Konjunktur:Deutsche Wirtschaft stagniert

Konjunktur: In der Baubranche ist der Geschäftsklimaindikator auf den niedrigsten Wert seit Januar 2009 gefallen.

In der Baubranche ist der Geschäftsklimaindikator auf den niedrigsten Wert seit Januar 2009 gefallen.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Der Ifo-Geschäftsklimaindex sinkt das fünfte Mal in Folge, aber nur noch leicht. Unternehmen sind weniger skeptisch. Ökonomen sehen keinen Anlass zur Entwarnung, es gebe aber positive Signale.

Die Stimmung in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft hat sich im September kaum noch verschlechtert. Das Ifo-Geschäftsklima sank zum Vormonat nur noch minimal um 0,1 Punkte auf 85,7 Zähler und damit das fünfte Mal in Folge, wie das Münchner Ifo-Institut am Montag zu seiner Umfrage unter rund 9000 Führungskräften mitteilte. Von Reuters befragte Fachleute hatten jedoch mit einem stärkeren Rückgang auf 85,2 Punkte gerechnet. Die Unternehmen waren mit den laufenden Geschäften zwar unzufriedener, bewerteten ihre Aussichten allerdings weniger skeptisch als zuletzt. "Die deutsche Wirtschaft tritt auf der Stelle", sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Ende 2022 und Anfang 2023 ist Europas größte Volkswirtschaft zwei Quartale in Folge geschrumpft, ehe sie im Frühjahr stagnierte. Auch für das laufende Gesamtjahr rechnen viele Fachleute mit einem Schrumpfen.

"Das Bruttoinlandsprodukt dürfte im dritten Quartal gesunken sein", sagte Ifo-Konjunkturexperte Klaus Wohlrabe zu Reuters mit Blick auf den Sommer. "Die Industrie kämpft mit sinkenden Aufträgen aus dem In- und Ausland, die weltweit gestiegenen Zinsen zeigen ihre Wirkung." Dies dämpfe die Nachfrage nach deutschen Waren. Im Dienstleistungssektor war das Geschäftsklima zum sechsten Mal in Folge rückläufig, im Handel ging es leicht bergauf. "Dies war auf weniger pessimistische Erwartungen zurückzuführen", sagte Fuest. Die Händler seien jedoch weniger zufrieden mit den laufenden Geschäften. "Das Sorgenkind bleibt die Bauwirtschaft", sagte Wohlrabe. Im Bauhauptgewerbe sei der Geschäftsklimaindikator auf den niedrigsten Wert seit Januar 2009 gefallen.

Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, sieht ebenfalls keine Entwarnung: "Nach den vorherigen vier ausgeprägten Rückgängen in Folge weist der Trend beim Ifo-Index weiter klar nach unten. Das gilt auch für die anderen wichtigen Frühindikatoren". Für eine Rezession würden auch die massiven Leitzinserhöhungen im Euroraum und vielen anderen Ländern sprechen, argumentiert der Ökonom. Eine weitere Belastung sei die hohe Verunsicherung der Unternehmen über die Wirtschaftspolitik der Regierung.

Krämers Kollege von der Union Investment, Jörg Zeuner, sieht aber auch Anlass für Optimismus. "Die Auftragseingänge in der Industrie dürften die Talsohle gerade durchschreiten, und bei den privaten Haushalten dienen die Ersparnisse als konjunkturstabilisierender Puffer", so der Chefvolkswirt. Die Unternehmen würden ihren Ausblick zudem wieder etwas zuversichtlicher bewerten. "Das Schlimmste könnte also demnächst hinter uns liegen. Ein tiefer Einbruch der Wirtschaft ist aus unserer Sicht nicht zu erwarten". Selbst wenn die derzeit erhöhten Ölpreise kurzfristig noch weiter steigen sollten, erwarte er eine sinkende Teuerung. "Der Zinsgipfel sollte damit erreicht sein."

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