Fatih Birol, Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur (IEA), bezeichnete die Energiekrise als „sehr schwerwiegend“ und sieht die Weltwirtschaft „einer enormen Bedrohung ausgesetzt“. Die Lage sei schlimmer als die beiden aufeinanderfolgenden Ölkrisen von 1973 und 1979, in denen die Welt täglich rund zehn Millionen Barrel Öl verlor, sowie der Gasmarkteinbruch nach Russlands Invasion in der Ukraine. Birol äußerte sich am Montag im National Press Club of Australia. Der amerikanische Nachrichtensender CNN berichtete darüber.
„Nicht nur Öl und Gas, sondern auch einige der wichtigsten Lebensadern der Weltwirtschaft, wie Petrochemikalien, Düngemittel, Schwefel und Helium, sind vom Handel betroffen, was schwerwiegende Folgen für die Weltwirtschaft haben wird“, sagte Birol. Asien stehe aufgrund seiner Abhängigkeit von der Straße von Hormus, der lebenswichtigen Wasserstraße, die Iran faktisch blockiert habe, an vorderster Front der Krise. „Die wichtigste Lösung für dieses Problem ist die Öffnung des Handels durch die Straße von Hormus.“ Die IEA erwägt wegen des Iran-Krieges die Freigabe weiterer Ölreserven. Man berate sich dazu mit Regierungen in Asien und Europa, sagt Birol. „Falls nötig, werden wir das natürlich tun.“
Die IEA-Mitgliedstaaten hatten bereits am 11. März die Freigabe von 400 Millionen Barrel Öl beschlossen. Der IEA-Chef erklärte, man stehe zudem mit Ländern wie Kanada und Mexiko im Gespräch, um die Ölproduktion zu steigern und die Öllieferungen auf dem Weltmarkt zu erhöhen. „Wir verfügen über Reserven und setzen Anreize für viele Länder mit Raffinerien, ihre Produktion zu beschleunigen“, so Birol.
Derweil kritisierte Birol Deutschland angesichts des Iran-Krieges für den Atomausstieg. „Die Situation wäre heute nicht so schlimm, wenn Deutschland die Kernkraftwerke noch hätte“, sagte Birol der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Bundesrepublik habe mit der Abkehr von der Kernenergie einen riesigen strategischen Fehler begangen. Birol betonte: „Ich habe nicht den Eindruck, dass die politischen Entscheidungsträger die Tragweite des Problems, in dem wir uns befinden, schon verstanden haben.“ Er sagte der FAZ und anderen Medien, man stehe vor der „größten Bedrohung der Energiesicherheit in der Geschichte der Menschheit“.
