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Automesse:Schlange stehen bei den Chinesen

2019 IAA Frankfurt Auto Show, Press Days

Der elektrisch angetriebene SUV des chinesischen Herstellers HongQi soll ein Luxusmodell für reiche Käufer sein.

(Foto: Getty Images)
  • Drei chinesische Automarken zeigen auf der IAA ihre Elektroautos.
  • Die europäischen Autobosse wollen unbedingt sehen, was die Chinesen zu bietne haben.
  • Denn vor einigen Jahren wurden die Hersteller noch belächelt, doch inzwischen sind sie eine ernsthafte Konkurrenz geworden.

Wer am Mittwoch auf der IAA die wichtigsten Manager und Eigner aller Autokonzerne treffen will, der wird früher oder später auf einem verhältnismäßig kleinen und bescheidenen Stand in Halle 8 fündig. Hier hat das chinesische Start-up Byton sein neues Elektro-SUV enthüllt, und hier kommen sie alle vorbei: Der Porsche- und Piëch-Clan mit Familienoberhaupt Wolfgang Porsche war schon da. Robin Zeng, Chef des Batterieherstellers CATL, hat sich gerade erst winkend verabschiedet, da kommt schon BMW-Großaktionärin Susanne Klatten ums Eck. Sie alle wollen den neuartigen Geländewagen namens M-Byte sehen. Vor allem dessen gigantisches Display im Cockpit, das sich von der Fahrertür bis zur Beifahrertür erstreckt: 48 Zoll Bildschirmdiagonale - also etwa sieben Tablets nebeneinander. Damit der Fahrer das Mega-Display auch gemütlich bedienen kann, hat er auf dem Lenkrad ein Touchpad, das sich beim Steuern nicht mitbewegt.

Unweit von Bytons Smartphone auf Rädern stehen auch noch Fahrzeuge von Wey und HongQi, diesmal haben gleich drei chinesische Hersteller einen Messestand in Frankfurt gebucht. Und sie werden von der deutschen Konkurrenz nicht belächelt, wie das vor einigen Jahren noch der Fall gewesen wäre. Sie werden ernst genommen, und ihre Präsenz zeigt sowohl den Umbruch in der Automobilbranche als auch den Wandel der IAA: Erstens entwickelt sich China vom wichtigsten Automarkt der Welt zu einer Herstellernation auf Augenhöhe. Und die chinesischen Hersteller und Zulieferer füllen auf dem Messegelände mehr und mehr jene Lücken, die die traditionellen Autobauer hinterlassen, weil sie sich einen Auftritt in Frankfurt nicht mehr leisten wollen. Volvo, Fiat Chrysler, Toyota, Renault und Ferrari sind nicht da, auch Daimler und BMW haben ihre Auftritte mächtig abgespeckt.

Gestensteuerung, Gesichtserkennung und maximale Vernetzung - alles serienmäßig

Und sie müssen zur Kenntnis nehmen, dass das Gedränge vor dem Byton M-Byte mindestens so groß ist wie bei den neuesten Modellen aus München und Stuttgart. Und dass der M-Byte das Zeug dazu hat, den Bayern und Schwaben demnächst im lukrativen SUV-Segment Marktanteile abzujagen. "Ja, das ist ein Kampfpreis", sagt Byton-Chef und -Mitgründer Daniel Kirchert zu den 45 000 Euro (vor Steuern), mit denen er von 2021 in Europa starten will. "Unsere Vision ist ein iPhone auf Rädern", sagt er, "die jungen Leute schauen nicht mehr auf Top Speed, sondern auf das digitale Erlebnis". Deshalb fahre der M-Byte auch höchstens 190 Stundenkilometer, biete dafür aber Gesten- und Sprachsteuerung, Gesichtserkennung und maximale Vernetzung - alles serienmäßig.

Enthüllt: BYTON stellt M-Byte auf der IAA 2019 in Frankfurt vor

Das Modell M-Byte von Byton überrascht auf der Automesse mit einem überdimensionalen Cockpit.

