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Ikea-Katalog:"Auf dieser Seite sehen Sie ein glückliches blondes Kind"

Zur Entspannung den neuen Ikea-Katalog auf die Ohren - so oder so ähnlich stellt es sich zumindest das schwedische Möbelhaus vor.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der Ikea-Katalog ist zurück - als Hörbuch. Und die große Frage ist: Was kommt als Nächstes?

Von Vivien Timmler

Man konnte mit vielem rechnen, als Ikea Ende vergangenen Jahres bekannt gab, seinen gedruckten Katalog einzustellen. Damit, dass Nostalgiker die Kopierbuden des Landes stürmen und sich den digitalen Katalog ausdrucken würden. Damit, dass das Billy-Regal die Kunden auf einem eigenen Instagram-Account über Möbeltrends informieren würde. Oder gar damit, dass die Schweden in der kontaktarmen Corona-Krise eine Dating-Plattform kapern würden und man dort fortan seinem Traumsofa begegnen könnte. Alles denkbar.

Aber das? Den Ikea-Katalog gibt es jetzt als Hörbuch. Drei Stunden und 40 Minuten lang kann man sich von einer völlig übermotivierten Frauenstimme auf Englisch durch das einst knapp 300 Seiten starke Heft - oder geht es schon als Buch durch? - geleiten lassen. Seite für Seite.

Natürlich rattert sie nicht einfach die Produkte runter. Nein, Jasmin Richardson - so heißt die Frau hinter der Stimme - erzählt so akribisch und so enthusiastisch wie nur denkbar, was auf jeder einzelnen Seite des Katalogs zu sehen ist: "Auf dieser Seite sehen Sie ein glückliches blondes Kind, das auf einem weißen Kinderstuhl sitzt, 14,99 Dollar. Es hält ein Kinderbuch hoch, aber nicht um es zu lesen, sondern als Hut. Uh, ich liebe diesen Look, Süße, so Avantgarde." Man habe Richardson wegen ihrer Fähigkeit ausgewählt, auf "kluge, aber schrullige und leicht abwegige" Art und Weise Spaß zu vermitteln, teilt Ikeas Werbeagentur mit.

Ein Treffer ins Schwarze, möchte man meinen, während man dem Intro lauscht. Darin erzählt Richardson, dass es auf Seite vier des Ikea-Katalogs knallgelbe Abreiß-Streifen gebe, "wie man sie von Laternen kennt, auf denen Leute Gitarrenstunden anbieten oder so". Mit diesen Streifen könne man sich seine Lieblingsseiten im Katalog markieren - "wenn ihr denn einen hättet". Auf Seite fünf entdeckt Richardson eine Frau auf dem Balkon. "Ihre Augen sind geschlossen, während sie ihr Gesicht in die Sonne am strahlend blauen Himmel hält. Ihr Leben hätte ich gern."

Wer bitte hört sich zur Entspannung einen Möbelkatalog an?

Es wurde also vergleichsweise viel Aufwand getrieben, um ein vergleichsweise sinnloses Produkt auf den Markt zu bringen. Ikea fabuliert, es sei "an der Zeit für neue und beruhigende Klänge". Aber wer bitte lauscht einem Möbelkatalog, wenn er Loungemusik, eine Beethoven-Sonate oder zumindest Vogelgezwitscher oder Wellenrauschen zur Auswahl hat? Eine Antwort darauf hat wohl nicht einmal Ikea selbst. Der Wunsch, Sehbehinderten einen Zugang zu ermöglichen, stecke jedenfalls nicht primär hinter der Idee, teilt das Möbelhaus mit.

Ebenfalls noch unbeantwortet: Was kommt als Nächstes? Schließlich boomen in der Pandemie nicht nur Podcasts, sondern auch Filme, Serien und Videospiele. Der Möbelkatalog als Ego-Shooter? Auch nicht abwegiger als ein Hörbuch. Ganz so mutig ist Ikea dann aber doch nicht: Nach 70 Katalog-Jahren will man zum Jubiläum erst mal ein Buch mit Einrichtungswissen herausgeben. Was für eine vertane Chance angesichts von Post-Pandemie-Optionen wie "Ikea on Ice", "Das Phantom von Ikea" oder schlicht "Ikea - das Musical".

© SZ
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