IG Metall:Industrie-Gewerkschaft fordert Vier-Tage-Woche

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Ein Mitarbeiter schaufelt im Stahlwerk Sand in eine Abstichrinne am Hochofen. (Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa)

Die Idee einer Vier-Tage-Woche kommt bei vielen Arbeitnehmern gut an - sie wünschen sich, flexibler und kürzer zu arbeiten. Nun werden entsprechende Forderungen auch in der Industrie laut.

Direkt aus dem dpa-Newskanal: Dieser Text wurde automatisch von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) übernommen und von der SZ-Redaktion nicht bearbeitet.

Essen/Berlin (dpa) - Nur vier Tage in der Woche arbeiten, gleich viel verdienen und dafür konzentrierter und motivierter bei der Sache sein: Viele Unternehmen haben inzwischen erkannt, dass diese Idee bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern gut ankommt. Immer öfter findet sich die Möglichkeit inzwischen in Stellenanzeigen.

Eine Studie aus Großbritannien zeigte kürzlich, dass weniger Arbeitstage zumindest bei einigen britischen Unternehmen bereits Realität sind und das Konzept für sie erstaunlich gut funktioniert. Nun kommt das Thema auch in der deutschen Industrie an.

Bei vollem Lohnausgleich

Der Verhandlungsführer der IG Metall in der nordwestdeutschen Stahlindustrie, Knut Giesler, will mit der Forderung nach Einführung der Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich in die kommende Tarifrunde gehen. „Wir wollen eine echte Entlastung für die Beschäftigten erreichen, ohne dass sie deshalb weniger verdienen“, sagte Giesler der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“. Ein solcher Schritt wäre nach seinen Worten ein großer Fortschritt für die Lebensqualität und die Gesundheit der Beschäftigten.

Die Forderung habe grundsätzlich Ausstrahlung über die Stahlbranche hinaus, erklärte Gewerkschaftschef Jörg Hofmann in Frankfurt. Allerdings stünden in diesem Jahr mit Ausnahme der Kfz-Branche keine größeren Tarifrunden der IG Metall mehr an.

Arbeitgeber lehnen das Vorhaben ab

In der Metallindustrie gilt schon seit Jahrzehnten die 35-Stunden-Woche. Diese nun noch weiter zu verkürzen, kommt aus Arbeitgebersicht nicht in Frage. „Die Forderung kommt völlig zur Unzeit“, sagte Gerhard Erdmann vom geschäftsführenden Vorstand des Arbeitgeberverbands Stahl am Mittwoch. Bereits jetzt hätten Unternehmen mit hohen Energiekostensteigerungen infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine zu kämpfen. Hinzu kämen die Kosten für die Transformation der Branche.

In einer Branche mit Drei-Schicht-Betrieb sei eine weitere Arbeitsverdichtung zudem kaum möglich. Für die Unternehmen bedeute eine Vier-Tage-Woche daher schlicht zusätzliche Kosten, die nicht zu schultern seien, da es mehr Personal bräuchte, um die zusätzlichen freien Tage auszugleichen. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall, der für die ganze Metall- und Elektroindustrie spricht, äußerte sich zunächst nicht zu dem Thema.

Während die Arbeitgeber das Vorhaben ablehnen, seien die bisherigen Rückmeldungen aus den Stahlbelegschaften dazu ausgesprochen positiv, sagte IG-Metall-Verhandlungsführer Giesler. Die Vier-Tage-Woche würde die Stahlindustrie nach seiner Einschätzung attraktiver für junge Menschen machen, die beim Umbau der kohlebasierten Schwerindustrie hin zu grünem Stahl in den kommenden Jahren dringend benötigt würden. Zugleich sei die Vier-Tage-Woche auch eine Möglichkeit, die im Zuge des grünen Umbaus der Stahlindustrie zu erwartenden Arbeitsplatzverluste zu verhindern.

Allerdings räumt auch Giesler ein, dass das Konzept in der Verwaltung und im Zwei-Schicht-Betrieb deutlich einfacher umzusetzen sei als im Drei-Schicht-Betrieb.

Pilotprojekt in Großbritannien

Wie sich eine Vier-Tage-Woche in anderen Branchen in der Praxis bewährt, ist kürzlich in Großbritannien mit einem breit angelegten Pilotprojekt mit einigen Tausend Arbeitnehmern erforscht worden. Nach einer sechsmonatigen Testphase waren mehr als vier von fünf der beteiligten Firmen nachhaltig davon überzeugt.

56 von 61 Arbeitgebern teilten danach mit, die Vier-Tage-Woche beibehalten zu wollen, wie Forscher aus Boston sowie Cambridge festhielten, die das Projekt wissenschaftlich begleiteten. 18 Firmen bestätigten das Konzept sogar bereits als dauerhaft eingeführt.

Die Ergebnisse beruhen allerdings auf der Auswertung von Unternehmen, die sich freiwillig zur Teilnahme gemeldet hatten. Eine zufällige Auswahl gab es nicht. Beim britischen Projekt machten sowohl Unternehmen aus dem Finanzsektor, der IT- und Baubranche sowie der Gastronomie oder dem Gesundheitswesen mit. Darunter waren auch welche mit Schichtbetrieb.

„Vor Beginn des Projektes haben viele gezweifelt, ob wir eine Steigerung der Produktivität sehen würden, die die Verkürzung der Arbeitszeit ausgleicht - aber genau das haben wir festgestellt“, sagte der Sozialwissenschaftler Brendan Burchell von der Universität Cambridge. Durchschnittlich stieg der Umsatz der beteiligten Unternehmen der Analyse zufolge während der Testphase in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres um 1,4 Prozent.

Die Krankheitstage gingen während des Testzeitraums um rund zwei Drittel (65 Prozent) zurück. Rund vier von zehn Beschäftigten gaben an, sich weniger gestresst zu fühlen als vor Beginn des Projektes.

Der Chef der Organisation, die das Pilotprojekt durchgeführt hat, Dale Whelehan, kündigte an, auch in Deutschland in den kommenden Monaten ein ähnliches Pilotprojekt starten zu wollen. „Das ist eine sehr zu begrüßende Forderung der IG Metall“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. „Wir glauben, dass eine gewisse Form der reduzierten Arbeitszeit eigentlich in jeder Branche möglich ist.“

© dpa-infocom, dpa:230405-99-215586/6

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