(Foto: Byton/obs)

Wer einsteigt, merkt sogleich: Dieses Auto hat viel Platz, wenig Knöpfe und vor allem jede Menge Display. Mehr als 50 000 Reservierungen gebe es bereits, davon 20 000 aus Europa, sagt der ehemalige BMW-Manager, der mit einer Chinesin verheiratet ist. Byton ist eine Marke der Future Mobility Corporation, die 2016 von mehreren ehemaligen BMW-Männern in Nanjing gegründet wurde. Es ist ein einzigartiges Start-up: Deutsche Ingenieurskunst, verbunden mit viel Geld aus der chinesischen Staatskasse. Zu den Teilhabern gehören neben dem staatlichen Autokonzern FAW noch die Provinz Jiangsu und eine örtliche Entwicklungsgesellschaft.

Geld spielt da kaum eine Rolle: Das Designbüro sitzt in München, die Software-Abteilung im Silicon Valley, die Batterien kommen vom neuen Miteigentümer CATL, und den Antriebsstrang liefert Bosch. "Wir wollen hier zeigen, dass wir bei Sicherheit und Qualität mit unseren Hauptwettbewerbern Daimler und BMW mithalten können", sagt Daniel Kirchert, "bei der Konnektivität haben wir die Nase vorn". Dann muss er weiter, Susanne Klatten möchte den neuen Wettbewerber kennenlernen. "Das hatten die Hersteller nicht gedacht", sagt er noch schmunzelnd, "dass wir unser 48-Zoll-Display-Konzept in die Serie bringen".

Noch größere Ambitionen hegt der chinesische SUV-Hersteller Wey, der schräg gegenüber seinen Stand hat. "Wir wollen die größte Luxus-SUV-Marke der Welt werden", tönt ein Sprecher zwischen zwei sich drehenden Konzept-Autos. Bislang verkauft die Premium-Tochter des Great Wall-Konzerns in China 300 000 Fahrzeuge pro Jahr. 2021 soll der erste Wagen in Europa ausgeliefert werden.

Frankfurt hosts the international Motor Show (IAA)

Der chinesische Hersteller Wey will seine Elektro-SUV in zwei Jahren auch nach Europa liefern.

(Foto: REUTERS)

Eine Ecke weiter blinkt, glänzt und dröhnt ein anderer Messestand mit chinesischen Schriftzeichen: Die Filmleinwand erstreckt sich über Rückwand, Decke und Boden. "New HongQi", brummt eine Stimme, "wir sind hier für heute und morgen". HongQi? Noch nie gehört? Es heißt auf deutsch "rote Flagge" und ist nach Auskunft eines Mitarbeiters der älteste Autohersteller Chinas. Bis 1981 habe er ausschließlich Fahrzeuge für Regierungsvertreter gebaut. Jetzt zeigt er in Frankfurt zwei spektakuläre Karossen: Einen goldfarbenen Luxus-SUV, der wirkt wie eine Mischung aus einem Zauberwürfel und einem Rolls-Royce. Und ein Super-Rennauto mit 1400 PS, 400 Stundenkilometern Höchstgeschwindigkeit und einem rot leuchtenden Strich, der mittig von ganz vorne bis nach ganz hinten geht.

Wann die Teile in Europa verkauft werden? "Dazu gibt es keine Informationen", sagt der freundliche Mitarbeiter mit dem Anstecker in Form einer roten Flagge am Revers. Auch schriftliches Material zu den Autos gibt es nicht. "Um die Exklusivität zu wahren", sagt der Sprecher. Wie viele Autos HongQi bislang verkauft hat und wie hoch der Umsatz war? Der Mitarbeiter fragt seinen Vorgesetzten, ob er das verraten darf. Der Chef rückt ihm die rote Flagge am Revers zurecht und schüttelt den Kopf. Es bleiben viele Fragen offen am Stand von HongQi. Ein wirklicher spannender Messestand - unter roter Flagge.

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