Forum:Bauen anders denken

Solaranlagen können oft nicht das ganze Dach belegen

Zum klimafreundlichen Bauen gehört mehr als Solaranlagen auf dem Dach.

(Foto: dpa)

Klimakrise, demografischer Wandel, gesellschaftliche Transformationen: Die Politik muss eine neue Immobilienpolitik machen.

Von Markus Müller

Klimaschutz ist Staatsziel, das gilt wohl auch für die neue Bundesregierung, welche auch immer es wird. Ob aber Deutschland bis 2045 wirklich klimaneutral wird, entscheidet sich nicht in der ständigen Wiederholung von vollmundigen Ankündigungen, sondern auch in der Realität des Planens und Bauens in unserem Land. Der Gebäudesektor steht für etwa 40 Prozent der CO₂-Emissionen. Architektur und Stadtplanung schöpfen aus einem umfassenden Wissensfundus innovativer Akteure des nachhaltigen Bauens, der Forschung und mutiger Bauherrinnen und Bauherren. Doch es fehlen der politische Wille und eine operativ umsetzbare Roadmap, die Kosten und Verteilung der Lasten benennt.

Im Gebäudesektor muss aber nicht nur klimagerechtes Bauen zur Norm werden. Darüber hinaus müssen die Konsequenzen aus dem demografischen Wandel, der Krise der sozialen Sicherungssysteme und den vielfältigen Transformationen des Wirtschaftslebens verarbeitet werden - und zwar gleichzeitig. Dazu vier Einwürfe.

Erstens: Wenn Menschen schon in wirtschaftlich soliden Zeiten nicht sicher sein können, aus ihrem Einkommen die Wohnung bezahlen zu können, wird bezahlbares Wohnen eine existenzielle soziale Frage, erodiert fundamental das Vertrauen in unsere gesellschaftliche Ordnung. Wir alle wissen: Betroffen sind nicht wenige, sondern die Mitte unserer Gesellschaft. Mit dem Anteil hochbetagter, pflegebedürftiger Menschen an der Gesamtbevölkerung steigt die Nachfrage nach sozialer Assistenz, nach Pflegeeinrichtungen und neuen, unterschiedlichsten Lebensstilen angepassten Wohnformen. Wohnungsbaupolitik muss den demografischen Wandel human gestalten.

Einzelne Leuchtturm-Projekte reichen nicht aus

Es gibt zahllose Beispiele von Wohnformen, die nachbarschaftliche Solidarität in die Zukunft übersetzen und einen Beitrag zur Finanzierbarkeit öffentlicher Daseinsvorsorge leisten. Aber einzelne Leuchtturm-Projekte reichen nicht aus. Klimagerechtes und sozial resilientes Bauen muss zur Pflicht werden. Denn bezahlbares, gut organisiertes Wohnen ist eine wesentliche Randbedingung für bezahlbare soziale Infrastruktur. Dafür braucht es neue Formen: Quartiers-Treffs, in denen niedrigschwellige Nahversorgungsangebote, Coworking-Spaces und nachbarschaftsorientiertes Wohnen gebündelt werden. Denn soziale Sicherheit wird künftig auf informelle Solidarsysteme angewiesen sein.

Um diese Anforderungen zu koordinieren und die Beteiligung der Bewohner zu aktivieren, braucht es ein funktionierendes Quartiersmanagement und die Überwindung von bürokratiegetriebenen Raumprogrammen. An die Stelle von Kindergartenrichtlinien, Schulbau-Förderrichtlinien, Heimbau-Verordnungen muss die Flexibilisierung von Raumprogrammen treten, die generationenübergreifend nutzbare Synergien schaffen, im Quartier integrierend wirken und an die Bedürfnisse einer sich wandelnden Gesellschaft angepasst werden können.

