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HSBC:Sparen im Glashaus

Europas größte Bank HSBC will bis zu 25 000 Stellen streichen und Geschäftsteile verkaufen. So soll der Gewinn wieder steigen, den hohe Milliardenstrafen belasten. Außerdem erwägt der Konzern einen Umzug nach Hongkong.

Von Björn Finke, London

Der Glasturm mit seinen 45 Etagen ist schon von weitem zu sehen, es ist eins der höchsten Gebäude Londons. An der Spitze sind Logo und Name des Mieters angebracht: HSBC. Die Aussicht aus den oberen Stockwerken des HSBC Tower im Bankenviertel Canary Wharf ist atemberaubend, doch werden das demnächst viele Hundert Angestellte weniger genießen können. Europas größte Bank kündigte am Dienstag an, bis zu 25 000 der 258 000 Jobs weltweit zu streichen, davon allein 7000 bis 8000 in Großbritannien. Und viele davon wiederum in der Zentrale des Konzerns im HSBC Tower. Außerdem will die Bank ihr Geschäft in Brasilien und der Türkei verkaufen, was weitere 25 000 Mitarbeiter betrifft.

Vorstandschef Stuart Gulliver erläuterte seinen harten Schrumpfkurs auf einer Investorenkonferenz. Der Manager will damit den Gewinn wieder steigern. Schon als er das Amt vor vier Jahren antrat, verordnete er dem Unternehmen ein Sparprogramm und höhere Gewinnziele. Die verfehlte er aber, auch weil das Institut wie so viele Banken Milliardenstrafen für Skandale zahlen musste. Nun also der zweite Versuch. "Die Welt hat sich geändert, und wir müssen uns mit ihr ändern", sagt er.

Die harsche Ankündigung kommt nur einen Tag vor der Rede des Finanzministers - ausgerechnet

Rivalen wie Barclays, Royal Bank of Scotland oder die Deutsche Bank kassieren ebenfalls Stellen und schließen Filialen. Mit HSBC prescht jetzt ein Institut voran, dem es vergleichsweise gut geht. Der Gewinn fiel zwar im vergangenen Jahr, beträgt jedoch vor Steuern weiterhin 18,7 Milliarden Dollar. Die Finanzkrise hatte das Unternehmen, das sein Geld vor allem in Asien verdient, nicht so hart getroffen. Gullivers harsche Diät lässt darum befürchten, dass bei Konkurrenten, die deutlich schlechter dastehen, die Zeit der Sparrunden gleichfalls noch lange nicht vorbei ist.

Der Manager wählte für seine Ankündigung einen pikanten Termin. An diesem Mittwoch trifft sich Londons Banker-Elite zu einem feierlichen Abendessen im Mansion House, in dem der Lord Mayor, der Bürgermeister des Finanzdistrikts, residiert. Höhepunkt der alljährlichen Sause ist stets die Rede des Schatzkanzlers, also von George Osborne. Der wird da über die Regulierung der Branche sprechen - und wohl klarstellen, dass die umstrittene Bankenabgabe erst einmal bleibt.

Das ist eine Sondersteuer, für die jede Bank 0,21 Prozent ihrer Bilanzsumme an den Fiskus überweist. Das trifft HSBC als größtes Geldhaus Europas besonders stark. Dabei stammen gut dreiviertel der Gewinne aus Asien. Deswegen lässt Gulliver prüfen, ob HSBC nicht den Konzernsitz aus London wegverlegen sollte. Als Favorit für einen Umzug gilt Hongkong. Das wäre eine Rückkehr: Das Institut, dessen voller Name Hongkong and Shanghai Banking Corporation lautet, wurde 1865 in Hongkong gegründet. Den Investoren erklärte der Chef nun seine elf Entscheidungskriterien für die Standortfrage und kündigte einen Beschluss bis Ende des Jahres an.

Stellenabbau, die Drohung mit dem Umzug - und das alles einen Tag vor der großen Rede des Finanzministers. Nicht sehr rücksichtsvoll.

Dabei hat der Konzern ohnehin mit unerfreulichen Schlagzeilen zu kämpfen. So kam Anfang des Jahres heraus, dass die Schweizer Tochter früher Steuerhinterziehern beim Verstecken ihres Geldes half. Auch Gulliver selbst hatte Vermögen bei der Schweizer Filiale geparkt; er musste wegen des Skandals zu einer unangenehmen Anhörung vor dem britischen Parlament erscheinen.

Mit seinem Programm will der Manager die Kosten bis 2017 um bis zu fünf Milliarden Dollar senken. Der Stellenabbau soll überwiegend mit Hilfe natürlicher Fluktuation von statten gehen. Die Personalkosten sollen auch dadurch schrumpfen, dass Aufgaben zu billigeren Standorten verlagert werden. Die Zahl der Jobs fiel bereits seit 2010 von 295 000 auf 258 000, teilweise durch den Rückzug aus Ländern. Nach Gullivers neuen Plänen könnten am Ende nur 208 000 Stellen übrig bleiben. Ob die deutsche Tochter HSBC Trinkaus & Burkhardt ebenfalls mit Einschnitten rechnen muss, ist unklar. Gulliver versprach zudem, das Geschäft noch stärker auf Asien auszurichten, wo er die größten Wachstumschancen sieht.

Da würde ja eine Verlegung des Konzernsitzes nach Hongkong prima passen.

© SZ vom 10.06.2015
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