Hypo Real Estate HRE drohen Klagen über Hunderte Millionen Euro

  • Die verstaatlichte Immobilienbank Hypo Real Estate hat im Kampf um Schadenersatz vor dem Oberlandesgericht München verloren. Es geht um einen Betrag in dreistelliger Millionenhöhe.
  • Die Richter sehen es als erwiesen an, dass die Bank ihre Aktionäre im Jahr 2007 getäuscht hat.
  • Die HRE will die Entscheidung anfechten.
  • Sollte die Entscheidung auch in letzter Instanz Bestand haben, könnten Anleger ihre Einzelansprüche durchfechten.

OLG: Bank hat Anleger getäuscht

Die verstaatlichte Krisenbank Hypo Real Estate (HRE) muss sich auf Schadenersatzzahlungen an frühere Aktionäre in dreistelliger Millionenhöhe einrichten. Das Oberlandesgericht München entschied in einem Musterprozess, die Bank habe unter ihrem früheren Chef Georg Funke Anleger in der Finanzkrise über ihre desaströse Lage getäuscht. So habe die Bank ihre Lage im Jahr 2007 falsch dargestellt und die Aktionäre zu spät auf ihre Probleme hingewiesen.

Beim Landgericht München gingen zahllose Schadenersatzklagen von Aktionären ein. Um zentrale Fragen der Beweisaufnahme für alle Fälle zu klären, kam es zu dem Musterprozess. Der sogenannte Musterentscheid hat damit auch für viele andere Klagen Bedeutung. Ähnlich geht die Justiz bei Anlegerklagen gegen die Deutsche Telekom vor.

Was die Entscheidung für Aktionäre bedeutet

Mit der Entscheidung liefert das OLG einigen Hundert Investoren eine Grundlage für Schadenersatzprozesse, in denen die Anleger ihre Einzelansprüche noch durchfechten müssen.

Nach Auffassung der Richter hat die HRE die Anleger viel zu spät auf ihre Probleme aus der US-Immobilienkrise hingewiesen. Am 3. August 2007 hatte das Unternehmen noch öffentlich erklärt, keine Belastungen davonzutragen. Viele Anleger hielten die HRE nach dieser Erklärung für eine sichere Bank und kauften Aktien. Gut fünf Monate später kam das bittere Erwachen: Am 15. Januar 2008 gab der Konzern in einer Pflichtmitteilung massive Belastungen bekannt und schockte damit die Börse. Innerhalb eines Tages brach die Aktie um mehr als ein Drittel ein und sackte danach weiter ab.

Viele Aktionäre verloren ein Vermögen. Für Aktienkäufe vom 3. August 2007 bis zum 15. Januar 2008 stehen die Chancen auf Schadenersatz nun gut: Die Richter bescheinigten der HRE zum Abschluss des Musterprozesses eine unwahre und unvollständige Darstellung der Lage in diesem Zeitraum.

Warum der Schadenersatz auch die Steuerzahler trifft

Die Hypo Real Estate musste 2008 mit staatlichen Milliardenhilfen gerettet und ein Jahr später vollständig verstaatlicht werden. Seitdem gehört das Unternehmen dem Bund. Den Schadenersatz an die ehemaligen Aktionäre müsste die HRE zwar formal aus ihren eigenen Mitteln bezahlen - das Unternehmen würde dadurch aber weniger wert.

Sollten sich die Aktionäre also in letzter Instanz mit ihren Forderungen durchsetzen, würde dies die Steuerzahler in Deutschland treffen. Der Anwalt der ehemaligen Aktionäre, Andreas Tilp, geht von einer Summe von mehr als 500 Millionen Euro aus.

Warum haben die Anleger überhaupt Geld in die HRE gesteckt?

Als "Zocker" können die Anleger nicht bezeichnet werden, denn die HRE galt als solides Unternehmen. Die Aktie war vor ihrer Krise im Dax notiert, also in der ersten Liga der Börse in Deutschland. Viele Anleger dachten, dass ihr Geld besonders gut angelegt ist, weil die Hypo Real Estate auf die Finanzierung großer Immobilienprojekte weltweit spezialisiert war. Im September 2008 geriet die HRE jedoch in größte Not, weil ihre irische Tochter Depfa Geld langfristig verliehen und sich extrem kurzfristig refinanziert hatte. Nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers ging diese Rechnung nicht mehr auf und sie kam nicht mehr an Geld.

Wie die HRE auf die Entscheidung reagiert

Nun muss sich wohl der Bundesgerichtshof mit dem Fall Hypo Real Estate befassen: Die Bank hatte bereits angekündigt, dass sie die Entscheidung des Oberlandesgerichts im Falle einer Niederlage anfechten würde. "Wir halten die Entscheidung für falsch", sagte ein HRE-Sprecher.

Georg Funke Ex-Vorstand Funke soll vor Gericht
Hypo Real Estate

Ex-Vorstand Funke soll vor Gericht

In der Finanzkrise kostete die Hypo Real Estate die Steuerzahler mehr Geld als jede andere Bank: Weil Ex-Vorstand Georg Funke die Lage des Geldhauses vor der Krise geschönt haben soll, hat die Staatsanwaltschaft nun Anklage erhoben.   Von Klaus Ott

Wie es zur Krise der HRE kam

Der Beinahe-Zusammenbruch der Hypo Real Estate war eines der dramatischsten Kapitel der Finanzkrise. Als der Immobilienfinanzierer am 15. Januar 2008 unerwartet hohe Abschreibungen auf US-Wertpapiere bekanntgab, brachen die damals im deutschen Leitindex Dax gelisteten HRE-Aktien um 35 Prozent ein. Weil die HRE weitere Banken in die Pleite zu reißen drohte, sprang der Bund ein. Mit weit über 100 Milliarden Euro an Steuergeldern rettete er das Münchner Institut und brachte es schließlich unter seine Kontrolle.

Die Staatsanwaltschaft strebt auch einen Strafprozess gegen den früheren Vorstandschef Funke und sieben weitere Ex-Vorstände an. Die Manager sollen in offiziellen Firmenberichten die Lage der Bank geschönt haben. Sollte das Landgericht München die Anklage zulassen, würde es voraussichtlich im kommenden Jahr zu einem Strafprozess kommen. Dann müsste auch Funke erstmals seit dem Drama wieder öffentlich auftreten. Er hatte sich stets gegen den Vorwurf gewehrt, für das HRE-Debakel verantwortlich gewesen zu sein.