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Ifo-Präsident Clemens Fuest:"Dass es noch keine digitale Lösung gibt, ist ein Teil des insgesamt schwachen Managements der Krise"

Bilder des Tages Clemens Fuest, Praesident des ifo Institutes, 17.01.2018, Berlin. Berlin Deutschland *** Clemens Fuest

Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts.

(Foto: Inga Kjer/imago images)

Der Chef des Ifo-Instituts hält es auch aus wirtschaftlichen Gründen für nötig, Restriktionen für Geimpfte und Genesene aufzuheben. Allerdings dürfe man eine bestimmte Gruppe nicht schon wieder vergessen.

Interview von Cerstin Gammelin

Es ist schwer zu rechtfertigen, die Restriktionen für Geimpfte und Genesene aufrechtzuerhalten, findet Clemens Fuest, 52, Chef des renommierten Ifo-Instituts in München. Er hält Lockerungen nicht nur für verfassungsrechtlich geboten, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen für nötig - auch wenn er versteht, dass nicht alle erfreut sind, wenn andere wieder im Biergarten sitzen und reisen können, sie selbst aber nicht.

SZ: Herr Fuest, Sie haben die milliardenschweren Wirtschaftshilfen der Bundesregierung zur Abfederung der strengen Corona-Restriktionen stets als Investitionen in die Zukunft bezeichnet. Sind sie das heute noch?

Clemens Fuest: Es war nicht nur fair, sondern wirtschaftlich vernünftig, die von der Corona-Krise besonders betroffenen Unternehmen und ihre Beschäftigten sowie die Selbständigen zu unterstützen. Über Details der Ausgestaltung der Hilfen kann man streiten, aber wir werden auch nach der Krise Hotels, Restaurants und Kulturschaffende brauchen.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach will die Gastronomie noch geschlossen lassen, weil man nicht so genau kontrollieren könnte, ob wirklich nur Geimpfte und Genesene kommen. Überzeugt Sie das? Ginge das nicht über ein Impfcode-Feature in der Corona-App?

Die Kontrollierbarkeit allein überzeugt mich als Argument nicht. Dass es noch keine digitale Lösung gibt, ist ein Teil des insgesamt schwachen Managements der Krise. Aber selbst wenn man sich auf vorhandene Impfpässe und die Erfassung persönlicher Daten verlässt, dürfte die Zahl derjenigen, die den Nachweis fälschen, überschaubar sein.

In Deutschland sind zehn Millionen Menschen genesen oder doppelt geimpft, Tendenz schnell steigend. Cafés und Restaurants bleiben dennoch geschlossen, der Bundesfinanzminister hat angekündigt, die Wirtschaftshilfen zu verlängern. Ist es nicht paradox, dass diese Menschen konsumieren wollen, der Staat aber lieber unterstützt?

Es ist nicht nur für die Gesundheit, sondern auch für die wirtschaftliche Erholung essenziell, die Infektionszahlen zu senken. Allerdings ist es schwer zu rechtfertigen, die Restriktionen für Geimpfte und Genesene aufrechtzuerhalten. Auch bei ihnen sind die Risiken, dass sie das Virus oder Mutationen verbreiten, nicht gleich null, aber sie sind eben sehr gering.

Die Koalition zögert auch, weil sie Spannungen in der Gesellschaft befürchtet. Wird es die nicht auch geben, wenn die von der Gesellschaft zu schulternden Kosten explodieren?

Es ist verständlich, dass diejenigen, die erst später Zugang zu Impfungen haben, nicht erfreut sind, wenn die mit Priorität Geimpften wieder im Biergarten sitzen und reisen können. Aber an der Begrenzung der wirtschaftlichen Schäden der Pandemie haben alle ein Interesse.

Werden die Wirtschaftshilfen so teurer als nötig?

Eindeutig ja. Das wäre nur zu rechtfertigen, wenn die Lockerungen der Beschränkungen für die Geimpften die Infektionszahlen in der nicht geimpften Bevölkerung wieder signifikant erhöhen würden. Dafür gibt es aber meines Wissens keine Anhaltspunkte.

Wenn Sie wirtschaftliche Vorteile und gesundheitliche Risiken abwägen, wie sähe eine Öffnungsstrategie für Geimpfte und Genesene aus?

Man sollte nicht verschweigen, dass man hier unter erheblicher Unsicherheit agiert. Aber ich denke, man sollte bei weiter sinkenden Inzidenzen spätestens Anfang Juni die Restriktionen für Geimpfte und Genesene deutlich lockern. Bis dahin sollte auch eine appbasierte Kontrollmöglichkeit existieren. Das sollte aber ergänzt werden durch intensiveres Testen und Nachverfolgen von Infektionsfällen, um die verbleibenden Infektionen schneller einzudämmen. Wir sollten bei aller Bedeutung von Biergärten und Museumsbesuchen nicht vergessen, dass die Schulen und damit Kinder und Familien nach wie vor beeinträchtigt sind, weil es immer noch an proaktiver Pandemiebekämpfung fehlt.

© SZ
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