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Immobilien:Singles haben es besonders schwer

Stadtansicht Stuttgart

Blick von der Karlshöhe auf Stuttgarter Dächer. Trotz des anhaltenden Baubooms ist die Lücke zwischen Wohnungsnachfrage und Angebot in vielen deutschen Städten groß.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

In Deutschlands Großstädten fehlen günstige Apartments, sagt eine Studie. Die Lage könnte sogar noch schwieriger werden.

Von Marianne Körber

In Deutschland fehlen 1,9 Millionen "bezahlbare" Wohnungen, stellt die Hans-Böckler-Stiftung in einer neuen Studie fest. Es sind vor allem die Einpersonenhaushalte, die sich bei der Wohnungssuche schwer tun. Günstige Apartments unter 45 Quadratmetern Wohnfläche sind schwer zu finden; laut Untersuchung müssten hierzulande 1,4 Millionen solcher Unterkünfte errichtet werden, um den Bedarf zu decken.

Bezahlbar bedeutet für die Experten, dass die Warmmiete nicht mehr als 30 Prozent des Einkommens verschlingt. Das sei der Anteil, der bei Sozialwissenschaftlern und Immobilienexperten als angemessen gelte. Auch viele Vermieter zögen hier eine Grenze, weil sie daran zweifelten, dass sich Mieter eine höhere Belastung auf Dauer leisten könnten. Dazu Beispiele: Hat ein mittlerer Single-Haushalt im Monat 1484 Euro zur Verfügung, liegt seine Schmerzgrenze bei 445 Euro Warmmiete. Für einen Zweipersonenhaushalt mit einem mittleren Einkommen von 2226 betragen die "leistbaren Wohnkosten" 668 Euro, für einen Dreipersonenhaushalt mit 2968 Euro 890 Euro im Monat.

Wie groß das Problem ist, zeigt die Statistik: In der Hälfte aller Haushalte in den 77 deutschen Großstädten lebt nur eine Person. Den 6,7 Millionen Einpersonenhaushalten stehen aber nur 2,5 Millionen Kleinstwohnungen gegenüber. "Der Wohnungsbestand passt heutzutage nicht mehr zu der Struktur der Bewohnerschaft in den Großstädten und ist damit ein wesentlicher Grund für die soziale Versorgungslücke", betonen Henrik Lebuhn, Andrej Holm, Stephan Junker und Kevin Neitzel, die Autoren der Studie.

Um die Lücke bei bezahlbaren Wohnungen zu verkleinern, sei es also sehr wichtig, das Angebot an Kleinwohnungen mit Nettokaltmieten von vier bis fünf Euro pro Quadratmeter stark auszubauen. "Das ist nur durch eine deutliche Stärkung des sozialen Wohnungsbau möglich", betonen die Wissenschaftler. "Dazu müssen einerseits weitaus mehr Sozialwohnungen als in den vergangenen Jahren neu entstehen. Andererseits muss auch die Sozial- und Mietpreisbindung im Wohnungsbestand wieder ausgeweitet werden." Dazu könnten beispielsweise öffentliche Träger Privatvermietern Wohnungen abkaufen.

Gemessen an den finanziellen Möglichkeiten der lokalen Bevölkerung bestehe ein besonders großer Mangel an bezahlbarem Wohnraum einerseits in einwohnerstarken Städten mit vielen Niedrigverdienern (etwa Berlin, Leipzig und Dresden), andererseits in Großstädten mit einem hohen Mietniveau (etwa München, Stuttgart und Düsseldorf).

Konkret fehlten in Berlin die meisten bezahlbaren Unterkünfte, nämlich 310 000. Es folgen Hamburg mit einer Lücke von 150 000, Köln mit 86 000 und München mit 78 000 Wohnungen. Doch selbst in Großstädten mit relativ kleinen Versorgungslücken wie Wolfsburg, Koblenz oder Ulm überschreite der Bedarf an günstigen Wohnungen das Angebot jeweils um mehrere tausend. Betrachte man die Bundesländer, sei das Defizit im bevölkerungsstärksten Land Nordrhein-Westfalen mit knapp 550 000 Wohnungen am größten, gefolgt von Berlin, Bayern (rund 192 000 Wohnungen), Baden-Württemberg (156 000), Niedersachsen (110 000) und Sachsen (105 000).

Die Haushalte seien also je nach Einkommenssituation und Haushaltsgröße in unterschiedlichem Maße von der Wohnproblematik betroffen. Da die Versorgungslücke von den Autoren anhand der neuesten verfügbaren Mikrozensusdaten aus dem Jahr 2014 errechnet wurde, könnte sich die Wohnungsnot inzwischen noch verschärft haben. Die Entwicklung der vergangenen Jahre jedenfalls spreche dafür, vermuten die Autoren.

© SZ vom 09.04.2018

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