Wirtschaftsforschung:Warum es das Ifo-Institut noch gibt

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Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) in der Großen Aula der LMU in München zum 75-jährigen Bestehen des Ifo-Instituts. (Foto: Alexander Pohl/SZ Photo)

Die Münchner Wirtschaftsforscher sind für ihren viel beachteten monatlichen Geschäftsklimaindex bekannt. Dass das Institut jetzt sein 75 -jähriges Bestehen feiern kann, ist vor allem einem zu verdanken.

Von Caspar Busse

Schon als Student musste er regelmäßig Studien vom Ifo-Institut lesen, erzählt in dieser Woche Christian Lindner. Der Bundesfinanzminister hatte einst in Bonn Politikwissenschaften studiert und eine Arbeit über Steuerwettbewerb und Finanzregeln geschrieben – und dafür brauchte er auch das Ifo-Material. Lindner war aus Berlin in die prächtige Große Aula der Ludwig-Maximilians-Universität nach München geeilt, um einen Festvortrag zum 75-jährigen Bestehen des Ifo-Instituts zu halten. Und er hat Lob parat. Ifo sei „Teil unserer hochgeschätzten wissenschaftlichen Politikberatung“. Er sei dankbar, dass die Forscher helfen würden, „den ökonomischen Analphabetismus in unserem Lande zu überwinden“. Und Lindner fügt vor den etwa 500 Gästen an: „Bedauerlicherweise gibt es hier aber noch viel Arbeit.“

Vor 75 Jahren,1949, schlossen sich das Süddeutsche Institut für Wirtschaftsforschung mit der Informations- und Forschungsstelle für Wirtschaftsbeobachtung zusammen. Es entstand das heutige Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, kurz Ifo – die Abkürzung steht für Information und Forschung. Treibende Kraft war damals Ludwig Erhard („Wohlstand für alle“), der Wirtschaftsminister in Bayern und im Bund wurde, später Bundeskanzler und der als Vater des Wirtschaftswunders gilt. Wobei Erhard, so erzählt es der jetzige Ifo-Chef Clemens Fuest, das Wort Wunder gar nicht mochte. Der Aufschwung damals sei ja das Ergebnis harter Arbeit und richtiger Wirtschaftspolitik gewesen, und eben kein Wunder.

„Der Ifo-Index ist besser als alle Prognosen.“

Das Markenzeichen des Instituts ist der monatlich veröffentlichte Geschäftsklimaindex. Rund 9000 Unternehmen werden dabei zu ihrer Einschätzung der Geschäftslage und zu den Erwartungen für das kommende halbe Jahr befragt. Daraus wird dann ein Frühindikator für die deutsche Wirtschaft erstellt, erst vor ein paar Tagen war er wieder überraschend 88,6 Zähler gefallen – und hatte sogar die Börsen nach unten gezogen. Den Index gibt es schon seit 1972. „Ersehnt oder gefürchtet“ seien die Zahlen jeden Monat, sagt Lindner. „Der Ifo-Index ist besser als alle Prognosen“, meint Hans-Werner Sinn, von 1999 bis 2016 Präsident des Instituts.

Hans-Werner Sinn (rechts) bei der Ifo-Jahresversammlung zum 75. Jahrestag der Gründung in der Großen Aula der LMU in München. (Foto: Alexander Pohl/SZ Photo)

Sinn war es auch, der das Institut aus dessen bisher schwersten Krise gerettet hatte. Denn 1998 stufte die Evaluierungskommission des Bundes es herab, auf eine „forschungsbasierte Serviceeinrichtung“. Die wissenschaftliche Arbeit komme zu kurz, hieß es. Die staatlichen Mittel wurden drastisch gekürzt. Das war ein Schock für die Mitarbeiter, denn es fehlte plötzlich viel Geld. Ein großer Teil der 250 Stellen mussten damals gestrichen werden. Die bayerische Landesregierung aber wollte Ifo als wichtigstes Wirtschaftsforschungsinstitut im Süden retten – und engagierte 1999 den Münchner Wirtschaftsprofessor Sinn, angeblich gegen dessen anfänglichen Widerstand. Der baute dann aber radikal um und führte das Institut näher an die Uni. Heute ist es als sogenanntes An-Insitut eng mit der LMU verbunden. 2006 dann wurde es wieder zu einem Forschungsinstitut hochgestuft, was durch spätere Evaluierungen bestätigt wurde. „Ifo wird es auch in 75 Jahren noch geben“, sagt Sinn heute.

Rund 220 Menschen arbeiten derzeit für das Ifo-Institut, in München residieren die Forscher seit 1952 in einer ansehnlichen Villa in Bogenhausen. Zudem gibt es Außenstellen in Fürth und Dresden. Der Etat liegt bei etwa 22 Millionen Euro im Jahr. Das Institut gehört zu den wichtigen Wirtschaftsforschungsinstituten Deutschlands. Zusammen mit dem DIW in Berlin, dem IfW in Kiel, dem IWH in Halle und dem RWI in Essen werden zweimal im Jahr für die Bundesregierung wichtige Wirtschaftsprognosen erstellt.

Die Festrede Lindners übrigens fiel abgesehen von der kleinen Anekdote am Anfang sehr erwartbar aus. Der FDP-Politiker sprach sich vor allem gegen die Wirtschaftspolitik der Grünen aus, freilich ohne seinen Koalitionspartner ein einziges Mal zu nennen. Er forderte einen Mentalitätswechsel in Deutschland, mehr Leistung und lehnte alle Subventionsprogramme ab. Und die Schuldenbremse, das sei sowieso klar, müsse unbedingt eingehalten werden. Die Zuhörer in München applaudierten.

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