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Senioren:Kredit mit 80

BGH klärt Wohnungseigentümer-Streit

Wenn es um Renovierungsarbeiten geht, fehlt Senioren oft das Geld. (Symbolbild)

(Foto: Axel Heimken/dpa)

Menschen im Rentenalter haben oft eine Immobilie, aber kein Geld zum Renovieren. Ein Darlehen könnte helfen.

Von Marianne Körber

Das Haus renovieren, einen Wintergarten bauen oder neue Möbel kaufen - an Ideen fehlt es auch älteren Menschen nicht. Aber oft an Geld, um sich solche Wünsche erfüllen zu können. Zwar haben drei Viertel der Immobilieneigentümer ihr Eigenheim bis zur Rente abbezahlt, große Investitionen kann sich aber längst nicht jeder leisten. Und jetzt noch einen Kredit aufnehmen? Würden die Banken da überhaupt mitspielen?

Jein, heißt es beim Baufinanzierungsdienstleister Dr. Klein. Vor allem kleinere Regionalbanken gewährten älteren Kunden keinen Baukredit mehr; sie legten die Wohnimmobilienkreditrichtlinie sehr streng aus. Diese wurde 2016 eingeführt und soll Verbraucher bei der Vergabe von Immobiliendarlehen besser schützen. Banken bekamen dadurch mehr Pflichten. Reichte es bisher aus, die aktuelle Einkommens- und Vermögenslage von Kreditnehmern zu prüfen, mussten die Institute nun auch darauf schauen, wie sich die Einnahmen künftig entwickeln werden - schlecht für viele Rentner. Doch nach Kritik wurde das Gesetz nachgebessert, die Immobilie wird bei der Prüfung der Kreditwürdigkeit stärker berücksichtigt.

Immobilieneigentümer können also ihr Haus oder ihre Wohnung beleihen. Doch das sei ihnen oft gar nicht klar, meint Udo Zimmermann vom Finanzierungsspezialisten Dr. Klein. Viele nähmen eine Absage ihrer Hausbank einfach hin und gäben auf. Dabei sei bei einem Kredit nicht das Alter ausschlaggebend, sondern die Kapitaldienstrechnung der Bank. Und da sei wichtig, dass die Einnahmen über den Ausgaben lägen, inklusive der monatlichen Kreditrate. Zimmermann, der für Dr. Klein im niedersächsischen Buchholz tätig ist, berichtet, dass er vor Kurzem sogar einem über 80-jährigen Kunden eine Finanzierung für ein Vermietungsobjekt vermittelt habe. Dass nicht alle Kredite noch zu Lebzeiten abbezahlt würden, sei für Banken kein Problem, denn sie hätten ja die Immobilie als Sicherheit.

Senioren werden von vielen Branchen umworben. Von Banken eher nicht

Bei Dr. Klein nutzten im vergangenen Jahr mehr als 1300 Menschen über 60 diese Art der Kapitalbeschaffung, beliehen also ihre Immobilie. Das waren drei Mal so viele wie 2010, aber immer noch sehr wenige - der Anteil an der Gesamtzahl der Kapitalbeschaffungen lag 2019 bei etwas mehr als sechs Prozent.

Bei anderen Dienstleistern und Geldinstituten dürfte es ähnlich aussehen. Senioren werden zwar von der Konsumgüterbranche heftig umworben, von den Banken aber vernachlässigt. Das meint zumindest Friedrich Thiele, Chef der Deutsche Leibrenten Grundbesitz AG. Die meisten Senioren seien ihrer Hausbank seit Jahrzehnten verbunden, dennoch hätten viele Banken für diese Klientel kein spezielles Angebot, etwa zur Altersfinanzierung, wie 2019 eine Befragung von 160 Experten aus Kreditinstituten ergeben habe. Allerdings, räumt Thiele ein, gebe es bei den Banken derzeit ein Umdenken.

Dass sich Ältere nicht so oft verschulden, muss aber nicht nur an den Banken liegen. Es könnte auch sein, dass hier die Moral eine Rolle spielt - zum Beispiel, dass Senioren das Erbe der Kinder nicht schmälern wollen. Ist dem so? Eine weitere Befragung der Deutsche Leibrenten legt etwas anderes nahe. Demnach betrachten es nur 27 Prozent der Senioren als ihre "Pflicht, etwas zu vererben", und nur neun Prozent glauben, dass ihre Nachkommen von ihnen eine besondere Sparsamkeit erwarteten, "um etwas zu vererben".

Und wie sehen das die potenziellen Erben? Das fand Civey heraus, 2015 gegründetes Unternehmen für digitale Markt- und Meinungsdaten. Civey zufolge verlassen sich Kinder nicht auf eine Erbschaft. Aber knapp ein Drittel wäre enttäuscht, leer auszugehen. "Etwa jeder Fünfte von ihnen gibt sogar an, in dem Fall verärgert zu sein, weil es egoistisch wäre", oder man wäre "schockiert", da es sich schließlich um eine fest eingeplante Absicherung handele, heißt es bei der Firma Wertfaktor, die Civey mit der Studie beauftragt hatte.

Insgesamt aber wünsche die heutige Generation potenzieller Erben ihren Eltern einen glücklichen Ruhestand ohne finanzielle Sorgen, und sie würde dafür auch auf einen Nachlass verzichten, meint Christoph Neuhaus, Wertfaktor-Gründer und Geschäftsführer. Davon auszugehen, dass Eltern zugunsten ihrer Kinder Abstriche bei der eigenen Lebensqualität machten, entspreche nicht mehr dem Zeitgeist. Dennoch berge das Thema Erbschaft auch heute noch viel Konfliktpotenzial.

Um Problemen und Enttäuschungen vorzubeugen, sollten Senioren die künftigen Erben bei Kreditgeschäften mit ins Boot holen und das Vorhaben im Familienrat besprechen, empfiehlt Udo Zimmermann von Dr. Klein, vor allem, wenn die Immobilie hoch beliehen werde.

Die Kinder haben übrigens ihre eigenen Vorstellungen von der Zukunft: Nur ein Fünftel der Erben würde selbst in das Elternhaus einziehen, stellte Civey fest. Mehr als ein Drittel würde die Immobilie verkaufen, 28 Prozent würden sie vermieten.

© SZ vom 05.12.2020
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