Wohnungsverband:Besser keine Einfamilienhäuser

Einfamilienhaus-Siedlung in Köln

Neubausiedlung in Köln-Widdersdorf.

(Foto: Henning Kaiser/dpa)

Die Wohnungswirtschaft reagiert mit einer ungewöhnlichen Empfehlung auf die jüngsten Klimakatastrophen. "Es ist nicht fünf vor, sondern zwölf", heißt es in einem Appell.

Von Lars Langenau

Auf den ersten Blick wirkt die Website mit dem öffentlichen Brief gehackt. So ungewöhnlich ist der Schritt. Wo sich viele in der Wohnungswirtschaft oder vor allem auch in der Union und FDP aus Furcht vor ihrer Wählerschaft noch äußerst schwertun, brechen jetzt Vertreter der Wohnungswirtschaft mit einem Tabu.

Der Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW) spricht sich in einem öffentlichen Schreiben an Schleswig-Holsteins Ministerpräsidenten Daniel Günther (CDU) für Verzicht und Mäßigung aus: für einen weitgehenden Verzicht auf Einfamilienhäuser. Zugunsten des Klimaschutzes.

Wörtlich heißt es da: "Angesichts zunehmender Flächenversiegelung und aus Gründen von Nachhaltigkeit ist die Errichtung von mehrgeschossigen Wohngebäuden sicher am sinnvollsten. Das schließt den Bau von Einfamilienhäusern - da, wo es passt - natürlich nicht aus, aber es sollte vorsichtig damit umgegangen werden." Und weiter: "Insbesondere die Planungsbehörden der Städte und Gemeinden sind aufgefordert, bei der Ausweisung von Wohngebieten aus den jüngsten Überschwemmungen zu lernen." Ein VNW-Sprecher bestätigt die Echtheit des Schreibens. Reden helfe nicht mehr. Man müsse dringend etwas tun! Attraktives Wohnen und geringer Flächenverbrauch könne durchaus kombiniert werden.

Es ist nur ein Verband in Norddeutschland, ja, sicher. Aber der VNW vertritt nach VNW-Angaben fast 400 Wohnungsgenossenschaften und kommunale Wohnungsgesellschaften in Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. In den von ihnen verwalteten 686 000 Wohnungen leben rund 1,5 Millionen Menschen.

"Wir denken, dass in der Wohnungspolitik mehr geht."

VNW-Direktor Andreas Breitner und der schleswig-holsteinische Landesvorsitzende Marcel Sonntag sprechen sich in dem aufsehenerregenden Schreiben dafür aus, mehr Grünflächen zu schaffen, vorhandene Plätze stärker zu begrünen, die Zahl der Parkplätze zu reduzieren, Häuser höher zu bauen, Baulücken zu schließen und Gebäude zu sanieren. "Wir denken, dass in der Wohnungspolitik mehr geht und Luft nach oben ist", heißt es weiter. Dazu sollte man vielleicht wissen, dass Breitner SPD-Politiker und von 2012 bis 2014 Innenminister des Landes Schleswig-Holstein war, bevor er 2015 VNW-Verbandsdirektor wurde.

Aber politische Kontakte scheinen ja nicht das Schlechteste zu sein. Zumal angesichts des dringenden Handlungsbedarfs aufgrund der jüngsten Klimakatastrophen auch in Deutschland. Und so fordert Breitner zusammen mit seinem Kollegen Sonntag weiter: weniger Flächenfraß, mehr Nachhaltigkeit und eine ökologische Wende in den Städten und Zentren. "Es ist nicht fünf vor, sondern zwölf, aber wir können immer noch handeln." Eine Lehre aus den jüngsten Überschwemmungen in NRW und Rheinland-Pfalz sei, dass Wohngebiete grundsätzlich nicht in potenziellen Überschwemmungsgebieten von Flüssen errichtet werden sollten. Es gehe darum, das Ruder herumzureißen, so die Direktoren in ihrem dringlichen Appell.

Laut VNW ist es Zufall, dass der Weltklimarat am Montag nach rund sieben Jahren wieder einen Sachstandsbericht vorlegt. In dem soll exakt dargelegt werden, "in welchem Ausmaß der Klimawandel für Extremwetterereignisse, Desaster und ähnliches in der Welt verantwortlich ist". Dass die Menschen mit ihrer Energiegewinnung, Intensivlandwirtschaft, Abholzung, Tierhaltung und Umweltverschmutzung maßgeblich für den Klimawandel verantwortlich sind, ist unter diesen Wissenschaftlern unbestritten. Aber wie groß dieser Einfluss ist, könnte der Weltklimarat in dem Bericht noch einmal vor Augen führen.

Seit dem letzten Bericht hat es die sechs wärmsten Jahre seit Messbeginn gegeben. Global liegt die Mitteltemperatur bereits etwa 1,2 Grad über dem vorindustriellen Niveau, in Deutschland schon 1,6 Grad höher. "In Deutschland entscheiden wir am 26. September bei der Bundestagswahl darüber, welchen Weg wir gehen", sagt der Sprecher.

© SZ/mit dpa/lala/kö
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