Büromöbel:Büro ist überall

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Büromöbel: "Beim Schaukeln merkt man, ob man gut miteinander kann", sagt Interstuhl-Chef Helmut Link.

"Beim Schaukeln merkt man, ob man gut miteinander kann", sagt Interstuhl-Chef Helmut Link.

(Foto: PR)

Wie geht es weiter mit der Arbeit und den Räumen, wenn für viele Beschäftigte jetzt die Zeit im Home-Office endet? Der Büromöbelhersteller Interstuhl liefert Konzepte für die Zeit nach der Pandemie - und sieht einen neuen Trend kommen.

Von Elisabeth Dostert

Die Hollywood-Schaukel war eigentlich nur als Hingucker für eine Möbelmesse geplant. Mittlerweile hat sie der Büromöbelhersteller Interstuhl aus dem schwäbischen Meßstetten-Tieringen ein paar Dutzend Mal verkauft - an Firmen und Banken. "Beim Schaukeln merkt man, ob man gut miteinander kann", sagt Helmut Link. Mit seinem Bruder Joachim könne er jedenfalls gut schaukeln. Die Brüder sind geschäftsführende Gesellschafter des Familienunternehmens.

Eine Schaukel mit gelben Kissen steht in der "Arena" am Firmensitz, einem Ausstellungsraum. Sie ist Teil des Programms Hub: bunte Hocker, Drehstühle, niedrige Tische, Stehtische, Sofas, Sessel, Raumteiler, Medienwände mit und ohne Displays, aber mit Schlaufen, um sie leichter zu bewegen, Telefonzellen mit Stoffbezügen, die den Lärm schlucken. Das alles ist Mobiliar für Flächen, auf denen viele Menschen zusammenarbeiten. Und die haben nun nach zwei Jahren im Home-Office vermutlich etwas andere Bedürfnisse als zuvor, zum Beispiel nach mehr Privatsphäre und Ruhe im hektischen Büroalltag.

Büromöbel: Ein Großraumbüro, so wie sie es sich bei Interstuhl vorstellen.

Ein Großraumbüro, so wie sie es sich bei Interstuhl vorstellen.

(Foto: PR)

Link, 52, macht sich viele Gedanken über die Zukunft der Arbeit und die Räume, in denen sie stattfindet, gerade jetzt, wo viele wieder zurück ins Büro sollen. "Wir wollen ja im Spiel bleiben", sagt der Firmenchef. Interstuhl ist einer der größten Hersteller von Bürostühlen in Deutschland. "Es gibt noch jede Menge Raum, um die Arbeitseffizienz zu steigern", sagt Link. Wie lassen sich Ergonomie, Akustik und Beleuchtung digitalisieren, abstimmen und optimieren? Solche Fragen stellt er sich. Ansätze gibt es. Gemeinsam mit dem US-Unternehmen Garmin haben sie einen Sensor entwickelt, der unter dem Stuhlsitz angebracht wird und dem Nutzer eine Nachricht auf den Bildschirm schickt, wenn es an der Zeit wäre, aufzustehen und ein wenig herumzulaufen. Noch ist das Produkt nicht sonderlich erfolgreich. Es stehe auch erst am Anfang seines Lebenszyklus, sagt Link: "Wir gehen davon aus, dass es angenommen wird."

Büromöbel: In den Büros geht es heute bunter zu - und im Home-Office sowieso.

In den Büros geht es heute bunter zu - und im Home-Office sowieso.

(Foto: Elisabeth Dostert)

Die Tochterfirma Intensor hat eine Software entwickelt, um digitale Zwillinge von Räumen zu erstellen. So lasse sich die Gestaltung am Bildschirm optimieren, in der Pandemie hat sich das bewährt. 2019 hat Link an der US-Universität Stanford ein Programm für Führungskräfte absolviert, mit Leuten wie Zoom-Gründer Eric Yuan diskutiert und sich vom Silicon Valley begeistern lassen. "Die Digitalisierung der Arbeitsräume und der Abläufe im Büro haben gerade erst angefangen", sagt der Unternehmer.

Rund 1000 Mitarbeiter hat Interstuhl, die meisten am Stammsitz

Als im März 2020 in Deutschland der Lockdown verhängt wurde, erfasste die Link-Brüder erst einmal Panik. Wenn niemand mehr ins Büro geht, wer braucht dann noch Stühle? "Wir haben hohe Fixkosten", sagt Helmut Link. Was er damit meint, wird beim Gang durch die Produktionshallen und die Lager deutlich: In raumhohen Regalen lagern Stoffe für die Stühle, die vor Ort zu Bezügen genäht werden. Nähmaschine steht an Nähmaschine. In einer anderen Halle produzieren Mitarbeiter die Schaumpolster für Sitze. Drehkreuze für Stühle stehen in den Gängen, diese fertigen Zulieferer mit Werkzeugen, also Formen für die Kunststoffmasse, die von Interstuhl entwickelt wurden. In einer Werkstatt stehen Prototypen.

Rund 1000 Mitarbeiter beschäftigt das Familienunternehmen, die meisten davon in Meßstetten-Tieringen, ein kleiner Ort. "Mein Bruder und ich, unsere Familien wohnen hier, wir gehen in die gleiche Kirche und in die gleichen Vereine wie die Einwohner. Das ist schon ein anderes Miteinander", sagt Link.

Büromöbel: Bürostühle müssen Normen erfüllen und viel aushalten. Deshalb werden sie viele Hundert Stunden getestet.

