Immobilien Bayerische Sparkasse mischt bei Mieterverdrängung in Berlin mit

Protest an einer Hausfassade im Berliner Stadtteil Schöneberg

(Foto: imago/Müller-Stauffenberg)
  • Der Berliner Wohnungsmarkt ist extrem umkämpft. Investoren machen sich dies zunutze.
  • Eine Recherche zeigt, wie eine bayerische Sparkasse dabei mitmischt, indem sie einer Investorenfamilie mit Krediten hilft.
Von Thorsten Schmitz, Berlin

Vor einem halben Jahr hat Ruth Dippe-Kunst in ihrem Badezimmer einen Schreianfall bekommen. Als sie den Toilettendeckel öffnete, sprang ihr eine Ratte entgegen. Der Hausmeister riet ihr am Telefon, den Toilettendeckel offen zu lassen, um der Ratte einen Rückzug zu ermöglichen. Er sicherte ihr zu, er werde die Hausverwaltung bitten, eine Klappe in die Kloschüssel einbauen zu lassen. Auf den Einbau wartete Dippe-Kunst ein halbes Jahr.

Die Altenpflegerin, die vor kurzem in Rente gegangen ist, lebt im sechsten Stock eines Mehrfamilienhauses im Herzen von Kreuzberg, nahe dem Landwehrkanal. Als die Mauer noch stand, wollte hier niemand wohnen, heute gehört die Gegend zu den Top-Adressen in Kreuzberg. Die Wohnung, in der sie mit ihrer Familie seit 25 Jahren zur Miete lebt, ließe sich heute locker für 600 000 Euro verkaufen. Sie ist ruhig und großzügig geschnitten, ein Refugium, in dem sie, so hatte sie sich das ausgemalt, ihre Zeit als Rentnerin genießen werde.

Doch seit das Haus vor ein paar Jahren den Besitzer gewechselt hat, fühlt sich Dippe-Kunst nicht mehr zuhause in ihrem Zuhause. Die Immobilie gehört aktuell der im bayerischen Pfarrkirchen ansässigen Firma BOW 1, deren 31 Jahre alter Geschäftsführer Andreas Bahe kürzlich vom Stadtmagazin TIP in der Rubrik "Die 100 peinlichsten Berliner" den zweiten Platz zugewiesen bekam - für seine "rüden Entmietungsstrategien". In der Wohnung von Dippe-Kunst sind die Wände feucht, die Klingeln an Wohnungstür und Haustür sind seit Monaten defekt. Möchte sie jemand besuchen, muss man sie anrufen. Dann kommt sie sechs Etagen hinuntergelaufen, läuft über den Hof und öffnet die große Eingangstür selbst.

BOW-1-Chef Bahe ist ein Mann, der den ruppigen Ton pflegt. In einem Brief schrieb er an Dippe-Kunst, offenbar genervt von ihren Mietminderungen wegen feuchter Wände und defekter Klingel, er wolle nun ihre Wohnung mit einer weiteren zusammenlegen. "Wenn Sie hier nicht kompromissbereit sein sollten, müssen wir halt kündigen wegen Hinderung wirtschaftlicher Verwertung." Einem anderen Mieter, der in einer Wohnung am Prenzlauer Berg gewohnt hat, drohte Bahe: "Ich teile Ihnen mit, dass Sie für uns als Mieter massivst unerwünscht sind, da wir Ihre Wohnung anderweitig nutzen wollen." Spricht man Bahe darauf an, sagt er: "An den Brief kann ich mich nicht erinnern. Sollte diese Passage wirklich darin enthalten gewesen sein, war es ein Fehler."

Ein Abgeordneter spricht von einem "perversen Geschäftsmodell"

Berlin gehört zu Europas attraktivsten Immobilienmärkten. Die Familie Bahe und ihre Unternehmensgruppe ALW, zu der auch BOW 1 gehört, haben das sehr früh für zu nutzen gewusst. Mit Hilfe millionenschwerer Kredite bayerischer Genossenschaftsbanken betreibt die Familie ein Imperium aus mehreren Gesellschaften. Einziger Geschäftszweck: Der Aufkauf von Häusern in Berlin und die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen. Ein Schlupfloch im Gesetz hilft bei den Deals.

ALWs Geschäftsmodell, Mieter zu verdrängen oder sie abzufinden, um Eigentumswohnungen zu schaffen, ist nicht neu. Neu ist allerdings, wer der Familie Bahe und ihrem überwiegend im bayerischen Pfarrkirchen ansässigen Firmengeflecht bei der Finanzierung der umstrittenen Geschäfte hilft: Es ist die bayerische Sparkasse Rottal-Inn, die auf diese Weise indirekt an Mieterverdrängung in Berlin beteiligt ist. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Klaus Mindrup hält dies "für ein perverses Geschäftsmodell". Sparkassen seien dem Gemeinwohl und dem Regionalitätsprinzip verpflichtet, nicht der Vermögensvermehrung einer Familie.

Die SZ hat drei Vorstandsmitgliedern der Sparkasse Rottal-Inn eine Anfrage zukommen lassen. Gerne hätte man erfahren, wie der Satz auf der Internetseite des Geldinstituts zu verstehen ist. "Ihre Sparkasse hat stets die Region als Ganzes im Blick", heißt es dort. Wie verträgt sich so etwas mit einem Hauskaufkredit im 600 Kilometer entfernten Berlin? Die Reaktion der drei Vorstände spricht für sich.

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