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IG Metall:Fordern, ohne konkret zu werden

Die IG Metall zieht ohne konkrete Lohnforderung in die Tarifrunde. Das klingt erstaunlich, ist aber vor allem ein kluger Schritt.

Die Industriegewerkschaft Metall zieht mit einer Neuheit in die nächste Tarifrunde. Es gibt keine konkrete Lohnforderung, keine Zahl, die an die Adresse der Arbeitgeber geht. Dies klingt erstaunlich - und ist doch vor allem ein kluger Schritt. Denn den mächtigsten deutschen Arbeitnehmer-Vertretern brechen die Argumente weg, mit denen sie sonst in Tarifrunden teils satte Lohnerhöhungen rechtfertigen.

IG Metall, AP

Die IG Metall geht ohne konkrete Lohnforderung in die Tarifrunde.

(Foto: Foto: AP)

Die deutsche Wirtschaft ist in die tiefste Krise seit Jahrzehnten geschlittert, die noch lange nicht vorbei ist. Der Metall- und Elektroindustrie geht es dabei besonders schlecht. Zu ihr gehören die Maschinenbauer und die Autohersteller, denen die Aufträge fehlen. Die Produktion müsste um 34 Prozent wachsen, um auf den Stand von vor der Krise zu kommen, die Aufträge sogar um fast 35 Prozent, rechnet der Branchen- und Arbeitgeberverband Gesamtmetall vor.

Deshalb findet Kurzarbeit vor allem in genau diesen Branchen statt. Das sichert Arbeitsplätze, treibt aber die Kosten hoch. Um 21 Prozent sind die Lohnstückkosten im vorigen Jahr nach oben geschnellt. Das drückt die Produktivität, weil sich weniger Arbeit auf fast gleich große Belegschaften verteilt. Üblicherweise rechtfertigen Gewerkschaften ihre Lohnforderungen mit der Produktivität, der Inflation und einer sogenannten Umverteilungskomponente. Doch statt eines "Produktivitätsfortschritts" gibt es nun einen "Rückschritt". Und statt drastisch steigender Verbraucherpreise wird 2010 eine Inflationsrate von kaum mehr als einem Prozent erwartet. Selbst mit der Umverteilungskomponente ist nicht viel zu erreichen. Mit ihr wird normalerweise ein "Nachholbedarf" begründet, der zwar im Aufschwung angemeldet werden kann, aber nicht in der Krise.

Diese Gemengelage erschwert es natürlich, eine vernünftige Lohnzahl zu finden. Wie hoch sollte die denn sein? Aus ökonomischer Sicht müsste die Forderung sehr, sehr klein sein. Aus gewerkschaftspolitischer Sicht müsste sie hingegen hoch sein, weil das die Mitglieder erwarten und weil nicht jeder mit einem Lohnverzicht einverstanden wäre. Das ist ein Dilemma für die IG Metall, das sie mit ihrer vorläufigen Nichtforderung schlau gelöst hat. Sie setzt auf die Sicherung von Jobs und will erst später übers Geld reden. Die Gewerkschaft will vermeiden, dass sie - wie zu Beginn der Finanzkrise im Herbst 2008 - wieder Prügel einsteckt, weil sie zu viel Geld verlangt. Damals forderte sie acht Prozent mehr Lohn und hatte Mühe, die Höhe mitten in der Krise zu erklären. Ein Zurück gab es dann nicht.

So etwas macht vorsichtig. Schon im Oktober hat IG-Metall-Chef Berthold Huber die Metaller auf seine Linie eingeschworen. Gehört haben dies auch Funktionäre anderer Organisationen. Jedenfalls wird die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) ebenfalls wohl ohne Lohnzahl in ihre Tarifrunde starten. Ähnlich wie die IG Metall will auch sie in erster Linie betriebsbedingte Kündigungen vermeiden. Jobsicherung sei wichtiger als mehr Lohn, kündigte der neue Chef der Chemiegewerkschaft, Michael Vassiliadis, im Dezember dann an.

Das Taktieren zeigt: Die Wirtschaftskrise prägt die Gewerkschaften. Verdi fordert für die Beschäftigten bei Banken beispielsweise ein "Tarifergebnis, das Konsequenzen aus der Finanzkrise zieht". Die Beratung soll besser werden und der Service - und der Verkaufsdruck soll abnehmen. Das ist klug, denn gerade der Erfolgsdruck in der Beratung hat die Finanzkrise begünstigt.

Bessere Arbeitsbedingungen sind Verdi bei den Bankangestellten wichtiger als mehr Geld. Umso erstaunlicher ist es, dass die Gewerkschaft im öffentlichen Dienst ganz anders argumentiert. Die Fünf-Prozent-Forderung steht felsenfest da, geradezu so, als fände die Wirtschaftskrise beim Staat überhaupt nicht statt. Verdi-Chef Frank Bsirske will die Binnennachfrage in Deutschland stärken. Doch er erreicht das Gegenteil, denn angesichts leerer Staatskassen werden die Steuern den Löhnen hinterherklettern. Maßhalten ist auch im öffentlichen Dienst das höchste Gebot in der Krise.