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Soziales:Was sich Arbeitnehmer vom neuen Jahr wünschen

Das ändert sich 2021 - Homeoffice

Der Arbeitsplatz im Home-Office: Da arbeiten viele an ihrem Küchentisch, da steht der Laptop neben dem Marmeladenglas und das Mobiltelefon liegt neben der Butterdose. Gutes Arbeiten sieht anders aus.

(Foto: dpa)

Das Arbeitsjahr 2020 war anstrengend und herausfordernd. Es musste auf vieles verzichtet werden. Erst jetzt werden diese Dinge wirklich geschätzt - selbst die nervigen Kollegen.

Kommentar von Sibylle Haas

Der Jahreswechsel ist die Zeit guter Vorsätze, aber auch die Zeit guter Wünsche. Und weil es im Arbeitsjahr 2020 zwar viel zu wünschen, aber wenig davon zu realisieren gab, sind die Hoffnungen groß, die auf dem neuen Jahr liegen. Es gibt vieles, worauf Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen im Jahr 2020 verzichten mussten. Vieles, was in normalen Zeiten selbstverständlich ist. Einfache, alltägliche Dinge wurden zum seltenen Gut und damit wertvoller denn je. Die Kollegen und Kolleginnen zum Beispiel, die man lange nicht in echt gesehen hat. Da gibt es zwar solche und solche, klar.

Aber auch die Zweitgenannten vermisst man durchaus von Zeit zu Zeit. Man vermisst ihre Marotten, ihre Eigenheiten, ihre Liebenswürdigkeiten. Die übellaunige Kollegin aus Zimmer fünf, das Schweinchen Schlau aus Zimmer acht, die nervige Kümmerin aus Zimmer vier - im Video-Chat sind sie kaum unterscheidbar, sie verschwimmen im Einheitslook der medialen Welt. Wie unterhaltsam wird es dann sein, dem Besserwisser mal wieder ganz spontan und ohne Klick aufs digitale Mikrofon verbal eins auf die Mütze zu geben. Oder den geschmeidigen Streber zu entlarven.

Mehr Zeit mit Kollegen und Kolleginnen im Büro zu verbringen, gehört zu den am häufigsten genannten Wünschen von Beschäftigten, das ergab auch eine Befragung des Job-Portals Xing. Die Deutschen vermissen im Home-Office also am meisten die sozialen Kontakte, doch sie vermissen noch mehr. Die Betriebskantine zum Beispiel, die immer wieder Gesprächsstoff liefert. Denn über die Kantine wird gerne geschimpft: Das Essen sei schlecht gewürzt, die Auswahl überschaubar und teuer, der Service unmöglich. Wirklich?

Wie klein ist doch im Vergleich die Auswahl am heimischen Mittagstisch zwischen der Videokonferenz und dem Telefongespräch mit dem Chef. Wer fragt schon beim einsamen Mahl daheim "Was möchten Sie gerne essen" oder "Wie geht es Ihnen heute"? Wer besorgt zu Hause den Einkauf fürs Essen? Wenn es die Kantine also nicht gibt, tja, dann müssen Beschäftige sich selbst an den Herd stellen.

Da werden auch Menschen mit aufrechtem Gang zu gebeugten Wesen

Viel Zeit zur Erholung in der Arbeitspause bleibt da nicht. Und selbst der kleine Snack zwischendurch auf dem Sofa macht nicht so viel Spaß wie die Tasse Kaffee beim Schwatz in der Büroküche. Immerhin erfährt man da ja so manche Neuigkeit aus der Firma, wer mit wem oder wer wohin aufsteigt. Klatsch und Tratsch entlasten übrigens die Seele, sagen zumindest Psychologen, Klatsch und Tratsch machen angeblich stark für den nächsten Marathon im Arbeitsalltag. Klar, dass das viele am einsamen Schreibtisch kläglich vermissen.

Ach ja, der Schreibtisch. Da arbeiten viele an ihrem Küchentisch, da steht der Laptop neben dem Marmeladenglas, und das Mobiltelefon liegt neben der Butterdose. Da sitzen andere auf dem Sofa im Wohnzimmer und haben das Notebook auf dem Schoß. Zumindest körperlich sind das gar keine guten Arbeitshaltungen, und ein Dreivierteljahr in gekrümmter Position macht auch Menschen mit sonst aufrechtem Rückgrat zu gebeugten Wesen. Da sehnt sich doch mancher nach dem hässlichsten Büro in der Firma. Dort gibt es immerhin einen ordentlichen Schreibtisch und einen guten Bürostuhl. Alles ergonomisch, mit externen Bildschirm- und Eingabegeräten, mit Maus und Tastatur. Ganz und gar nach den Vorgaben der klugen Arbeitsmedizin.

Nicht zu vergessen: der Weg zur Arbeit. Wenn man im Frühjahr die aufblühende Natur vom S-Bahn-Fenster aus betrachten kann. Wenn im Stau der Autofahrer nebenan freundlich zulächelt. Wenn sich in der U-Bahn ein nettes Gespräch mit der Frau gegenüber entwickelt. Im Home-Office ist der Weg zur Arbeit meist weniger ereignisreich.

Es gibt vieles, was sich Beschäftigte wünschen können für 2021. Vieles, dessen Wert man erst schätzt, wenn man es nicht mehr hat. Der direkte, echte Kontakt mit anderen, die lockere Konferenz ohne digitales Handzeichen, interaktive Kommunikation als Quelle der Kreativität, eine bessere Ausstattung des Arbeitsplatzes. Vielleicht haben wir nach der Pandemie mehr Klarheit über das, was wichtig ist. Und vielleicht erleben wir auch mehr Intensität bei den Begegnungen - auch im Büro.

© SZ
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