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Möbel:Ikea lässt den Katalog sterben

Hellmuth Karasek über den Katalog: "Man könnte dem Ikea-Buch vorwerfen, dass es mehr Bilder als Personen hat. Es erzählt viel, aber es ist sozusagen vollgemüllt mit Gegenständen."

(Foto: Screenshot IKEA)

Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek nannte ihn einst einen "möblierten Roman" - nun bricht Ikea nach 70 Jahren mit einer Ikone unter den gedruckten Katalogen.

Von Thomas Fromm

Wenn dann jemand endgültig geht, oder wie in diesem Fall gegangen wird, erst dann kommen meistens die Erinnerungen an die gemeinsamen Momente zurück. Wie er, mal trocken, mal von Regenwasser durchzogen, mal an den Seiten eingerissen, im Briefkastenschlitz steckte, wo man ihn auch nur schwer wieder rausbekam. Wie er zwei Wochen lang quer durchs Studentenwohnheim wanderte, Zimmer für Zimmer, und schon nach einer Woche war er dann ziemlich am Ende. Seine "Reichweite", wie man heute sagen würde, konnte grenzenlos sein, damals vor Corona. Manchmal aber lagen auch ganze Stapel von ihm irgendwo an der Straßenecke. Liegengelassen, einfach so. Und dann wieder machte man die Tür auf und er lag frisch und einsam auf der Matte. Der Ikea-Katalog.

Seine Geschichten handelten von einem besseren Leben in schönen, lichtdurchfluteten Räumen, die manchmal nach Villa Kunterbunt aussahen, manchmal aber auch nach Altbau-Beletage in Hamburg-Eppendorf. Jedenfalls wohnten viele alte Bekannte darin, das Regal Billy natürlich, oder das Sofa Klippan, die Hängeleuchte Sinnerlig, und Billys Kumpel, das Schubladenregal Fjälkinge und Gröndal, der Schaukelstuhl. Geflochten, mit einem leichten Hauch von Vintage. Vor ein paar Jahren nahm sich der verstorbene Literaturkritiker Hellmuth Karasek den Katalog vor, es war natürlich ein geschickter Werbegag. Aber angesichts einer weltweiten Auflage von über 200 Millionen Exemplaren war eine Rezension wohl auch unausweichlich geworden (andere Titel werden schon bei weitaus geringerer Auflage besprochen, und in denen gibt es weder Schaukelstühle noch Sofas). Karasek nannte den Ikea-Katalog treffend einen "möblierten Roman", vermutlich handelte es sich dabei um eine bis dato in der öffentlichen Rezeption unterbelichtete Literaturgattung.

Dass der Leser vom literarischen Ich vertrauensvoll geduzt werde, gefiel dem Rezensenten nicht. Sein abschließendes Urteil: Man könne dem Ikea-Buch "vorwerfen, dass es mehr Bilder als Personen hat. Es erzählt viel, aber es ist sozusagen vollgemüllt mit Gegenständen". Genau das aber - die konspirative Leser-Ansprache, der weitestgehende Verzicht auf längere Textpassagen, die ästhetisch anspruchsvollen Geschichten rund um Billy und Klippan - haben 70 Jahre lang den Erfolg des Katalogs ausgemacht. Jetzt wird der Erfolgstitel eingestellt, und sensible Beobachter hatten das bereits geahnt. Zuletzt, meinten einige, hätten in den luftigen Räumen immer weniger Bücher herumgelegen, stattdessen mehr Deko, Teller, Vasen, Nippes aller Art. Hatte hier ein Einrichtungskatalog bereits sein eigenes Ende ankündigen wollen? Versteckt, diskret und leise, eine Botschaft nur für Eingeweihte?

Bleibt die Frage: Warum? Warum, wenn es doch so gut lief mit diesem Katalog und dem Unternehmen, das ihn all die Jahre verteilte?

Das Unternehmen rang am Montag sichtlich nach Worten, um sich zu erklären. Der Ikea-Katalog habe sich "in den vergangenen 70 Jahren zu einem echten Klassiker und einem wichtigen Erfolgsfaktor für das Unternehmen entwickelt", schreibt Ikea in einer Mitteilung. Allerdings sei der Möbelverkäufer "in der Zwischenzeit digitaler geworden" und habe "neue Wege gefunden, um die Menschen zu erreichen", denn - und jetzt kommt's: "Das Kundenverhalten und der Medienkonsum haben sich gewandelt und der Ikea-Katalog wurde immer weniger genutzt." Wie es weitergeht, liegt auf der Hand: Man habe sich nun entschlossen, ein "neues Kapitel aufzuschlagen". Ein neues Kapitel aufschlagen, nach all den Jahren? Der Katalog soll weiterleben, und zwar an einem Ort, an dem neue Kapitel dann nicht mehr aufgeschlagen, sondern höchstens noch angeklickt werden - im Internet. Hier sind übrigens auch alle alten Kataloge von 1950 bis heute archiviert - zum Nachklicken.

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