Arbeitswelt:Home-Office darf nicht zur Ausbeutung werden

Lesezeit: 2 min

Arbeitswelt: Nach den Erfahrungen der Pandemie dürfte das Home-Office zur neuen Normalität für Millionen Deutsche werden, die das wollen.

Nach den Erfahrungen der Pandemie dürfte das Home-Office zur neuen Normalität für Millionen Deutsche werden, die das wollen.

(Foto: Mosuno Media via www.imago-images.de/imago images/Westend61)

Wer zuhause tätig ist, arbeitet öfter pausenlos und unbezahlt. Heimarbeiter und Firmen müssen solche Nachteile des Home-Office vermeiden - ansonsten sollte die Bundesregierung gesetzlich eingreifen

Kommentar von Alexander Hagelüken

Wer flexibel auch mal von zuhause arbeiten wollte, stieß damit lange auf Unverständnis. Viele Vorgesetzte argwöhnten, Beschäftigte würden es sich außerhalb der Firma bequem machen. Dann erzwang die Pandemie Home-Office für Millionen Deutsche und änderte alles. Vorgesetzte haben gelernt, dass es sich Beschäftigte in ihren Zuhause nicht bequem machen. Im Gegenteil: Viele beuten sich im Home-Office sogar aus, wie sich jetzt zeigt. Das aber geht in die falsche Richtung. Firmen, Betriebsräte und die Politik sind gefordert, Überforderung zu verhindern.

Zunächst mal empfinden es viele Beschäftigte ja zurecht als bereichernd, ein paar Tage die Woche zuhause zu arbeiten. Sie vermeiden nervige Pendelei. Sie schieben leichter Arzttermine, Yoga oder die nächste Waschmaschinenladung ein - und beaufsichtigen gegebenenfalls ihre Kinder.

Solange es nur um ein paar Tage Home-Office die Woche geht, der Mitarbeiter also nicht den Kontakt zu den Kollegen verliert, sind immer mehr Firmen dafür offen. Sie kennen nicht nur die Studien, wonach Beschäftige zuhause mindestens genauso produktiv sind wie in der Firma. Sie erkennen auch, dass sie Miet- und Energiekosten sparen.

Deshalb dürfte das Home-Office und sonstiges mobiles Arbeiten zur neuen Normalität für Millionen Deutsche werden, die das wollen. Und auch für einige andere, auf die kostenbewusste Arbeitgeber sanften Druck ausüben. Es lohnt sich also, die neu entstandene Home-Office-Realität unter die Lupe zu nehmen.

Eine Befragung des Deutschen Gewerkschaftsbundes zeigt neben Vorteilen wie größerer Freiheit auch negative Seiten: Heimarbeiter leisten öfter unbezahlte Überstunden, sind spätabends tätig und lassen mehr Pausen ausfallen als die Kollegen, die nur in der Firma sind. Das macht sie nicht zu Helden der Arbeit, sondern zu Opfern. Denn dieser Stress kann der Gesundheit schaden - und der beruflichen Leistungsfähigkeit. Jeder zweite Heimarbeiter schaltet schlecht ab, wenn er dann mal Feierabend macht.

Es gibt für diese Überforderung mehrere Ursachen. Manche Beschäftigte beuten sich selbst aus, weil sie das Home-Office als Zugeständnis betrachten. Und mancher Vorgesetzte beutet Heimarbeiter aus, in dem er etwa ständige Erreichbarkeit verlangt. Weil es mehrere Ursachen gibt, müssen gleich mehrere Akteure etwas ändern, um Nachteile des Home-Office abzustellen.

Das fängt mit den Heimarbeitern selbst an. Wer Zuhause seine Leistung bringt, ist der Firma fürs Home-Office nicht zur Dankbarkeit verpflichtet - oder gar zu unbezahlten Überstunden aus schlechtem Gewissen. Klar, manchem steckt der Präsentismuswahn schlechter Vorgesetzter noch in den Knochen. Aber was zählt, ist nicht, möglichst lange im lauten Großraumbüro herumzusitzen oder dem Chef und der Chefin dauernd halbgare Ideen einzuflüstern. Es zählt allein die Leistung - egal, wo man sie erbringt.

Umdenken müssen auch die Firmen, die Beschäftigte im Home-Office übermäßig fordern. Es gibt keine Rechtfertigung dafür, Heimarbeiter öfter außerhalb normaler Arbeitszeiten anzurufen als die anderen Kollegen. Oder gar Druck auszuüben, damit der Beschäftigte im Home-Office "mal schnell" noch ein Projekt übernimmt, obwohl er seine Wochenarbeitszeit längst erfüllt hat. Wer Mitarbeiter auspresst, verliert sie irgendwann - an die Burnout-Klinik oder an andere Firmen, die ihn angesichts des allgemeinen Personalmangels gerne abwerben.

Bevor es so weit kommt, sollten Betriebsräte auf den Plan treten, wenn es sie in der Firma denn gibt. Studien zeigen: Wenn eine Betriebsvereinbarung das mobile Arbeiten regelt, sinken die Nachteile beträchtlich. Dann sind Heimarbeiter deutlich weniger abends tätig, kürzen seltener die Pause und müssen auch nicht ständig erreichbar sein.

Bisher allerdings profitiert nur jeder zweite Heimarbeiter von so einer Vereinbarung. Das ist ein Aufruf an die Bundesregierung, die weitere Entwicklung genau zu verfolgen. Nehmen die Betriebsvereinbarungen nicht zu und die Schattenseiten des mobilen Arbeitens nicht ab, ist ein Gesetz fällig. Damit aus dem Segen Home-Office kein Fluch wird.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema