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IG-Bau-Chef Wiesehügel:"Es gibt keinen Grund für Krisengeheul"

Klaus Wiesehügel, der Vorsitzende der IG BAU über selbstbewusste Lohnforderungen in Zeiten der Wirtschaftskrise und die Konjunkturhilfen der Regierung.

Lohnforderung von sechs Prozent findet Klaus Wiesehügel, Vorsitzender der Industriegewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt (IG BAU) moderat. Die Auftragsbücher der Firmen seien voll. Eine Krise am Bau gebe es nicht. Am 5. März beginnen die Tarifverhandlungen für die etwa 700.000 Beschäftigten der Bauwirtschaft.

IG Bau-Chef Wiesehügel: "Es gibt keinen Grund für Krisengeheul"

Klaus Wiesehügel, Chef der IG BAU.

(Foto: Foto: AP)

SZ: Herr Wiesehügel, sechs Prozent mehr Lohn, und das mitten in der Wirtschaftskrise. Ist das nicht ein bisschen üppig?

Klaus Wiesehügel: Ganz und gar nicht. Einige Gewerkschaften fordern viel mehr, wie etwa Transnet bei der Bahn mit zehn Prozent. Da sind wir direkt moderat. Die Wirtschaftskrise ist von den Managern gemacht und nicht von den Arbeitnehmern. Warum sollten unsere Leute für deren Fehler büßen?

SZ: Es geht nicht ums Büßen, sondern darum, dass Lohnerhöhungen Geld kosten. Wenn Beschäftigte mit sechs Prozent mehr Geld in die Arbeitslosigkeit entlassen werden, ist keinem gedient.

Wiesehügel: Also, eine Entlassungswelle sehe ich in unserer Branche nicht. Ein Lohnverzicht bringt uns in der Krise nicht weiter. Wenn der Export wegbricht, muss die Binnennachfrage gestärkt werden. Deshalb brauchen die Arbeitnehmer mehr Geld in der Tasche.

SZ: Wären Sie zu Zugeständnissen bereit, wenn die Wirtschaft weiter bergab rauscht?

Wiesehügel: Die Bauwirtschaft hat bereits eine über zehn Jahre andauernde Krise hinter sich. Wir haben seit 1995 die Hälfte der Arbeitsplätze verloren, das sind 600.000 Beschäftigte weniger. Heute sind die Auftragsbücher der großen Bauunternehmen bis Ende 2009 voll. Auch den Kleinen geht es nicht schlecht. Es gibt keinen Grund für Krisengeheul.

SZ: Das letzte Tarifergebnis wurde von einigen Arbeitgebern nur nach langem Zaudern akzeptiert. Wie verlässlich ist Ihr Sozialpartner?

Wiesehügel: Wir haben mit den Arbeitgebern gesprochen und ihnen gesagt, dass wir so etwas nicht noch einmal erleben wollen. Sie haben uns gesagt, dass sie ein Tarifergebnis zunächst intern diskutieren und dann mit einheitlicher Stimme nach außen gehen werden. Wir warten jetzt mal ab, was das in der Praxis bedeutet.

SZ: Welchen Stellenwert hat eine verlässliche Sozialpartnerschaft für Sie?

Wiesehügel: Sie hat eine große Bedeutung. Deshalb bedauere ich es außerordentlich, dass bei einigen Arbeitgebern das eigene Interesse stärker wiegt als das Wohl der Branche. Ich habe noch Zeiten erlebt, in denen sich Arbeitgeber und Gewerkschaften gemeinsam verantwortlich fühlten für das wirtschaftliche Wohlergehen der Beschäftigten und der Unternehmen. Ziel der Tarifpartner war, dass man sich nicht überfordert. Diese Einstellung ist leider bei einigen Arbeitgebern verlorengegangen. Ich sage ganz ehrlich: Diejenigen, zu denen man auch als Gewerkschafter aufschauen konnte, sind äußerst selten geworden.

SZ: Woran liegt das?

Wiesehügel: Das hängt mit dem größeren Konkurrenzdruck zusammen und mit der letzten Krise in der Bauwirtschaft. Die ging ja nicht ohne Pleiten ab.

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