Süddeutsche Zeitung

Immobilien:Vonovia steckt den Mietendeckel weg

Der Vermieter verzichtet auf Rückforderungen in Berlin. Die Dividende steigt deutlich.

Von Benedikt Müller-Arnold, Düsseldorf

Vonovia brauchte nur wenige Minuten. Kaum hatte das Bundesverfassungsgericht den Berliner Mietendeckel am Donnerstag für nichtig erklärt, versprach Deutschlands größter Vermieter: Er werde nicht von dem Geld zurückfordern, das seine Mieter in Berlin dank des Deckels gespart hatten. Die Hauptstadt hatte voriges Jahr bestehende Wohnungsmieten zeitweise eingefroren. Zudem ordnete sie im November Obergrenzen an; viele Haushalte zahlten seitdem weniger.

Dieser bundesweit bislang einmalige Eingriff prägte auch die Hauptversammlung von Vonovia am Freitag. "Wir verzichten auf bis zu zehn Millionen Euro", bezifferte Vorstandschef Rolf Buch sein Versprechen an die Mieter. "Ich bin aber auch überzeugt, dass der Verzicht im Sinne unsere Aktionäre ist", so Buch. "Wir alle brauchen gesellschaftliche Akzeptanz für unser Geschäftsmodell."

Die Plattform kritischer Immobilienaktionäre bezeichnet Vonovias Geste hingegen als "wohlfeil". Sie betont, dass der Konzern in den nächsten Tagen insgesamt gut 950 Millionen Euro Jahresdividende an seine Aktionäre ausschütten wird.

Insgesamt besitzt Vonovia gut 415 000 Mietwohnungen in Deutschland, Österreich und Schweden. Viele dieser Immobilien waren einst als Werks- oder Sozialwohnungen entstanden; der Aufstieg der einstigen Deutschen Annington begann vor 20 Jahren mit der Privatisierung solcher Bestände. In Berlin besitzt der Dax-Konzern heute etwa 42 000 Wohnungen.

Ganz anders das Verhältnis bei Deutsche Wohnen: Der zweitgrößte Immobilienkonzern der Republik, ebenfalls im Leitindex Dax gelistet, besitzt gut 155 000 Wohnungen, fast drei Viertel davon im Großraum Berlin. Deutsche Wohnen will die Differenz zwischen ursprünglichen und gedeckelten Mieten von den jeweiligen Haushalten zurückverlangen. Im Schnitt belaufe sich die Forderung auf etwa 430 Euro je Mieter, so der Konzern. Allerdings solle kein Mieter wegen der Entscheidung seine Wohnung verlieren. Deutsche Wohnen hatte die Gewinnprognose davon abhängig gemacht, ob der Mietendeckel vor Gericht Bestand haben würde.

Beide Dax-Konzerne profitieren seit Jahren davon, dass viele Menschen in die Ballungsräume streben; der Neubau kommt kaum hinterher. Die Unternehmen können vielerorts Mieten erhöhen, wo es das Mietrecht erlaubt. Dank niedriger Zinsen können sie sich günstig finanzieren. Da zudem viele Privatleute und Profi-Investoren Geld in Immobilien anlegen wollen, haben die Bestände von Vonovia und Deutsche Wohnen mehrere Milliarden Euro an Wert gewonnen. An der Börse legte die Vonovia-Aktie in dieser Woche weitere zwei Prozent hinzu, Deutsche Wohnen gar etwa zehn Prozent.

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Quelle:
SZ vom 17.04.2021
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