Lumi tanzt. Er hebt die Arme und die Beine, mal das rechte, mal das linke. Er will zeigen, dass er die Balance halten kann. Die Füße stecken in gelben Latschen. Er bewegt sich zu Breakbeats und Marschmusik. Für einen kurzen Moment sieht es so aus, als würde Lumi zum Schuhplatteln ansetzen. Lumi ist ein Humanoider, also ein Roboter, dessen Physis der eines Menschen nachempfunden ist: Er hat eine Art Kopf und einen Torso mit Beinen und Armen. Er performt in Halle 11 der Hannover-Messe am Stand von „Invest in China“.
Humanoide wie Lumi vertreibt der chinesische Konzern Lens Technology unter der Marke Agibot. Lumi ist nur der Kosename für den Agibot X2. Er ist der Poser im Sortiment. „Wir wollen zeigen, dass wir die Bewegungsabläufe schon beherrschen“, sagt einer der Lens-Leute. Für die Fabrik tauge diese Maschine nicht, schon weil die Hände Fake seien. Und ein Arbeiter muss greifen können. Im Online-Shop von Agibot wird Lumi, gut 1,30 Meter groß und 35 Kilogramm schwer, derzeit für gut 24 000 Dollar angeboten.
Lumi ist auch ein Botschafter. Er soll zeigen, wozu chinesische Firmen schon in der Lage sind. Gleich ein paar Dutzend Hersteller aus China stellen Robotik in Hannover aus, Humanoide, halbe Humanoide, die auf Rädern fahren, Roboterarme, Roboterhunde. Im jüngsten Fünfjahresplan Chinas werden Humanoide als wichtiger Wachstumsmotor gesehen. In den vergangenen Jahren seien in China mit viel staatlichem Geld Hunderte Robotik-Firmen gegründet worden, heißt es beim Weltverband International Federation of Robotics (IFR).
China baut Roboter und produziert mit Robotern. 2024 wurde weltweit jeder zweite neue Industrieroboter in einer Fabrik in China aufgestellt, sagt IFR-Statistikchef Christopher Müller. Die wenigsten davon seien Humanoide. „Die Technik ist noch nicht ausgereift, viele stecken noch in der Pilotphase.“

Der Transfer der Roboter in die reale Welt gelingt mit physischer KI. Alle reden darüber: Unternehmer, Berater, Manager und Politiker. Den Wettstreit um virtuelle KI wie Chatbots, das sehen viele Experten so, habe Deutschland schon verloren. Da liegen Konzerne wie Open AI und Google vorn. Aber bei industrieller KI, also jenem Teilsegment von physischer KI, in dem es um Industrieprozesse geht, habe Deutschland noch Chancen, weil die Industrie über riesige Datensätze verfügt. Und die braucht es, um KI zu trainieren.
„Physical AI“ ist ein Gamechanger“, sagt Peter Fintl von der Beratungsfirma Capgemini. Sie sei sehr viel mehr als die digitale Verarbeitung von Daten. Neue Sprach- und Prognosemodelle versetzen Roboter in die Lage, ein dynamisches Umfeld wahrzunehmen und zu verstehen, außerdem kontextbezogene Entscheidungen zu fällen und sich Situationen eigenständig anzupassen. Roboter könnten künftig sehr viel mehr Aufgaben in fast jeder Industrie wahrnehmen, Aufgaben, die bislang durch Automation nicht gelöst werden konnten, sagt Fintl im Telefonat.
Roboter werden vom mechanischen Sklaven zum intelligenten Kollegen.Peter Fintl, Capgemini
„Wir stehen vor dem Sprung von der Repetition zur Adaption“, sagt der Berater. Statt wie bislang fixen, programmierten Wegen zu folgen und starre, repetitive Aufgaben zu erledigen, könne sich das System eigenständig auf sein Umfeld einstellen, ohne dass ein Mensch eingreife. „Dieses Adaptive, dieses Verständnis der Umgebung, das ist die eigentliche Revolution, die gerade stattfindet“, sagt Fintl: „Roboter werden vom mechanischen Sklaven zum intelligenten Kollegen.“ Es gehe dabei nicht nur um humanoide Roboter, sondern um Robotik generell, also alles, was der Automatisierung von Arbeitsabläufen dient, das könne auch der klassische Roboterarm sein. „In der Realität ist Robotik viel unspektakulärer“, sagt Fintl.
„Wir machen keine Rückwärtssaltos schlagenden Roboter“, sagt Roman Hölzl, Mitgründer des Münchner Start-ups Robco: „Wir machen Arbeitstiere, wir orientieren uns an dem, was dem Kunden Nutzen bringt.“ Wenn es einen Preis für den liebevollsten Namen gäbe, hätte „Robco“ gute Chance. Einer seiner kleinsten Roboterarme heißt „leichter Leo“. Das klingt schon humanoider als R005-A6-K3. Bei den Roboterarmen soll es nicht bleiben. Ende 2026 will Robco seinen ersten Humanoiden auf den Markt bringen: Alfie.

