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Hotels:Ohne Zierkissen und Bademantel

Derzeit wie viele andere Häuser leer: Das Steigenberger-Hotel in Leipzig.

(Foto: oh)

Viele Hotels öffnen langsam wieder. Doch die Hygieneregeln sind kompliziert, wie das Beispiel Steigenberger zeigt.

Erst die Geschäfte, dann die Gastronomie: Langsam normalisiert sich das Leben in Deutschland, die strengen Corona-Auflagen werden gelockert. Mit als letztes sind jetzt die Hotels dran. Laut Deutschem Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) melden Hotels und andere Beherbergungsunternehmen alleine im März einen um 50 Prozent geringeren Umsatz. Sie leiden ohnehin unter im internationalen Vergleich niedrigen Preisen und hohem Wettbewerb. Jetzt ist die Auslastung historisch niedrig, viele Fixkosten laufen aber weiter.

Wie schwierig die Lage ist, zeigt das Beispiel von Steigenberger und seiner Muttergesellschaft Deutsche Hospitality. Im Herbst feiert das Unternehmen den 90. Geburtstag, 1930 wurde es von Albert Steigenberger gegründet und betreibt heute noch bekannte Grandhotels etwa in Frankfurt, auf dem Petersberg bei Bonn, in Leipzig, Düsseldorf oder Davos. Jetzt werden die ersten Hotels mit einem neuen Hygienekonzept wieder eröffnet, doch das wird kompliziert und teuer. Alleine die Kosten für die laufende Desinfizierung könnten pro Zimmer bei fünf bis zehn Euro liegen, so die Kalkulation. Die Gästeräume sollen nun so gestaltet werden, dass Zierkissen, Schreibutensilien, Bademäntel und ähnliches entfernt werden, die TV-Fernbedienung etwa, auch Gläser im Zimmer und Bad werden nach der Nutzung desinfiziert und in einer Papiertüte verpackt.

"Als Hoteliers wollen wir natürlich Gäste zusammenbringen und bewirten", sagt Thomas Willms, Vorstandschef von Deutsche Hospitality, der Süddeutschen Zeitung. "Wir öffnen jetzt vor allem, um endlich wieder Gäste zu empfangen und auch, um unsere Verluste zu reduzieren." Schon jetzt sind die Einbußen groß. Fast alle der insgesamt 120 Hotels der Gruppe in Deutschland und weltweit sind und waren geschlossen. In Dubai wurde ein Haus sogar zu einem Krankenhaus umfunktioniert. In Deutschland waren lediglich das Steigenberger am Bundeskanzleramt und die Häuser an den Flughäfen in Frankfurt und Amsterdam durchgehend geöffnet, für Hilfskräfte, Krisenstäbe oder dringliche Geschäftsreisen, daneben auch vier Intercity-Hotels, in denen unter anderem ICE-Teams übernachten konnten. Die Gruppe beschäftigt etwa 10 000 Mitarbeiter, in den Hotels sind gut 90 Prozent in Kurzarbeit, das Unternehmen stockt das Kurzarbeitergeld teilweise auf, auch um die Mitarbeiter zu halten. Das Management verzichtet auf Gehalt. Die Kosten laufen dagegen weiter, vor allem die Mieten. "Die Pacht wurde von vielen Vermietern zwar gestundet, aber sie muss irgendwann bezahlt werden", sagt Willms.

Das Problem: Hotels decken die Kosten meist erst bei einer Belegung von mehr als 50 Prozent. Alleine 20 bis 30 Prozent des Umsatzes entfallen oft auf die Pacht. Eine hohe Auslastung ist aber vorerst nicht zu erwarten, zum einen wegen der neuen Abstands- und Hygieneregelungen, zum anderen wegen der geringeren Nachfrage. Hotels wie der Frankfurter Hof leben zu 70 Prozent von Gästen aus dem Ausland, die Intercity-Hotels der Gruppe vor allem vom Inlandstourismus.

Wann es wieder richtig gut läuft, ist offen. Firmenchef Willms ist nicht sehr zuversichtlich. "Die weltweite Reiseindustrie wird wieder kommen", sagte er, "aber es wird dauern. Bis sich der Geschäftstourismus wieder völlig normalisiert hat, wird es vielleicht 2023 sein, das ist eine lange Durststrecke." Steigenberger hat zudem einen neuen Eigentümer. Die chinesische Hotelgruppe Huazhu aus Shanghai, die an der New Yorker Börse notiert ist und 5000 Mittelklasse-Hotels in China betreibt, hat alle Anteile von vom ägyptischen Investor Hamed El Chiaty übernommen und dafür etwa 700 Millionen Euro gezahlt. Kurz vor dem Ausbruch der Epidemie wurde der Vertrag Anfang des Jahres noch unter Dach und Fach gebracht. "Wir haben die volle Rückendeckung unseres neuen Gesellschafters. Das minimiert natürlich das Risiko einer Insolvenz", sagt Willms.

Ursprünglich wollte das Unternehmen stark expandieren, bis 2025 sollte die Zahl der Hotels fast verdoppelt werden. Jetzt sagt Willms: "Das Tempo unserer geplanten Expansion wird sicher etwas langsamer." Kein Wunder: Die gesamte Branche hat Probleme. Der Bundesverband der Deutschen Tourismusindustrie fordert bereits einen Rettungsfonds. Hotellerie und Gastronomie steuerten auf lange Phasen des Wirtschaftens mit "angezogener Handbremse" hin. Und das trifft auch auf Steigenberger zu.

© SZ vom 22.05.2020

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