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Ikea:Allein im Småland

Retail Operations Inside Ikea AB's First High Street Store

Bei den Anwohnern richtig beliebt: Der Ikea in Hamburg-Altona.

(Foto: Bloomberg)
  • Seit einem halben Jahr gibt es die Innenstadt-Filiale von Ikea in Hamburg-Altona.
  • Zunächst hagelte es Proteste gegen die Pläne von Ikea. Doch jetzt ist alles anders.
  • Restaurant und Kinderbetreuung sind zum Renner geworden.

"Elisa möchte gerne aus dem Småland abgeholt werden, die Eltern von Elisa bitte!", schallt es aus dem Lautsprecher. Die Minuten vergehen. Zwei, drei, zehn. Keine weitere Durchsage. Elisa hat offenbar Glück. Ihre Eltern sind noch da.

Selbstverständlich ist das nicht.

Denn das ist die Ikea-Filiale in Hamburg-Altona. Seit einem halben Jahr betreibt die Möbelkette dieses Haus mitten in der Hamburger Fußgängerzone: zwischen einer Billig-Bäckerei, einem Fitness-Studio für Frauen und einem Laden, der mehrheitlich Restposten aus Asien vertickt. Der Schritt ins Stadtzentrum war ein großer Strategieschwenk für Ikea, schließlich stellte der Konzern bislang die immer gleichen Containerbauten irgendwo an den Stadtrand, möglichst nahe an einer Autobahnabfahrt. Aber in der Innenstadt, das war die Überlegung, könnte man manche Zielgruppen viel besser ansprechen: die ohne Auto, zum Beispiel.

Oder die ohne Kinderbetreuung?

"Ja, das ist wirklich ein Problem." Christian Mollerus ist der Chef dieser neuen Filiale, und in den vergangenen Monaten ist ihm mehr als einmal passiert, dass die Lautsprecher-Durchsagen nach Eltern, die ihre Kinder ins sogenannte Småland zur Betreuung gebracht hatten, ungehört blieben. Weil die Eltern zwar ihre Kinder bei Ikea abgegeben hatten, dann aber ganz woanders hingingen, in den Asia-Ramsch-Laden vielleicht oder ins Fitnessstudio. "Wir versuchen da jetzt gegenzusteuern, durch Zeitbegrenzungen", sagt Mollerus. "Aber es ist natürlich vor allem für das Kind ganz schrecklich, wenn es abgeholt werden möchte, und dann kommt keiner."

Als bekannt wurde, dass Ikea in ihrem Viertel einen neuen Standort eröffnen will, waren viele Anwohner in Altona empört. Monatelang gab es Proteste, man fürchtete um den "ursprünglichen Charakter", wie es hieß, und vor allem um die Parkplätze. Christian Mollerus hat sich durch unzählige Anhörungen und Protestveranstaltungen gequält, er hat Fragen beantwortet und Lösungen angeboten, noch mehr Fragen beantwortet, noch mehr Lösungen angeboten. Zwischenzeitlich schien es aussichtslos, aber dann eröffnete er doch, der Innenstadt-Ikea.

Ikea, der Kinderhort: Während die Eltern in der Stadt einkaufen, lassen sie ihren Nachwuchs im Möbelhaus.

(Foto: Imago)

Und jetzt: Jetzt ist Ikea bei den Anwohnern richtig beliebt - nicht nur bei Eltern ohne Babysitter. Hamburg-Altona gehört zu den fünf Ikea-Häusern in Deutschland mit den höchsten Besucherzahlen. Allerdings lassen die vielen Menschen bemerkenswert wenig Geld da. Die durchschnittliche Einkaufssumme liege "ganz erheblich unter dem Durchschnitt" anderer Häuser, sagt Mollerus. Man verkaufe sehr viel mehr Accessoires, etwa Kerzen oder Servietten. Jedoch drastisch weniger Möbel wie Sofas oder Einbauküchen. Viele Leute kommen vor allem zum Essen. Mittags ist das Restaurant völlig überlaufen. Zehn Köttbullar-Fleischklöße mit Pommes und Soße für weniger als fünf Euro! Viele, die in der Nähe arbeiten, haben Ikea zu ihrer Ersatzkantine gemacht. Auch Jugendliche aus einer nahegelegenen Schule kommen in Scharen zum Mittagessen.

Als sich dieser Trend abgezeichnet hat, wurde erst die Platzanzahl im Restaurant erhöht und schließlich das Angebot zum Mitnehmen ausgebaut. Es gibt jetzt ein Café im Erdgeschoss "für den schnellen Kaffee zwischendurch", es gibt Fisch-Hot-Dogs und, ja, Köttbullar to go. Mollerus sagt, er fände es gut, dass Ikea ein Treffpunkt im Viertel sei, besonders nach dem komplizierten Start. Aber die Margen im Restaurant seien gering. "Ich muss ziemlich viele Köttbullar verkaufen, um auf den Gegenwert eines Sofas zu kommen."

Deshalb versuchen sie in Hamburg-Altona nun alles, um Möbelkauf in der Innenstadt attraktiv zu machen. Es gibt Lastenfahrräder, die man für drei Stunden gratis ausleihen kann; Möbeltaxis, die Kunden und Einkauf gegen Entgelt nach Hause fahren, und Transportdienste, die Pakete bringen. Bloß Köttbullar, den Kassenschlager, kann man nicht liefern lassen. Kommt vielleicht noch.