Einen Prototyp gibt es bereits, er steht in einem nicht so leicht einsehbaren Raum auf dem Messestand: Torso, Kopf, zwei Arme mit Greifer. Vor ihm auf dem Tisch steht eine Polaroidkamera, Alfie macht Fotos. Beine bekommt er nicht, sondern eine Plattform auf Rädern. In einer Fabrik brauche es keine kompletten Humanoiden, sagt Hölzl, weil die Roboter nicht Treppen steigen müssen. Noch seien Humanoide auch störanfälliger, weil in jedem Gelenk ein Motor sitzt, der ausfallen kann, und sie verbrauchten mehr Strom.
„Die Fabrik ist eigentlich nicht für Menschen gemacht“, sagt Hölzl: „Es geht um repetitive Aufgaben 24/7, hohe Präzision und nicht selten auch um hohe Traglasten.“ Mit Humanoiden lassen sich ihm zufolge neun von zehn Aufgaben erledigen, die heute nicht automatisiert werden können, Prozesse, die nicht nach einem gewissen Muster ablaufen. Folie von einem Karton zu entfernen, sei für Roboter ohne industrielle KI schwierig, weil sie sich nicht auf die Arbeit einstellen können, oder die Montage von Kabeln in einem Schaltkasten. „Mit nicht starren Objekten tun sich Roboter schwer.“
„Die Konkurrenz wird heftiger, besonders aus China“, sagt Jean-Pierre Hathout, Chef von Teradyne Robotics, zu der auch der dänische Hersteller Universal Robots gehört. „Als ich am Montag hier in Hannover angekommen bin, dachte ich, ich bin auf einer Robotermesse in Shanghai.“ Er hat nichts gegen Wettbewerb, solange er fair sei und niemand das geistige Eigentum des anderen verletze: „Wir wollen Wettbewerb auf Augenhöhe.“ Die chinesischen Hersteller holten auf, aber noch „sind wir drei, vier Schritte voraus, weil wir die physische KI besser beherrschen als die meisten.“ Der Wettbewerb erfolge überwiegend über den Preis. Er höre von seinen eigenen Kunden, dass die Konkurrenz aus China um 25 bis 40 Prozent preiswerter als europäische Hersteller sei. Hathout hat einige Jahre in China gelebt. Die Strategie der Volksrepublik sei immer gleich.
China strebe mit aller Macht und mit Subventionen die Beherrschung des Marktes an. Um das zu erreichen, seien die Firmen auch bereit, eine Weile Geld zu verlieren, sagt Hathout der SZ. Und das sei nur ein Teil des unfairen Wettbewerbs. Der Manager könnte jetzt durch die Hallen in Hannover gehen und zeigen, wo die Konkurrenten sich präsentieren, die nicht mehr auf Augenhöhe konkurrieren. „Sie kopieren unsere Software und kopieren unser Design“, sagt er.
Teradyne wehrt sich. Am Dienstag erließ das Landgericht Hamburg eine einstweilige Verfügung gegen die deutsche Tochter des chinesischen Roboterherstellers Elite Robots wegen der Verletzung von Urheberrechten an Polyscope 5, der Betriebssoftware für die Cobots von Universal Robots. Elite stellt in Halle 11 am Stand der Fördergesellschaft Bayern Innovativ aus, über die der Freistaat kleine und mittlere Firmen hilft. Elite Robots Deutschland hat seinen Sitz in Bayern. Der Roboterarm von Elite steht noch am Stand, aber er bewegt sich nicht mehr, weil die Software entfernt worden ist.
„Das ist nur der Anfang“, sagt Hathout. Er schließt Klagen in anderen Ländern gegen Elite und auch gegen andere Hersteller nicht aus; er weiß, wer sie sind, Namen will er nicht nennen. „Wir werden alles tun, um unsere Rechte zu verteidigen.“ Europäische Firmen müssten ihre Patente und Urheberrechte viel aggressiver verteidigen, fordert Hathout: „Die Europäer lassen sich zu viel gefallen. Wenn wir uns nicht wehren, werden wir von der Konkurrenz überrollt.“
„Wir stehen vor tektonischen Veränderungen“, sagt Berater Fintl. Es geht nicht nur um Technik, sondern um die ganze Gesellschaft. Europa habe in den vergangenen Jahrhunderten einen „guten Lauf“ gehabt. „Im Großen und Ganzen haben wir es immer geschafft, unseren Wohlstand und unseren Lebensstandard zu steigern. Wir haben sehr gut davon gelebt, unser Modell in die Welt zu exportieren.“ Aber diese Zeiten seien vorbei, „wenn wir uns nicht anpassen.“ Es gebe neue aufstrebende Mitbewerber, die Europa nicht nur bei den Stückkosten unterböten, sondern auch seine Führungsrolle bei Innovationen streitig machen wollten. „Andere Leute in anderen Nationen sind auch schlau“, so Fintl. Wenn Europa seinen Wohlstand wahren wolle, müsse es effizienter und besser werden, da sei Automation das Mittel der Wahl.
