Hypothekenkrise:Die armen Menschen von Cape Coral

Region im Niedergang: Tausende Menschen in Florida warten auf die Räumungsklage. Derweil erwerben Ausländer die verlassenen Häuser.

Moritz Koch, New York

Südwest-Florida steht unter Wasser. Man liest darüber in Zeitungen und Magazinen, hört davon im Fernsehen und im Radio. Aber man sieht nichts. Kein Sturm hat diese Flut verursacht, kein Hurrikan, der über den Golf von Mexiko gefegt ist, sondern billiges Geld und sorglose Banken. Im Jargon der Finanzkrise heißt "unter Wasser", dass die Hypothek auf ein Haus dessen Wert übersteigt. Und in Kleinstädten wie Cape Coral gibt es kaum einen Straßenzug, wo dieser Deich nicht längst gebrochen wäre. Etwa 50 Prozent aller Immobilien sind weniger wert als der Kredit, der auf ihnen lastet.

Hypothekenkrise: Leerstehendes Haus in den USA: Keimzelle der Jahrhundertkrise.

Leerstehendes Haus in den USA: Keimzelle der Jahrhundertkrise.

(Foto: Foto: AFP)

Im gleichmäßigen Abstand säumen einstöckige Häuser schnurgerade Straßen. Kaum mehr als Betonschalen sind sie, innen unterteilt mit Trockenputz-Wänden, außen umgeben von vertrockneten Vorgärten. An den Zufahrten zur Garage stehen die typisch amerikanischen Briefkästen, röhrenförmig mit einem roten Plastikfähnchen, und oft steht das Schild gleich daneben, das inzwischen fast genauso typisch ist: For Sale.

Keimzellen der Krise

Überall in Cape Coral ist es das gleiche Bild. Der Ort hat kein Zentrum und will kein Ende nehmen. Genau wie der Abschwung. Er bedroht Stahlarbeiter in China und Chipproduzenten in Ostdeutschland, Oligarchen in Russland und Tagelöhner in Mexiko. Doch verfolgt man den ökonomischen Seuchenzug zurück, gelangt man hierher, in Regionen wie Lee County und Kleinstädte wie Cape Coral. Sie waren die Keimzellen dessen, was Volkswirte die Jahrhundertkrise nennen.

"Jeder, der seinen Namen schreiben konnte, hat eine Hypothek bekommen", sagt Monika Wilson. Die Deutsche lebt seit mehr als 15 Jahren in Florida und arbeitet als Maklerin. Sie fühlt sich heimisch hier, zwei goldene Delfine baumeln ihr vom Hals. "Die Banken fragten nicht nach dem Einkommen ihrer Kunden oder nach ihren Kreditkartenschulden. Sie wollten nicht einmal wissen, ob jemand einen Job hat."

Stadtteile ohne Charakter

Die Geldschwemme ließ die Preise in die Höhe schnellen. In kaum einer anderen Gegend der USA entwickelte sich die Blase am Immobilienmarkt so rasant wie in Cape Coral. 2005 verteuerten sich die Häuser um 2000 Dollar am Tag. Der Markt war zum Kasino geworden. Immobilien wurden hin- und hergeschoben wie Geldchips am Roulettetisch. "Wenn wir ein Haus verkauften, war es am nächsten Tag schon wieder auf dem Markt", sagt Wilson.

Aus ganz Amerika kamen die Spekulanten. Sie träumten vom schnellen Reichtum, kündigten ihre Jobs in Ohio und Michigan und versuchten sich als Immobilienhändler im Sunshine State. Sie kauften ein Haus, verkauften es weiter und investierten den Gewinn in ein neues, größeres, teureres. Die meisten Spekulanten merkten zu spät, dass sie nur noch untereinander handelten. Längst gab es zu viele Häuser in Cape Coral. Das Angebot war weit über die Nachfrage hinausgeschossen, der Crash unvermeidlich geworden. Inzwischen sind die Glücksritter wieder fort, zurückgelassen haben sie Stadtteile ohne Charakter und ohne Bewohner.

Neil und Jessica Blankenbuehler wollten nicht zocken. "Wir wollten ein Zuhause", sagt Jessica. "Wir wollten erwachsen werden." 213.000 Dollar liehen sie sich für die Verwirklichung ihres Traums. Heute ist ihr Haus nur noch 80.000 Dollar wert und die Hypothek ein Albtraum. Jessica ist Grafikdesignerin, Neil handelt mit Autoteilen, in guten Zeiten brachte er pro Woche 1000 Dollar mit nach Hause. Heute sind es 200 Dollar, maximal. "Er läuft auf Eierschalen", sagt Jessica. Wahrscheinlich ist ihr Mann bald arbeitslos, und die 26-Jährige kann die Schuldenlast nicht alleine tragen. Die Hypothek ist noch nicht alles, sie muss außerdem zwei Autos abbezahlen und ihren Studienkredit. Jessica bemüht sich, fröhlich zu klingen und lächelt selbst noch, als sie sagt: "Wir wissen einfach nicht mehr weiter."

Lesen Sie im zweiten Teil, wie für eine US-Familie der Traum vom Eigenheim zum Alptraum wurde - und wie eine deutsche Familie von solchen Fällen nun profitiert.

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