurde das Unternehmen 1954 vom evangelischen Pfarrer Georg Rückert, es entwickelte sich aus einem evangelischen Studienheim in München-Pasing. Sohn Markus Rückert, 63, führt seit 1988 den gemeinnützigen Konzern, dessen Hauptgesellschafter die Augustinum Stiftung ist. Das Augustinum ist Mitglied im Diakonischen Werk der evangelischen Kirche.

Immobilienfirma aus dem Norden habe sich als seriös und finanzkräftig präsentiert

Das Augustinum beteuert, die Immobilienfirma aus dem Norden sei als seriöses und finanzkräftiges Hamburger Unternehmen präsentiert worden. Ein "Gefälligkeitsschreiben" einer Bank mit, wie man jetzt wisse, "falschen Angaben" habe diesen Eindruck verstärkt.

Ein von Maccari präsentierter, in der Schweiz ansässiger Vermittler habe hohe Provision für den Immobilienhandel kassiert, aber davon habe man erst im Jahr 2014 erfahren, beteuert das Augustinum. Fast 40 Millionen Euro sollen die Provisionen insgesamt betragen haben. Einen Teil davon soll Maccari selbst erhalten haben, ein anderer Teil soll in eine Villa geflossen sein, die der frühere Augustinum-Geschäftsführer bewohnt. Der Staatsanwaltschaft fällt es allerdings angeblich schwer, Belege zu finden, dass die Villa mit Geld aus dem Immobilienhandel finanziert worden sei.

Die Münchner Staatsanwaltschaft äußert sich nicht im Detail. Sie bestätigt nur die Ermittlungen. Diese richten sich außer gegen den Ex-Geschäftsführer vom Augustinum auch gegen den Mittelsmann sowie gegen die beiden Betreiber der norddeutschen Immobilienfirma. Die Beschuldigten weisen alle Vorwürfe zurück.

Zu den beiden Betreibern der norddeutschen Immobilienfirma, die 728 Millionen Euro Darlehen bekam, hatte das Augustinum nach eigenen Angaben kaum Kontakt. Der eine sei nur ein einziges Mal da gewesen, der andere sei dem Augustinum nur als Beschuldigter in den laufenden Ermittlungen bekannt. Das ist sehr ungewöhnlich für ein so großes Geschäft.

Das Augustinum ist zuversichtlich, mit den beiden Herren fertig zu werden. Deren Firma wolle mit der Räumungsklage in Aumühle nur die Bewohner verunsichern, so das Augustinum. Die Senioren bräuchten sich nicht zu sorgen.

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