Zweitens: Wie kurz Politik springt, zeigt der Versuch, die "Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse" neu zu interpretieren. In der Tat ist der Stadt-Land-Antagonismus in der Raumordnung überholt. Es geht heute um wirtschaftlich starke und weniger starke Regionen, um zentrale, gut erschlossene und periphere Räume. Das Land kann nicht ausschließlich urban gedacht werden, weil sich viele städtische Selbstverständlichkeiten nicht so einfach auf extensivere Siedlungsformen übertragen lassen: Die Mobilität ist schwieriger, die öffentliche Infrastruktur und die kulturellen Angebote sind dünner, die Lücken in Breitband und Mobilfunk legendär. Gleichzeitig leisten landschaftlich geprägte Siedlungsmodelle vieles, was in der Stadt nicht funktioniert.

Dichte und ein klassisches Verständnis von Zentralität sind zudem nicht zwingend ökonomische Erfolgsfaktoren. Erfolg kann auch auf dem Land zu Hause sein, wie viele Hidden Champions zeigen. Die Politik muss verstehen, dass es dabei um sehr viel mehr geht als die Verteilungskämpfe um Fördermittel. Es geht um den Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Kulturräumen, Landschaften, Identitäten mit verträglicher Entwicklung.

Wir brauchen ein grundlegendes Revirement im Städtebaurecht

Drittens: die Zukunft der Innenstädte. Die Bedeutung der dichten, europäischen Stadt ist mit und nach Corona stärker ins Bewusstsein gelangt. Die Vision der nutzungsgemischten Stadt entsteht aber nur, wenn Wohnen in den Kern- und Innenstädten, wenn das Nebeneinander mit Gewerbe und Handel baurechtlich überhaupt zulässig ist. Das ist in sogenannten Kerngebieten nur ausnahmsweise möglich. Seit Jahrzehnten wird an der bauplanungsrechtlichen Regulatorik gebastelt. Doch alle Änderungen am Baugesetzbuch und an der Baunutzungsverordnung geben keine Antwort auf das Bauen in einem Bestand, der von Bebauungsplänen aus der Nachkriegszeit und der Ära der autogerechten Stadt geprägt ist.

Wenn uns aber das Überleben des inhabergeführten Einzelhandels und die Bezahlbarkeit der Böden und Mieten in Städten wichtig ist, dann brauchen wir ein grundlegendes Revirement im Städtebaurecht. Bisher zwingt es Baurechtsämter dazu, sinnvolle Stadtentwicklung zu blockieren und zukunftsfähige Stadtplanung allenfalls ausnahmsweise zu ermöglichen.

Viertens: Klimaschutz im Gebäudesektor muss endlich in der Dimension angegangen werden, wie durch die internationalen vertraglichen Vereinbarungen definiert. Es braucht Konzepte für die operative Übersetzung der Klimaschutzziele in die Realität des Bauens und Sanierens. Deutschlandweit benötigen wir eine Milliarde Quadratmeter Photovoltaik, die das Erscheinungsbild unserer Städte und Landschaften verändern werden. Der Energiebedarf von Gebäuden muss massiv verringert werden, weil er über regenerative Quellen nicht endlos gedeckt werden kann. Bis 2045, also binnen 24 Jahren, müssen deshalb dreißig Millionen Bestandsgebäude energetisch saniert und klimaneutral betrieben werden. Aber die Sanierungsquote liegt aktuell nur bei 0,7 Prozent.

Immerhin: Der grundsätzliche Konsens zum Klimaschutz ist breit. Und Deutschland ist stark bei Innovationen in Bautechnologien, bei der Entwicklung neuer Materialkonstellationen. Klimaschutztechnologien sind ein Zukunftsmarkt für deutsche Produkte. Es ist geradezu atemberaubend, welcher Gestaltungsspielraum sich auftun kann, wenn wir bereit sind, Grundfragen des Planens und Bauens grundsätzlich zu denken. Ein Bündnis aus Bundesarchitektenkammer, Deutscher Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen und Deutscher Umwelthilfe hat deshalb einen konkreten Arbeitsauftrag an die nächste Bundesregierung formuliert: Bis 2025 braucht Deutschland eine Million klimaneutral sanierte Gebäude pro Jahr, eine Million Sanierungsfahrpläne für nicht sanierte Gebäude, 100 Prozent Transparenz über den energetischen Zustand aller Gebäude in Deutschland.

Forum: Markus Müller ist Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg.

Markus Müller ist Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg.

(Foto: Felix Kästle/oh)
© SZ/kö
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