Bürostühle müssen Normen erfüllen und viel aushalten. Deshalb werden sie viele Hundert Stunden getestet.

(Foto: Elisabeth Dostert)

Operativ sei es immer noch ein Kampf, sagt Link, weil auch Interstuhl die Engpässe in den Lieferketten spürt und andere Auswirkungen der Pandemie. Neulich sei ein Logistikpartner für ein paar Tage komplett ausgefallen, weil sich Mitarbeiter mit dem Coronavirus angesteckt hatten. "Wir mussten dann mit eigenen Mitarbeitern aushelfen und Aufträge kurzfristig umdisponieren, wie schon häufig in der Pandemie", erzählt Link. Die Preise für Energie und Material seien auch gestiegen, aber er könne die höheren Kosten nicht unmittelbar an Kunden weitergeben, weil er mit vielen gewerblichen Kunden langfristige Lieferverträge hat.

Das Geschäftsjahr 2020 endete dennoch glimpflicher als Link befürchtet hatte, der Umsatz sank nur um sieben Prozent und vergangenes Jahr übertraf er mit knapp 200 Millionen Euro schon wieder das Vor-Pandemie-Niveau. Die Pandemie habe viele Trends beschleunigt, die Interstuhl schon aufgenommen hatte. Da habe es sich ausgezahlt, dass der eigene Online-Shop schon stand und die Firma angefangen habe, nicht mehr nur gewerbliche Kunden über Fachhändler zu bedienen, sondern auch Endverbraucher. "Zwei sehr unterschiedliche Geschäftsmodelle", sagt Link.

Büromöbel: So fing es an: Das Modell Bi-Regulette, eine schlichte Sitzgelegenheit aus Stahl, Holz und Aluminium. 110 000 Stück wurden zwischen 1962 und 1969 verkauft.

So fing es an: Das Modell Bi-Regulette, eine schlichte Sitzgelegenheit aus Stahl, Holz und Aluminium. 110 000 Stück wurden zwischen 1962 und 1969 verkauft.

(Foto: PR)

"Im Home-Office merkten viele Menschen, dass der Stuhl vom Discounter für 99 Euro zwar mal für zehn Minuten oder eine halbe Stunde am Schreibtisch taugt, aber nicht für einen ganzen Tag", sagt Link. Im Online-Shop können sie sich ihren Stuhl konfigurieren. "Private Kunden kaufen anders." 80 Prozent der Drehstühle, die Interstuhl an gewerbliche Kunden liefere, seien schwarz. Zuhause solle der Stuhl zur Einrichtung passen. "Der Bezug darf dann auch mal rosa und wohliger sein als der Sitz im Büro."

"Hyggelig" soll es im Home-Office sein

Für dieses Wohlgefühl pflegen sie bei Interstuhl ein eigenes Wort: "hyggelig", abgeleitet vom dänischen Wort für eine gemütliche, herzliche Atmosphäre. Die Leute geben Link zufolge jetzt auch mehr Geld aus für den Drehstuhl im Home-Office - zwischen ein paar hundert und ein paar tausend Euro können das schon sein. Wie hoch der Anteil der Privatkunden am Umsatz der Firma ist, weiß Link selbst nicht genau, denn auch die kaufen im Fachhandel ein.

Die "Arena" ist auch eine Art Museum, gezeigt wird die Geschichte der Firma, die wiederum auch eine Geschichte des Sitzens ist. Man könnte sich jetzt darüber streiten, ob Helmut Link zur zweiten, dritten oder vielleicht schon 13. Generation gehört. Angefangen hat alles mal mit einer Schmiede. Die Firma ist auch deswegen noch "im Spiel", weil sie sich drastisch gewandelt hat. Den Übergang vom Handwerk zur industriellen Produktion vollzog Werner Link, der Vater der heutigen Gesellschafter.

Büromöbel: Das Geschäft mit Stühlen für Labore lief auch in der Pandemie.

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(Foto: PR)

Weil Schmiedeprodukte in den 50er- und 60er-Jahren nicht mehr gefragt waren, entwickelte er, so schildert das sein Sohn, Gestelle für Nähmaschinen. Der Zollernalbkreis war und ist ein Zentrum der Textilindustrie, Bekleidungshersteller wie Marc Cain, Speidel und Mey sitzen hier und viele Anbieter technischer Textilien wie Mattes & Ammann, ein Nachbar von Interstuhl.

1961 gründet Werner Link dann Interstuhl, 1962 bringt die Firma den ersten Drehstuhl mit patentierter Höhenverstellung heraus: die Bi-Regulette, eine schlichte Sitzgelegenheit aus Stahl, Holz und Aluminium. 110 000 Stück werden zwischen 1962 und 1969 verkauft. Bis heute habe Interstuhl insgesamt mehr als 50 Millionen Stühle ausgeliefert, sagt Link - für Büros, Konferenzräume, aber auch unter der Marke Backforce für die Gamingszene und unter der Marke Bimos für Industrie- und Laborräume. Jährlich verkauft das Familienunternehmen allein 700 000 Drehstühle. Zu den Kunden zählen Daimler, der Volkswagen-Konzern und Tesla. In der "Arena" gibt es Fotos von den Firmen. Und irgendwo auch einige aus einem Bond-Film: Daniel Craig als Agent 007 und Julie Dench als Geheimdienstchefin M saßen auch schon auf Stühlen aus Meßstetten-Tieringen.

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