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Home-Office:Bitte ohne Zwang

Eine Frau im Homeoffice

Eine Untersuchung zeigt, dass 42 Prozent der befragten Unternehmen Beschäftigte von zu Hause aus arbeiten lassen.

(Foto: Hans Lucas/imago)

In der Debatte um die Eindämmung der Corona-Pandemie gerät die Wirtschaft unter Druck. Doch Forderungen nach einer Home-Office-Pflicht gehen zu weit.

Kommentar von Sibylle Haas

Bußgelder für Firmen, die ihre Mitarbeiter nicht in Home-Office schicken? Diese Forderung der Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt zeigt, wie praxisfern die Politik in diesen Tagen bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie teils vorgeht. Doch nicht nur Göring-Eckardt, auch Grünen-Parteichefin Annalena Baerbock will, dass Firmen Home-Office "anordnen". Und die neue Juso-Chefin Jessica Rosenthal wird sogar mit den Worten zitiert, wenn Beschäftigte nicht von zu Hause arbeiten könnten, "dann muss es doch auch mal möglich sein, drei Wochen Freistellung hinzubekommen". In der Debatte um die Eindämmung der Pandemie gerät die Wirtschaft immer mehr unter Druck - mit teils absurden Vorschlägen.

Unbestritten ist, dass jeder soziale Kontakt das Infektionsrisiko von Menschen erhöht. Und natürlich treffen am Arbeitsplatz auch Menschen aus vielen Haushalten zusammen. Doch der momentane Aktionismus der Politik beim Thema Home-Office blendet völlig aus, dass seit Monaten und damit seit Beginn der Pandemie viele Beschäftigte bereits im "heimischen Büro" tätig sind. Diese Verlagerung war eine der ersten Maßnahmen zur Eindämmung der Seuche.

Ende Dezember hat das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) Untersuchungsergebnisse vorgelegt, die zeigen, dass immerhin 42 Prozent der befragten Unternehmen Beschäftigte von zu Hause aus arbeiten lassen, wenn diese das wollen. Sogar viele kleine Betriebe mit bis zu neun Beschäftigten ermöglichen das ihren Mitarbeitern.

In manchen Bereichen ist Heimarbeit gar nicht möglich

Klar ist aber, dass in vielen Bereichen die Arbeit von daheim aus gar nicht möglich ist. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, beziffert den Anteil der Beschäftigten in Deutschland, die nicht von zu Hause aus arbeiten können, auf 60 Prozent.

Das ist bekanntermaßen im Lebensmittelhandel und in der Pflege so, aber auch im verarbeitenden Gewerbe oder in der Bauwirtschaft müssen die Beschäftigten in den Produktionsbetrieb oder auf die Baustelle kommen. Die Debatte darüber, Produktionsbetriebe zeitweise zu schließen, ohne dass es dort Infektionsherde gibt, ist absurd. Eine staatlich verordnete Schließung im produzierenden Gewerbe würde Lieferketten zerreißen und die Wirtschaft immens und auf lange Sicht schädigen.

Außerdem haben viele Firmen längst in Hygienemaßnahmen investiert, weil die neue Arbeitsschutzregel des Bundesarbeitsministeriums dies von ihnen verlangt. Damit sollen das Infektionsrisiko am Arbeitsplatz gesenkt und Neuinfektionen im betrieblichen Alltag verhindert werden.

Wer heute durch die Abteilungen geht, trifft kaum auf Kollegen oder Kolleginnen. Und die wenigen, die da sind, sind durch Spuckschutz-Plexiglasscheiben voneinander getrennt. Wer heute durch die Betriebe geht, muss sich an Pfeilen orientieren, die auf dem Boden kleben und die verhindern sollen, dass man anderen begegnet. Wer heute in die Aufzüge steigt, muss zweimal hinschauen, wen er vor sich hat, weil man wegen der Schutz-Maske nicht jeden sofort erkennt.

Viele Firmen haben technisch aufgerüstet

Die Unternehmen haben in der Pandemie auch in die Technik viel investiert. Laut IAB-Studie schafften 58 Prozent derjenigen, die das Home-Office forciert haben, neue Hardware wie Laptops oder Headsets an. 45 Prozent investierten in neue Software wie Tools für Videokonferenzen. 47 Prozent bauten den IT-Support für Beschäftigte aus. 21 Prozent führten zusätzliche Schulungen durch. Das ist nicht Nichts, sondern eine ganze Menge.

Doch nicht jede Kleinstfirma kann sich die technische "Aufrüstung" leisten und manche Unternehmen wollen aus Gründen des Datenschutzes die Arbeit nicht an den heimischen Küchentisch verlagern. Das muss akzeptiert werden und in der Entscheidungshoheit der Unternehmen bleiben.

Eine gesetzlich verordnete Pflicht zum Home-Office wäre ein Affront, weil der Staat die bisherigen Bemühungen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern nicht zur Kenntnis nehmen würde. Und es wäre ein massiver Eingriff in die Selbstbestimmungsrechte von Firmen und Beschäftigten. Nicht jeder Arbeitnehmer, nicht jede Arbeitnehmerin hat die Möglichkeit, von daheim aus zu arbeiten. Manche Tätigkeiten benötigen einen großen Schreibtisch und mehrere Monitore. Nicht in jeder Wohnung ist dafür Platz. Und nicht jeder will sein Wohnzimmer zum Büro umfunktionieren. Wer nicht zu Hause arbeiten will, hat das Recht auf einen Arbeitsplatz in der Firma. Es ist notwendig, die Seuche zu bekämpfen. Aber bitte mit Augenmaß. Die Wirtschaft mit Verboten, Vorschriften und Bußgeldern zu belegen, ist jedenfalls der falsche Ansatz.

© SZ
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