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ifo-Index:Die WM-Euphorie schwappt über

Experten hatten angenommen, dass das wichtigste deutsche Konjunkturbarometer zurückgehen würde. Doch der ifo-Index hat sie alle überrascht - wohl auch aufgrund der WM.

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft ist im Juni überraschend auf den höchsten Stand seit über 15 Jahren gestiegen. Der ifo-Geschäftsklimaindex sei um 1,1 Punkte auf 106,8 Punkte gestiegen, teilte das Forschungsinstitut mit.

Der ifo-Index seit Januar 2002.

(Foto: Grafik: Doris Fichtel)

Volkswirte hatten einen Rückgang auf 105,2 Zähler erwartet. Zuletzt war die Stimmung in der deutschen Wirtschaft im Februar 1991 besser.

"Robuster Aufschwung"

Im Mai war das viel beachtete Konjunkturbarometer noch leicht gesunken. Ökonomen begründeten die gute Stimmung auch mit der Euphorie rund um die Fußball-Weltmeisterschaft.

Die rund 7.000 befragten Unternehmen beurteilten vor allem ihre gegenwärtige Lage deutlich besser, aber auch die Erwartungen für die kommenden Monate legten leicht zu.

Der Index für die Lagebeurteilung stieg auf 109,4 Punkte von 107,3 Punkten im Vormonat. Volkswirte hatten 107,5 Zähler erwartet. Der Index für die Erwartungen kletterte auf 104,2 Zähler von 104,0 Punkten. Hier hatten die Experten mit 104,0 Punkten gerechnet.

"Der konjunkturelle Aufschwung erweist sich damit erneut als robust", sagte Ifo-Vorstand Gebhard Flaig zu den Umfrageergebnissen.

Aufschwung im Einzelhandel

Neben der Industrie verbesserte sich auch im Einzelhandel die Stimmung deutlich. In der Bauwirtschaft stieg das Geschäftsklima ebenfalls leicht an. Dagegen zeigten sich die Großhändler sowohl bei der Beurteilung der momentanen Lage als auch bei der Einschätzung ihrer Perspektiven für das kommende halbe Jahr etwas skeptischer als im Vormonat.

Die deutsche Wirtschaft hat sich nach Einschätzung von Volkswirt Sebastian Wanke von der DekaBank von der Euphorie rund um die Fußball-Weltmeisterschaft anstecken lassen. "Die Unternehmen befinden sich offenbar schon im Finale", sagte Wanke.

Die Binnenwirtschaft scheine sich besser als erwartet zu entwickeln. "Der Lackmustest kommt aber erst im Juli", sagte Wanke. Dann blickten die Unternehmen auf das Jahr 2007, in dem die Perspektiven für den Konsum wegen der Erhöhung der Mehrwertsteuer schlechter seien.

Eine eindeutige Erklärung für die Stimmungsaufhellung gibt es nach Einschätzung des WestLB-Chefvolkswirts Europa, Holger Sandte, nicht. Vielmehr gebe es eine Vielzahl von kleineren Begründungen wie den WM-Effekt, den nicht mehr ganz so starken Euro und eben den Schwung der deutschen und der Weltwirtschaft. Zur Zeit werde eher Fußball geschaut als auf die politischen Entscheidungen in Berlin.

Das Stimmungshoch könnte nach Einschätzung von HSBC Trinkaus & Burkhardt unterdessen die Währungshüter auf den Plan rufern. Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung bereits Anfang August ist gestiegen, sagte Volkswirt Rainer Sartoris. Dennoch bleibe das Szenario einer Anhebung des Leitzinses durch die Europäische Zentralbank (EZB) Ende August um 0,25 Prozentpunkte das bestimmende.

Die EZB achte eher auf die Entwicklung der Preisdaten. Ein Zinsschritt um 0,50 Punkte habe nur eine geringe Wahrscheinlichkeit.

Auch die Postbank erwartet, dass sich die Spekulationen über einen früheren Zinsschritt der EZB mit der überraschenden Stimmungsaufhellung verstärken. Insgesamt weise die aktuelle Stimmungsentwicklung auf einen anhaltend positiven Trend der deutschen Wirtschaft hin. Dies dürfte die Sorgen der EZB über die Inflationsentwicklung im Euroraum nicht gerade dämpfen.

An den Finanzmärkten war die Reaktion verhalten. Der Euro kletterte kurzzeitig über die Marke von 1,26 US-Dollar, bewegte sich zuletzt aber wieder bei 1,2576 Dollar und damit auf dem Niveau vor Veröffentlichung der Daten. Der richtungsweisende Euro-Bund-Future geriet nur vorläufig unter Druck.

Der deutsche Aktienindex profitierte ebenfalls nur kurzfristig von der positiven Stimmung in der deutschen Wirtschaft.

© sueddeutsche.de/dpa
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