Regenerative Ökonomie:"Wir dürfen jetzt über nichts Anderes reden als über die Klimakrise"

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Regenerative Ökonomie: Der traditionelle Kaffee-Anbau braucht vergleichsweise viele Ressourcen. Das ändern zu wollen, ist ambitioniert.

Der traditionelle Kaffee-Anbau braucht vergleichsweise viele Ressourcen. Das ändern zu wollen, ist ambitioniert.

(Foto: Robert Harding/imago)

Unternehmer um den Kaffeefabrikanten Andrea Illy verpflichten sich dazu, fair und nachhaltig zu wirtschaften. Der Italiener ist sich sicher: Man muss mit der Natur arbeiten, nicht gegen sie.

Von Ulrike Sauer, Rom

Mit den verhängnisvollen Folgen von Dekadenz ist man in Italien vertraut. In der Schule kauen sie seit Generationen die Ursachen des Untergangs des Römischen Reichs drei Mal durch. Mindestens. Rom wuchs, wurde reich, aber dann lief etwas schief. Zwei Jahrtausende später droht heute nicht mehr nur der Fall eines Imperiums, sondern das Ende des menschlichen Lebens auf dem Planeten Erde. "Seien wir ehrlich, wir haben ja auch eine etwas dekadente Kultur", sagt Andrea Illy, Präsident von Illycaffè. Der moderne Mensch sei von der ständigen, exzessiven Suche nach Vergnügen getrieben.

Wohlgemerkt, Illy hat gegen dieses Verlangen keine moralischen Einwände. Im Gegenteil. "Diese Hauptantriebskraft menschlichen Lebens ist eine wichtige Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der Wirtschaft", sagt der Kaffeehersteller aus dem Nordosten Italiens. Nur durch Wachstum könne die Volkswirtschaft am Laufen gehalten werden. Für sich selbst folgert er daraus: Die Expansion seiner Premium-Espressomarke muss sich aus nachhaltigen Quellen speisen. Er will nicht länger gegen die Natur arbeiten, sondern mit ihr.

Regenerative Ökonomie: Andrea Illy, Präsident von Illycaffè, bezeichnet sich selbst als Umweltschützer der ersten Stunde.

Andrea Illy, Präsident von Illycaffè, bezeichnet sich selbst als Umweltschützer der ersten Stunde.

(Foto: Illy)

Der Industrielle aus Triest, Spross der Kaffeedynastie Illy, ist gerade in seiner römischen Lieblingsherberge mitten in der Altstadt abgestiegen. Der Kontrast zwischen der Pracht des antiken Haupts der Welt, des Caput Mundi, und der Dekadenz der Gegenwart offenbart sich hier in verstörender Weise. Vom Hotel Palazzo delle Pietre bis zum Pantheon, das den römischen Göttern geweiht war, sind es nur wenige Schritte. Es geht im Slalom vorbei an Haufen von Müllsäcken, die sich in den Winkeln der engen Gassen türmen. Mal wieder. Vor einigen Tagen hat ein Brand in der Abfall-Aufbereitungsanlage in Malagrotta vor den Toren der Hauptstadt die römische Müllabfuhr blockiert. Sie wissen jetzt nicht, wo sie täglich 1500 Tonnen Restmüll abladen soll. So bleibt dann eben viel auf dem heißen Straßenpflaster liegen.

Der "Club of Rome" revolutionierte vor 50 Jahren die Vorstellung von Wachstum

Illy kam nach Rom, um die Diskussion über ein neues, auf Regeneration ausgerichtetes Wirtschaftssystem voranzutreiben. Er wird am Tag darauf auf einem internationalen Treffen von 700 Vertretern von Benefit Corporations sprechen. Als Träger des B-Corp-Labels verpflichten sich Unternehmen, strenge Standards für nachhaltiges und faires Wirtschaften zu beachten und ihren positiven Einfluss auf das Gemeinwohl und die Umwelt stetig zu steigern. Auf den Weg in die italienische Hauptstadt machten sich die Firmen des Benefit-Netzwerks aus aller Welt, weil der Club of Rome hier vor genau 50 Jahren einen bahnbrechenden Bericht veröffentlicht hatte: "Die Grenzen des Wachstums".

Das Buch revolutionierte 1972 das ökonomische Denken. Auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen kann der Wohlstand nicht unendlich wachsen, behaupteten die Forscher. Ihre visionäre Botschaft: Die Menschheit muss schleunigst umsteuern, um ein ökologisches und ökonomisches Gleichgewicht zu finden. Das Werk stieß damals auf scharfe Kritik in der etablierten Wirtschaftswissenschaft. Aber es änderte das Denken einer ganzen Generation. Die vom Club of Rome, dessen Gründung auf den italienischen Industriemanager Aurelio Peccei zurückging, geforderte Umsteuerung blieb aus. War der frühe Anstoß umsonst?

Die Frage interessiert Illy nicht sonderlich. Ihn treibt der Optimismus des Willens an. Er will Lösungen. Er sucht nach Wegen, um die Mutter aller Probleme in den Griff zu bekommen. "Wir dürfen jetzt über nichts Anderes reden als über die Klimakrise", sagt der studierte Chemiker. "Sie wird uns die Fähigkeit zum Überleben nehmen." Die Menschen hätten einen verheerenden ökologischen Fußabdruck auf dem Planeten. Er sei ungefähr 400 Mal so groß wie der einer vergleichbaren Spezies.

