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IG Metall:Verwechslung von Kampfbereitschaft mit Stillosigkeit

Ordentlicher Gewerkschaftstag der IG Metall

Gewerkschaftstag der IG Metall

(Foto: dpa)

Auf dem Gewerkschaftstag der IG Metall verprellen die Delegierten ihre Tarifpartner. Damit schaden sie vor allem ihrer Organisation.

Vielleicht kann das gar nicht anders sein in einer Organisation, zu deren Historie Hammer und Amboss gehören: Es geht halt auch grob zu. In der IG Metall galt es noch nie als wünschenswert, eine Einigung mit Arbeitgebern lediglich auszuhandeln. Sie musste immer auch erkämpft werden. Das gilt für Tarifrunden, und das gilt auch für die Gewerkschaftstage, die alle vier Jahre ausgetragen werden; in dieser Woche in Nürnberg. Allerdings: Die Delegierten - der pauschale Plural trifft es in dem Fall - verwechseln Kampfbereitschaft mit Stillosigkeit. Was sie bestenfalls für eine Art Folklore halten, ist in Wahrheit gewerkschaftsschädigendes Verhalten.

Zwei Redner haben sich dort total vergriffen. In der Debatte um die Einführung der 35-Stunden-Woche im Osten machte ein Delegierter einen Namenswitz, was sowieso immer eine schlechte Entscheidung ist. Weil der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall mit Nachnamen Zander heißt, gab der Redner bekannt, Angler zu sein "und zu wissen, was man mit einem Zander macht".

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Eine Kollegin sprach über die Arbeitgeber insgesamt, und in ihrem Manuskript stand: "Der Feind steht auf der anderen Seite." Das Interessante waren nicht so sehr die beiden Hobby-Aufwiegler. Das Interessante waren ihre vielen hundert Zuhörer; wie sie reagierten: mit geradezu begeistertem Applaus und Gejohle. Und niemand aus Tagungsleitung oder Vorstand hielt es für nötig, Mäßigung einzufordern.

Vielleicht verschafft man sich so ein gutes Gefühl. Vielleicht hilft es auch bei der Binnensolidarisierung. Aber kann so etwas im Interesse der IG Metall oder der Gewerkschaften insgesamt sein? Das Verhältnis zu den Arbeitgebern der Metall- und Elektroindustrie ist ohnehin labil, viele haben in den vergangenen Jahren die Tarifbindung aufgegeben, andere erwägen es. Die Tarifverträge sind ihnen zu teuer und zu kompliziert. Im Geschäftsleben ist es eigentlich so, dass eine Firma, der Geschäftspartner abhanden kommen, versucht, um solche zu werben. In der IG Metall halten sie es für eine Strategie, ihre verbliebenen Geschäftspartner - die Arbeitgeberverbände - zu verschrecken.

Das Klima zwischen beiden Seiten ist ohnehin belastet. In der vergangenen Woche sind Gespräche gescheitert, auch in Ostdeutschland die 35-Stunden-Woche einzuführen. Das war ein ebenso ehrenwertes wie eigentlich unmögliches Vorhaben. Ehrenwert war es, weil es 30 Jahre nach dem Fall der Mauer auch bei den Arbeitszeiten keine Mauer mehr geben sollte. Ehrenwert war es zudem, weil in der ostdeutschen Industrie viel mehr Menschen die besonders belastende Schichtarbeit verrichten müssen als im Westen; wer würde ihnen keine Erleichterung gönnen? Unmöglich, jedenfalls nach den Gesetzen von Tarifverhandlungen, war das Projekt, weil die IG Metall mit Streik nicht einmal drohen konnte.

Kein unüberbrückbaren Gegensätze. Schlicht kein Vertrauen und Goodwill

Weil die Arbeitszeit im Manteltarifvertrag geregelt ist und die Gewerkschaft aus Sorge um einige ebenfalls dort geregelte Errungenschaften diesen auf keinen Fall kündigen wollte, war sie in der Friedenspflicht. Ist eine Gewerkschaft aber in dieser, kommt es entweder auf den Goodwill der anderen Seite an, oder ihre Verhandlungen sind kollektives Betteln.

Fragt man nun beim Arbeitgeberverband Gesamtmetall nach dem Grund für das Scheitern, lautet die Antwort: weil die IG Metall eine 35-Stunden-Woche nicht nach und nach, bis 2030, einführen wollte, sondern sofort.

Fragt man bei der IG Metall, heißt es: weil die Arbeitgeber nicht bereit waren, verbindlich zuzusagen, dass 2030 überall die 35 Stunden gelten. Das klingt nicht nach unüberbrückbaren Gegensätzen. Das klingt nach keinem Vertrauen und keinem Goodwill.

Ein Gastredner, der Generalsekretär der Internationalen Arbeitsorganisation, beklagte am Dienstag die "neue Brutalität", in der Politik, auf der Straße, in Debatten. Garantiert fühlte sich im Saal niemand angesprochen. Und garantiert hat sich auch niemand einen Kopf gemacht, dass das Gerede von Feind und Zander nur das Klischee von polternden Gewerkschaftern bedient, den Leuten mit Kraftausdrücken und Trillerpfeifen. Mit der Realität hat das wenig zu tun, aber darauf kommt es nicht an, wenn man sich darum bemüht, die Zahl der Mitglieder zu halten oder gar wieder auszubauen.

Dass am selben Tag der Erste Vorsitzende Jörg Hofmann zwar wiedergewählt wurde, aber mit einem blamablen Ergebnis, und dies, ohne dass es dafür nach allgemeiner Einschätzung ernsthaft Grund gab, zeigt indes dies: Wer fies zu anderen ist, ist es auch zu sich selbst.

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