Illy baute schon vor 35 Jahren solarbetriebene Autos, wusste aber nicht, wie ernst die Lage ist

Illy, blütenweißes Hemd, azurblauer Anzug, sitzt im wohltemperierten Hotel. Eine Duft-Diffusionsanlage sorgt für angenehmes Raumambiente. Vor ihm stehen weiße Hortensien in der Vase und zwei Flaschen Luxus-Mineralwasser auf dem Designtisch. Als er spricht, hebt Illy seine Arme und lässt sie in raumgreifenden Bewegungen kreisen. "Unser Fußabdruck entsteht durch all diese Spielchen und Aktivitäten, denen wir als Menschen nachgehen", sagt er. Der Triester Kaffeeunternehmer, der die kleine Rösterei des Großvaters zu einer Weltmarke gemacht hat, ist Teil dieses Systems.

Illy bezeichnet sich als Umweltschützer der ersten Stunde. Vor 35 Jahren baute der Student an der Technischen Hochschule im schweizerischen Lausanne solarbetriebene Autos. "Damals war mir noch nicht klar, wie ernst die Sache ist." Ein Weckruf sei für ihn später das Buch des britischen Chemikers James Lovelock "Gaias Rache: Warum sich die Erde wehrt" gewesen. Lovelock habe darin ein furchtbares Szenario beschrieben, das haargenau dem entspreche, was wir nun erlebten, sagt er. "Beim Lesen packte mich der Bammel."

2018 legte der Espressohersteller dann ein Studienjahr ein. Als junger Mann hatte er die Hörsäle in Lausanne, Triest, Mailand und Harvard besucht. Nun galt sein Wissensdrang der regenerativen Landwirtschaft. Er beschäftigte sich mit der Humanphysiologie, mit Ernährungswissenschaft, mit Agrarwirtschaft, mit Botanik, mit Bodenkunde und studierte Big Data Science. Abends, jedes Wochenende, im Bootsurlaub. Dem Studium widmete er 1000 Stunden.

Im September 2020 gehörte Illy in Parma zu den Gründern der Regenerative Society Foundation. Mit dabei sind die Kosmetikfirma Davines, das Pharma-Unternehmen Chiesi, der Tomatendosenhersteller Mutti, die Bank Mediolanum, der B-Corp-Zusammenschluss und einige Universitäten. Als Co-Präsident führt Illy die Stiftung gemeinsam mit dem US-Ökonomen Jeffrey Sachs. Das Ziel der Verfechter einer regenerativen Wirtschaftsweise ist es, die natürlichen Lebensgrundlagen des Planeten nicht weiter zu zerstören, sondern sie wieder aufzubauen. Sie wollen weg vom ausbeuterischen Modell der vergangenen 150 Jahre. Aufgabe der Stiftung ist es, mit dem Austausch von Informationen und Erfahrungen die konkrete Umsetzung der regenerativen Ökonomie zu unterstützen. Was sie nicht will: Mit einer neuen Zertifizierung das nächste Öko-Label in die Welt setzen. "Wir wollen keine Unternehmen, die mit der Stiftung Greenwashing betreiben", so Illy.

Der Unternehmer ist überzeugt, dass es auf die Wirtschaft ankommt

Die Lösung, die Illy für sein Unternehmen gefunden hat, lautet: Kein CO₂-Ausgleich in der Ferne, sondern nachhaltiges Produzieren im eigenen Laden. Der Kaffeeunternehmer strebt bis 2033 das Erreichen der Klimaneutralität in seiner eigenen Lieferkette an. Von Ausgleichsmaßnahmen in Projekten im globalen Süden hält er nichts. "Ich muss meinen Kunden einen exzellenten, nachhaltigen Kaffee anbieten. Sie bezahlen mich schließlich nicht fürs Bäumepflanzen", sagt er. Um die CO₂-Emissionen seiner Industriesparte zu neutralisieren, bemüht sich Illy auch um die Verbesserung der Bodenqualität auf den Kaffeeplantagen, damit die Erde wieder möglichst viel Treibhausgase binden kann. In einem Pilotprojekt forstet das Unternehmen in Äthiopien gerade 470 Hektar degradierte Böden mit Kaffeepflanzen nach den Grundsätzen der regenerativen Landwirtschaft auf.

Illy ist davon überzeugt, dass die Unternehmen in der Klimakrise am Umschalthebel sitzen. Die Politik könne nur die Rahmenbedingungen für den Paradigmenwechsel schaffen, die Wirtschaft müsse als Hauptakteurin aber vorangehen. Denn nur die Unternehmen verfügten über die Investitionen, die Kenntnisse und die Innovationen, um gemeinsam die kritische Masse für die Beschleunigung des Wandels aufzubringen.

"Das wird in den kommenden zehn Jahren passieren", sagt Illy zuversichtlich. Die Unternehmen hätten schließlich das größte Interesse an der Umkehr. "Die Wende ist eine Quelle wirtschaftlicher Wertsteigerung", sagt er. Die Unternehmen seien in höchstem Maße von der Klimakrise bedroht. Und zwar in ihrer Existenz. Das bestätige gerade die Abhängigkeit vom russischen Gas, die dazu führt, dass Firmen dichtmachen. "Der Krieg in der Ukraine wird ein immenser Beschleuniger der ökologischen Transformation sein, auch wenn die Krise kurzfristig ein Hindernis ist", sagt Illy.

Wandlungsbereite Firmen genießen auch Vorteile: Sie kassieren staatliche und europäische Fördermittel. Ihre Kosten sinken durch die Risikominderung. Sie verbessern ihren Ruf, drücken ihre Kapitalkosten und vermehren ihre Kunden. "Wer behauptet, die Kosten der Transformation seien untragbar, rechnet nicht richtig", sagt Illy.

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